Israelischer Gesandter betreibt Geschichts-Revisionismus

In der Süddeutschen Zeitung vom 15. Mai, einen Tag nach dem 60. Geburtstag
des Staates Israel, schreibt der

israelische Gesandte und stellvertretende Botschafter Ilan Mor

einen Beitrag in der Rubrik Außenansicht unter dem Titel

Eine selbstverschuldete Tragödie.

Der Untertitel lautet: „Warum haben die Palästinenser immer noch keinen eigenen Staat?“

Im selben Untertitel gibt Ilan Mor sogleich die Antwort: „Weil sie seit 70 Jahren jedes Angebot zurückweisen.“

Der eigentliche Beitrag beginnt mit einer für aufgeklärte Zeiten schwer verdaulichen Behauptung:

„Die Gründung des jüdischen Staates im Land Israel war kein Zufall der Geschichte.“

Ohne in Geschichtsphilosophie einzutauchen lässt sich feststellen, dass Behauptungen der Art „dieses und jenes geschichtliche Ereignis hatte so kommen müssen“ eher in archaische, mittelalterliche oder religiös-eschatologische Begriffswelten als in die Neuzeit passen.

Nur wer hinter dem Lauf der Geschichte das zielgerichtete Schalten Gottes sieht (eine konservativ-religiöse Weltanschauung) oder das Walten einer esoterischen „Vorhersehung“ (eine Weltanschauung, wie sie etwa vom „Führer“ vertreten wurde), kann so einen Satz äußern.
Ansonsten würde man heutzutage eher einräumen, dass wir es mit Kontingenz zu tun haben. Die historische Entwicklung geht ihren Weg so, wie sie ihn geht, aber sie könnte ihn an jeder beliebigen Stelle – also zu jedem beliebigen Zeitpunkt – ganz anders beschreiten. Nur im Nachhinein lässt sich sagen, was war. Und selbst das ist – wie in der Darstellung von Herrn Mor zu sehen ist – äußerst schwierig.
Manchmal genügt nur eine kleine „historische Unachtsamkeit“ wie die Levi Eshkols im Jahr 1967, um dem weiteren Lauf der Dinge eine völlig neue Wendung zu geben.

Es ist aber immerhin hilfreich zu wissen, aus welcher weltanschaulichen Position jemand argumentiert. Damit lässt sich bisweilen ganz gut die darauf aufbauende Position abschätzen.

Nur auf Grundlage seiner eschatologischen (auf ein Endziel ausgerichteten) Weltanschauung kann Ilan Mor dann mit der Feststellung fortfahren:

Die Wiederherstellung der jüdischen Souveränität in diesem schmalen Streifen Land war […] die Korrektur eines historischen Fehlers.

Die Geschichte also hat einen Fehler begonnen, der korrigiert wurde? Eine krude Vorstellung.

Nach diesem wundersamen Auftakt geht der Gesandte sogleich zu einem massiven Angriff auf Israel-Kritiker über, der insofern ärgerlich ist, als er mutwillig einen negativen Zusammenhang konstruiert:

Es ist bedauerlich, dass die Versuche , die Existenz des Staates Israels zu delegitimieren, auch 60 Jahre nach seiner Gründung noch nicht aufgehört haben. Dabei kommen auch in den deutschen Medien vermeintliche Glückwünsche häufig mit der Bezichtigung daher, Israel trage die Schuld an der palästinensischen „Katastrophe“ [….]

obwohl es sich dabei um eine weithin

selbstverschuldete Tragödie handelt.

Aus Deutschland kennt man – abgesehen von vereinzelten Ewiggestrigen – keine nennenswerte Anzahl von Stimmen, die Israel allen Ernstes ein Existenzrecht absprechen würden. Es mag Umfragen geben, aus denen sich mangelnde Sympathiewerte für die Politik des heutigen Israel ergeben, die aufhorchen lassen. Daraus allerdings eine Ablehnung des Staates an sich zu generieren, schiesst weit übers Ziel hinaus.

Die ärgerliche Konstruktion kommt jedoch erst zustande durch das Verknüpfen dieser Behauptung mit den „vermeintlichen Glückwünschen“ und der Schuldzuschreibung an der palästinensischen Katastrophe.

Liest man diese Darstellung Ilan Mors von hinten, wird der infame Zusammenhang deutlicher:
– die palästinensische „Katastrophe“ ist erstens nur bedingt eine Katastrophe (daher die Anführungszeichen)
– die Palästinenser haben „weithin“ selbst schuld daran
– Kritik an Israel an dieser nicht ganz echten Katastrophe ist damit unlauter
– die Glückwünsche, die diese falsche Kritik beinhalten, sind nur Tarnungen, um Israel in Wirklichkeit das Existenzrecht abzusprechen.

