Hisbollah besetzt weite Teile von Westbeirut

Die schiitische Hizbollah-Miliz von Hassan Nasrallah hat im Handstreich weite Teile Westbeiruts besetzt.

Reuters:

Es sind die schlimmsten internen Auseinandersetzungen im Libanon seit dem Bürgerkrieg von 1975 bis 1990.
Sie entzündeten sich am Streit über ein Telefonnetz, das die Hisbollah in Eigenregie betreibt und das die Regierung für illegal erklärte.
Hisbollah-Chef Sajjed Hassan Nasrallah sprach daraufhin von einer Kriegserklärung der Regierung gegen seine Bewegung.

Neben dem Streit um das Telefonnetz sorgte auch die Entlassung des Sicherheitschefs des Beiruter Flughafens für Aufruhr, da er der Hizbollah angehört und unter dem Vorwurf der Sabotage vom Drusenführer Walid Dschumblatt entlassen wurde.

Die Neue Zürcher Zeitung:

Die Kämpfer des Hizbullah und der Amal-Bewegung beherrschten am Freitagmorgen die meisten Strassen und Plätze von Westbeirut.

Sämtliche Verbindungen der Hauptstadt zum Hinterland sind durch schiitische Kämpfer abgeriegelt.

Ein Verhandlungsangebot des Sohns des vormaligen sunnitischen Regierungschefs Rafiq Hariri, Saad Hariri, lehnte Nasrallah umgehend ab ( New York Times ):

Hariri later went on television urging Hezbollah to pull its fighters back and “save Lebanon from hell.“

He proposed a compromise that would involve the army, one of the sole national institutions respected by Lebanon’s long deadlocked factions.

But Hezbollah and its allies swiftly rejected the offer.

Al-Manar television, which is run by Hezbollah, said the group would not agree to any ideas to end the crisis that were not proposed by Nasrallah.

Der Botschafter Saudi-Arabiens im Libanon hat offenbar den libanesischen Regierungschef Fouad Siniora zum Rücktritt aufgefordert, wie Al Jazeera berichtet.

Damit hat die von Iran und Syrien unterstützte Miliz hat das monatelange Machtvakuum im Libanon gefüllt.

Eine Übernahme zentraler Teile des Libanon durch Nasrallah wird vom Westen und Israel nicht hingenommen werden.

Hier rächt sich – nach Afghanistan – ein weiteres mal der kräftezehrende Einsatz der US Armee im Irak.

Sind den USA in Afghanistan schon die Hände gebunden, so dass der dortige Einsatz nicht im erforderlichen Umfang geführt werden kann, so zeigt sich angesichts der Lage im Libanon, dass keine oder keine ausreichenden Reserven zur Verfügung stehen, um dem dortigen umstürzlerischen Geschehen Einhalt zu gebieten.

Im israelischen Krieg gegen die Hizbollah von 2006 konnte man sehen, wie schwer sich selbst der militärische Riese IDF (Israeli Defense Force) tut, sich unter Guerilla-Bedingungen gegen eine gut gerüstete und trainierte Miliz durchzusetzen.

Ein Kampf Israels oder der USA im Häusermeer Beiruts jedenfalls wäre eine Katastrophe. Das lehren die blutigen Bürgerkriegsjahre von 1975 ff. Was bleibt, sind drastische Militäroperationen aus der Luft oder von der See her. Sie würden aber nur schwere Verwüstungen mit sich bringen, wären aber keinesfalls geeignet, die Hizbollah aus Beirut zu vertreiben.

Eine Aktion wie die von 1982, in der Israel die PLO mit Jassir Arafat an der Spitze recht zügig aus dem Libanon und schließlich aus Beirut drängen konnte, wird bei der hoch gerüsteten und zahlenmäßig angewachsenen Hizbollah nicht ohne eigene schwerste Verluste möglich sein.

Die USA hätten sich nie in die Situation bringen dürfen, sich in einen war of choice zu verstricken, der ihnen die Mittel raubt, sich im Notfall an wichtigeren Plätzen engagieren zu können. Dieser Notfall könnte bevorstehen.

Washington betont stets, der Hüter Israels zu sein. Es sieht danach aus, als würde die Hüterfunktion sehr bald benötigt. Mit Massenbombardements des Libanons oder drastischeren Mitteln lässt sich das Problem jedoch nicht lösen.

Und dennoch könnte dem geschundenen Land genau das bevorstehen.

Während die Öffentlichkeit ihren Blick auf Beirut richtet, gerät die drastische humanitäre Lage in Gaza (von Dharfour nicht zu reden) in den Hintergrund. Darauf macht Jimmy Carter einmal mehr aufmerksam:

The world is witnessing a terrible human rights crime in Gaza, where 1.5 million human beings are being imprisoned with almost no access to the outside world by sea, air, or land.

An entire population is being brutally punished.

Bleibt im Falle Beiruts fürs erste zu hoffen, dass sich alle westlichen Regierungen sehr rasch zusammen finden, um zügig zu einer effektiven nicht-militärischen Reaktion zu gelangen.

Israel hätte kaum kein schlimmeres Geburtstagsgeschenk bekommen können.

— Schlesinger

(Photo: Irans Ahmadinedschad, Syriens Assad, Hassan Nazrallah ---  spdl_n1)
(Photo: Hassan Nazrallah --- delayed_gratification)