Eigentlich müsste man an dieser Stelle mit dem Lesen des Artikels von Ilan Mor aufhören, weil es schon eine rechte Zumutung ist. Hier möchte einer mit Brachialargumenten all jene in eine harte Anti-Israelfront pressen, die anfangen vom palästinensischen Los zu sprechen.

Manche Behauptungen sollten aber nicht unwidersprochen bleiben, und schon gar nicht, wenn sie von einem Offiziellen stammen.

Ilan Mor behauptet, die Palästinenser hätten wieder und wieder die Offerten
für ein eigenes Land ausgeschlagen. So zum Beispiel die Empfehlungen der britischen Peel-Kommission in 1937.

Zunächst ist festzuhalten, dass Ilan Mor die Tatsache unterschlägt, dass der
Zwanzigste Zionistenkongress dem Gedanken der Teilung zwar
zugestimmt hat, nicht aber den darin enthaltenen Grenzziehungen.

Insofern kam ihm die Ablehnung der Araber durchaus entgegen.
Für deren Ablehnung gab es auch triftige Gründe.
Diesen etwa:

The population exchange, if carried out, would have
involved the transfer of approximately
225,000 Arabs and 1,250 Jews.
[Nach: Report of the Palestine Royal Commission]

Oder diesen: Die Landaufteilung hätte den Juden den wichtigen See Genezareth und die eminent wichtigen Wasserzuflüsse im Norden zugeschlagen, den
Arabern aber u.a. die unwirtliche Negev-Wüste und die trockensten Küstenregionen, die heute den Gazastreifen ausmachen. Das dürfte die Ablehnung erklärbar machen (wenigsten aus nicht-jüdischer Sicht). Das aber ist nicht das business von Ilan Mor.

im übrigen stellte die der Peel-Kommission nachfolgende Woodhead-Kommission – sie sollte sich um die konkreten Grenzziehungen kümmern – fest , dass die Vorschläge der Peel-Kommission zu günstig für die jüdische Seite ausgefallen seien.

Damit hat sich das Argument von Ilan Mor beinahe ins Gegenteil verkehrt.

Nur eines der Beispiele Ilan Mors, die Palästinenser hätten alles ausgeschlagen, trifft weitgehend zu: Der Vorschlag von Ehud Barack gegenüber Jassir Arafat. Aber selbst wenn dieser Kompromiss umgesetzt geworden wäre, würde das keine Antwort liefern zu der Frage nach der palästinensischen „Katastrophe“.

Blaise Pacal riet, Kritik an einer Theorie müsse an deren Wurzel ansetzen, wolle man den ganzen Baum zu Fall bringen. Die Wurzel der Mor-Behauptung ist die der israelischen Nicht-Schuld an der palästinensischen Katastrophe.

Hat Israel einen Anteil an etwas, das man Katastrophe des palästinensischen Volkes nennen könnte?

Bis vor wenigen Jahren gab nicht nur die israelische, sondern letztlich die Geschichtsschreibung weltweit folgende Fassung wider: Mit dem erfolgreichen israelischen Unabhängigkeitskrieg von 1948 zogen die arabischen Bevölkerungsteile auf Anraten ihrer Führer und auf Befehl ihrer eigenen arabischen Aggressor-Armeen von ihrem Land ab und überliessen es den vorrückenden israelischen Streitkräften. Nur in ganz wenigen Fällen habe es möglicherweise Druck auf Araber gegeben, das Land zu räumen.

Der ehemalige israelische Außenminister Abba Eban ging in seinen Erinnerungen „Dies ist mein Volk“ über das Schicksal der besiegten Palästinenser mit keinem Wort ein, obwohl er die Bevökerung mit 1,2 Millionen beziffern konnte.

Etwas deutlicher, aber durchaus im Sinne der lange Zeit gültigen Darstellungen zur arabischen Flucht, war der Staatsgründer Ben Gurion in seinem Tagebuch. Dort hatte er am 5. Juni 1948, inmitten des Unabhängigkeitskriegs, eingetragen:

Josef Weitz brachte mir den Plan eines „Bevölkerungstransfers“. Nach seinen Mitteilungen haben 123000 Araber 155 im Gebiete des Staates liegende Dörfer verlassen, 22000 Araber 35 Dörfer außerhalb dieses Gebiets. […] Aus zwei Städten, die außerhalb des uns zugesprochen Gebiets liegen (Jaffa und Akko), gingen 73000 Araber fort, während 40000 Araber ihre Wohnungen in Jerusalem räumten.
[…] dafür Sorge zu tragen, die von den Arabern verlassenen Dörfer mit Hilfe des Jüdischen Nationalfonds zu besiedeln.

Josef Weitz oder auch Yossef Weitz war der Leiter der Abteilung Siedlungsangelegenheiten des JNF, des Jewish National Fund. Der JNF war hauptsächlich mit Landkäufen in Palästina beauftragt. Daran ist zunächst nichts auszusetzen, hätten die neuen Landbesitzer nicht radikal mit der bisherigen Tradition von Landkäufen gebrochen.

Als agraisch gepägte Region konnten die Bauern, Viehzüchter und Nomaden üblicherweise auf ihrem Land bleiben, auch wenn der Eigentümer gewechselt hatte. Es war geradezu erwünscht, da das Land nur dadurch Gewinn bringen konnte. Die jüdischen Landkäufe allerdings brachte häufig die Vertreibung der ansässigen Araber mit sich. Dies umzusetzen war unter anderem die Aufgabe von Yossef Nachmani, einem Assistenten von Weitz. In den Worten Nachmanis dürften die neuen Siedler keine „Feigheit“ an den Tag legen, wenn es darum gehe, das jüdische Land von Arabern frei zu machen. (Nach: Pappe, ethnic cleansing, S. 18)

Zurück zur Darlegung Ben Gurions. Da Ben Gurion die neutralen Begriffe „verlassen“ und „gingen“ verwendete, stellt sich die Frage, warum es darüberhinaus eines Plans für einen Bevölkerungstransfers bedurfte.

Konkret wurde Ben Gurion in seinem Fünf-Punkte-Programm vom 14. Juni 1948:

4. Die Errichtung neuer Siedlungen. Dazu sind wir stets und besonders jetzt verpflichtet, und eine Erläuterung ist überflüssig. Ich will aber eine Bemerkung hinzufügen: Wir haben uns Veröffentlichungen zu enthalten, denn ihr Schaden ist größer als ihr Nutzen. Es ist ratsam, dass wir an die Neuansiedlung ohne viel Aufhebens in beschleunigtem Tempo und in größerem Umfang herangehen, dazu haben wir die Möglichkeit. Das gleiche gilt für die Einwanderung. Sie ist zu erhöhen, aber ohne viel Gerede.
[ Nach: Ben Gurion, Israel, Der Staatsgründer erinnert sich, S. 124)

Auch wenn der künftige Ministerpräsident hier unzweideutig seine Politik darlegt, lässt dies noch lange keinen Schluss zu, wie die Ansiedlungsaktionen oder der besagte „Bevölkerungstransfer“ in der Praxis vonstatten ging.

Bevor wir dazu kommen, hier zunächst die „klassische“ Version in den Worten von Ilan Mor:

Es war während des […] Unabhängigkeitskriegs, dass sich eine große Zahl von Palästinensern dazu entschied, das Land zu verlassen. Die meisten taten dies auf Veranlassung ihrer lokalen politischen Führungen und der arabischen Nachbarstaaten.

Um keinen Zweifel zu lassen, bekräftigt Ilan Mor:

Eine „ethnische Säuberung“ hat es nie gegeben.

[ Um eine Begriffsverwirrung auszuschliessen: Mit ethnischer Säuberung muss nicht zwangläufig ein Völkermord einhergehen. Die systematische, gewaltsame Vertreibung bestimmter Bevölkerungsgruppen aus ihrer angestammten Heimat erfüllt den Tatbestand der ethnischen Säuberung.]

Die klare politische Zielsetzung Ben Gurions war präziser durch ein elfköpfiges Gremium formuliert worden, das bereits am 10. März 1948 im sogenannten „Roten Haus“ in Tel Aviv zusammenkamen und beschloss:

The palestians have to go.

[IDF Archiv file 922/75/595]

Im Unabhängigkeitskrieg (und danach) sollte diese definierte Politik folgende konkrete Anwendung finden. Im Rückblick berichtet Yitzhak Pundak, der im Südabschnitt in der Givati-Brigade diente, wie folgt:

There were two hundred villages and these are gone.

We had to destroy them, otherwise we would habe the Arabs here as we have in Galilee.

We would have had another million Palestinians.

(Nach: Haaretz, 21. März 2004)

In diesem Krieg gab es sogar einige wenige ausländische Reporter, die „embedded“ waren. In der „Operation Dani„, die die arabischen Städte Lydd und Ramla eroberte, spielten sich grauenhafte Massaker und die vollständige Vertreibung der Bevölkerung statt.

Yigal Alon, Kriegsheld und Befehlshaber dieses Abschnitts, fragte Ben Gurion, was mit der Bevölkerung zu geschehen habe. Ben Gurion antwortete:

Drive them out! [ Verjagt sie! ]

Der Journalist Keith Wheeler von der Chicago Sun Times berichtete über die Operation:

Practically everything in their [the Israeli forces‘] way died.

Riddled corpses lay by the roadside. [Durchsiebte Leichen lagen am Straßenrand]

Kenneth Bilby vom New York Herald Tribune schrieb über seine Beobachtung von

[…] corpses of Arab men, woman and children strewn about in the wake of the ruthless brilliant charge.
[herumliegende Leichen von Männern, Frauen und Kindern im Zuge des rücksichtslosen und brillianten Angriffs]

Während hier neben dem Horror offenbar auch die militärische Bewunderung mitschwang, nahm sich die Wirklichkeit wesentlich inhumaner aus.

Der stellvertretende Befehlshaber der Aktion war kein Geringerer als der spätere Ministerpräsident Yitzhak Rabin. Rabin ging davon aus, dass es 50.000 waren, die auf diese Art aus den beiden Städten gejagt wurden.

Der London Economist berichtete, wie die Bevölkerung jeglicher Habe beraubt wurde, bevor sie verjagt wurde:

The Arab refugees were systematically stripped of all their belongings before they were sent on their trek to the frontier.

Household belongings, stores, clothing, all had to be left behind.

Die Araber, die sich nach mehrstündigem Widerstand in der Moschee von Lydd ergaben, wurden in der Moschee hingerichtet.

[Nach: Pappe, ethnic cleansing, S. 166 ff.]

Das sollten nur Beispiele sein. Es handelt sich keinesfalls um vereinzelte oder zufällige Grausamkeiten, „wie sie in jedem Krieg vorkommen können“ (wie noch Benny Morris annahm).

Die Palästinenser sollten vertrieben werden, mit allen dafür erforderlichen Mitteln.

Wer keinen Geschichtsklitterungen anhängen will, kann seit einigen Jahren auf eine nennenswerte Zahl seriöser historischer – insbesondere israelischer – Darstellungen zur gewaltsamen Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung zurückgreifen.

Ahmad Sadi lehrt an der Ben-Gurion Universität Politikwissenschaft:

Im amerikanischen Wahlkampf hat Hillary Clinton mehrfach für ungläubiges Staunen gesorgt, indem sie zum Beispiel eine gefährlich klingende Scharfschützen-Geschichte zu ihrer Bosnien-Reise erzählte, die sich anhand von öffentlich zugänglichem Videomaterial als schlicht gegenstandslos herausstellte. Das Staunen war deshalb so groß, weil man sich fragen musste: Wieso erzählt Frau Clinton solche Dinge, wenn sie doch zwingend annehmen muss, dass ihre Position umgehend widerlegt wird?

Wieso erzählen israelische Offizielle noch heute die Mär vom „freiwilligen Gehen“ der arabischen Bevölkerung?

Dazu lieferte Ilan Mor auch

Eine ärgerliche Debatte auf Phönix

Auf Phoenix debattierten Ilan Mor, Rafael Seligmann (Schriftsteller), Fuad Hamdan (Leiter des Dritte-Welt-Zentrums München, in Palästina geboren) und Marcel Pott, der früher Korrespondent im Nahen Osten war, über 60 Jahre Israel und die palästinensische Misere.

Nachdem seitens der Moderatorin Anke Plättner und Fuad Hamdans früh im Gespräch versucht wurde, die Sprache auf die sogenannte palästinensische Katastrophe („Nakba„) zu bringen (Hamdan erklärte dazu, sein Dorf sei 1948 vollkommen zerstört worden), versuchte Ilan Mor sofort abzuwiegeln (Transcript):

Es lohnt sich nicht, über die Vergangenheit zu sprechen.
Die Ursache des Konflikts zu verstehen, es ist alles bekannt.
Alles ist auf dem Tisch.

Einwurf Hamdan:

Wir kennen das, aber das Publikum nicht unbedingt…

Mor:

… glauben Sie es mir, sie [das Publikum] wissen alles, die Ursachen und Wirkungen, aber wichtig ist, dass nicht auf die Vergangenheit gepocht wird, nicht auf historische Gerechtigkeit gepocht wird…

Fuad Hamdan warf sodann ein, es sei eine Ungerechtigkeit, dass er als im Land Geborener nicht dort wohnen dürfe, Herr Mor als Jude hingegen schon. Das sei Rassismus.

Herr Mor ging in seiner ausweichenden Erwiderung soweit, seinen palästinensischen Gesprächspartner persönlich zu beleidigen. Nachdem es Fuad Hamdan immer noch um die Frage ging, wieso Herr Mor und seine Familie dort leben dürften, nicht aber er, Fuad Hamdan, hielt ihm Herr Mor entgegen:

Aber, Sie müssen sich selber die Frage stellen, warum?

Ihre Familie lebt doch auch dort.

Hamdan:

Aber ich will ja wieder zurück!

Mor:

Warum haben Sie diese Gebiete verlassen? [sic!] Also …

[Mor will mit diesem „Also“ diesen Punkt abbrechen, und fährt daher fort mit: ]

Grundsätzlich müssen wir über die Zukunft sprechen…

Moderatorin:

Nochmal, Herr Mor: Warum kann Herr Hamdan dort nicht leben?

Mor:

Ich weiß nicht, das ist wahrscheinlich ganz persönlich.

Um kein Mißverständnis (oder keine Ausrede) aufkommen zu lassen: Es geht nicht um die Tatsache, dass die arabischen Armeen unmittelbar nach der israelischen Unabhängigkeitserklärung das Land angegriffen haben und Israel ein fragloses Recht auf Selbstverteidigung hatte. Es geht um die Frage, wie man im Zuge des Kriegs mit arabischen Frauen, Kindern, Alten oder sich ergebenden Soldaten umging. Es geht um den Umstand, dass in der Zeit nach dem Sechtsagekrieg von 1967 mit der widerrechtlichen Besiedlung palästinensischer Gebiete begonnen wurde und der damit einhergehenden massiven Militärpräsenz ein normaler arabischer Alltag unmöglich gemacht wurde und wird. Diese Dinge machen die Katastrophe aus, nicht die militärischen Niederlagen.

Das Dorf Fuad Hamdans also wurde zerstört, er gehört zu den Vertriebenen und muss sich sagen lassen, er müsse sich überlegen, warum das so sei? Ilan Mor kommt offenkundig nicht einmal aus Erwägungen des Anstands auf die Idee, ein verbales Zugeständnis zu machen im Sinne von „Sie waren damals noch ein Kind, und können nichts für Ihre Situation, und sie ist bedauerlich“ oder etwas in dieser Richtung.

Nein, es ist kein Zufall und es ist nicht dem Eifer der Debatte zuzuschreiben, dass Ilan Mor Fuad Hamdan auffordert, sich gefälligst zu überlegen, wieso er (höchstpersönlich) nicht mehr dort unten leben dürfe.

Diese Haltung und die zugehörigen Äußerungen bekräftigen nur den Satz, den Herr Mor in seinem Süddeutschen-Beitrag formuliert hat: Die Palästinenser seien an ihrer Lage doch selbst schuld.

Bemerkenswert. Das hörte man früher ganz ähnlich. Die Juden sind doch selbst schuld an ihrem Schicksal.

Wie Ilan Mor auf diesen Satz wohl reagieren würde?

Mit der vom Gesandten Mor praktizierten Geschichtsklitterung jedenfalls erweist er seinem Amt und seinem Land keinen guten Dienst. Sein Trost: Ehud Olmert und seine Chefin Tzipi Livni sehen das gewiß anders.

Herr Mor: Halten Sie sich doch an Ihren Staatsgründer und ersten Ministerpräsidenten, um mehr über die Anfänge des palästinensischen Unglücks zu erfahren. David Ben-Gurion schrieb am 12. Juli 1937 an seinen Sohn:

Tha Arabs will have to go, but one needs an opportune moment for making it happen, such as a war.

Der geeignete Krieg („opportune moment, such as a war“) war der von 1948, und mit dem von 1967 begann die nach Internationalem Recht illegale Besiedlung des Etzion-Blocks.

Aber wie sagten Sie doch gleich?

Es lohnt sich nicht, über die Vergangenheit zu sprechen.

Sie werden Ihre Gründe haben. Aber erwarten Sie nicht, dass wir sie teilen.

— Schlesinger

Das Phoenix-Interview finden Sie hier.

(Photo: Deutschlandradio, Bettina Straub)
(Karte: en.wikipedia)
(Photo: Freepal)(Photo: Freepal)

1 Comment

  1. Ein großartiger Artikel. Danke für die mühevolle Arbeit.
    Ein Nachteil gibt es jedoch: Nach der Lektüre ist mein Aggressionspegel wieder zu hoch. Wenigstens schneit es, das kühlt ab.

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