Der fundamentale Fehler von Hillary Clinton

Aus dem bisherigen Verlauf des Wahlkampfs lässt sich das eine oder andere harsche Wort von Hillary Clinton oder über manch harte Kritik seitens Barack Obamas berichten.

Man kann abzählen, wer wen öfter beleidigt hat.

Man kann schließlich den Versuch unternehmen, die verbalen Fehltritte oder taktischen Manöver zu gewichten, um schließlich zu dem Schluss zu kommen, Hillary ist – um einen beliebigen Wert zu nehmen – 17% unfairer als Obama.

georg_simmel.JPGDas alles wäre ein schöner Zeitvertreib für Freunde der Statistik.

Er würde aber den Kern des Disputs zwischen Hillary Clinton und Barack Obama nicht treffen.

Zum Kern des Disputs führt indessen eine Darlegung von Georg Simmel. Simmel ist einer der Granden der Soziologie und schrieb im Jahr 1903 eine kleine Abhandlung über das Thema „Konkurrenz„.

Um die Prämisse seiner Darlegung klar zu machen, wendet sich Simmel zunächst gegen die Illusionen einer konfliktfreien Gesellschaft:

… das Friedensideal verleugnen nicht nur die des Kampfes frohen Naturen;
dieses Ideal verleugnet auch der Psychologe, der im Kampf die Äußerungen ununterdrückbarer Triebe erkennt;
auch der Soziologe, für den eine Gruppe, die schlechthin harmonisch wäre, nicht nur unwirklich ist, sondern auch keinen eigentlichen Lebensprozess aufweist;
die Gesellschaft der Heiligen, die Dante im Paradies erblickt, mag sich so verhalten, aber sie ist auch jeder Veränderung und Entwicklung enthoben.

Kurzum: Konflikt und Disput sind notwendige Bestandteile für den Lebensprozess einer Gesellschaft.

Bis hierher erscheint die Auseinandersetzung zwischen Obama und Clinton als Normalzustand, in dem beide nur das ihre tun, um den Wahlkampf „lebendig“ zu halten.

Simmel nimmt nun eine erhellende Begriffsbestimmung für „Konkurrenz“ vor, die sich unterscheidet von dem, was man als „Kampf“ bezeichnen kann:

Bei einer Konkurrenz geht es beiden Parteien um einen und denselben Preis.

In unserem Fall geht es um den Einzug ins Weisse Haus.

Die Konkurrenten bemühen sich parallel um diesen Preis.

Die parallele Bemühung erfolgt durch die Kampagnen.

Wer im Unterschied dazu mit einem anderen kämpft, um ihm etwas abzunehmen – Geld, Besitz, Ruf etc. -, verfährt in ganz anderen Formen, mit ganz anderen Techniken. In diesen Kampfformen stellt der Sieg über den Gegner den Siegpreis selbst dar.

In einer Konkurrenz jedoch führt der Sieg über den Gegner jedoch nicht zwingend zum Siegpreis. Die Überwindung des Gegners ist lediglich eine zeitliche Notwendigkeit. Sie bedeutet aber an sich noch gar nichts:

Der Politiker, der seinen Konkurrenten erfolgreich beim Publikum der Unzuverlässigkeit verdächtigt, hat damit noch nichts gewonnen, wenn nicht zufällig genau darin die Bedürfnisse der Wähler bestehen;

Ebenso wenig kommt der Liebhaber noch keinen Schritt weiter, wenn er seinen Nebenbuhler unmöglich gemacht hat, solange ihm die Dame seines Herzens ihre Zuneigung noch immer vorenthält.

Diese Färbung einer Konkurrenz tritt da auf, wo Zorn, Rache, Strafe oder der Wert des Sieges den Kampf ursächlich motiviert.

Ganz im Gegensatz dazu besteht die Idealform der Konkurrenz darin, dass jeder der Bewerber für sich auf das Ziel zustrebt, ohne eine Kraft auf den Gegner zu verwenden. Der Wettläufer, der nur auf seine Schnelligkeit vertraut, ist dafür ein gutes Beispiel. Man kämpft gegen den anderen, ohne sich gegen ihn zu wenden.

Der Sieg in dieser Konkurrenz ist nicht der eigentliche Erfolg. Der eigentliche Erfolg liegt in der Umsetzung der dahinter stehenden Werte.

Der Sportler also hat durch seinen Sieg die bessere Kondition, das bessere Training, die bessere Psyche unter Beweis gestellt.

Der Politiker gewinnt die Wahl in einer solchen Konkurrenz dadurch, dass er in den Augen der Wähler das bessere Programm hat oder sich als die geeignetere Führungspersönlichkeit darstellen kann. al08de

Darin liegt nun der ungeheure Wert der Konkurrenz für die betreffende Gesellschaft:

Die Kräfte der Kämpfer haben sich nicht gegenseitig verzehrt, sondern die bessere Kraft hat sich durchgesetzt und steht somit der Gesellschaft zur Verfügung.

Aus dieser Gegenüberstellung von Kampf und Konkurrenz entspringt der fundamentale Fehler Hillary Clintons.

Hillary Clinton hat längst die Prioritäten vertauscht. Sie möchte Barack Obama vernichten.

Wenn sie sagt, wie erfahren sie sei, sagt sie es nicht in Hinblick auf das Weisse Haus. Sie sagt es in Hinblick auf die vermeintliche Unerfahrenheit Obamas.

Wenn sie sagt, soweit sie wisse, sei Obama kein Muslim, hat das keinerlei Bezug zu ihren eventuellen präsidialen Fähigkeiten. Sie sagt es, um Zweifel am Glauben Obamas zu säen.

Wenn sie einen Werbespot schaltet, in dem den Wählern suggeriert wird, nur sie könne den kritischen Alarm-Anruf nachts um drei Uhr souverän meistern, so gilt das der vermeintlich unreifen Jugendlichkeit Obamas, und nicht ihren eigenen Fähigkeiten.

Das sind nur wenige Beispiele.
Sie stehen stellvertretend für die zugrunde liegende Motivation Hillary Clintons.

Sie wird oft als „Kämpferin“ bezeichnet.
Es ist fatal, dass diese Beschreibung sehr weit trägt.

Hillary Clinton ist einen weiten Weg gegangen, und dabei vom richtigen Weg abgekommen.

Georg Simmel wies darauf hin, dass im Falle eines Kampfes, anstelle dessen Konkurrenz angemessener sei, im Ergebnis nur eine Art Subtraktionsergebnis herauskomme.

Gewissermaßen der Rest, der vom vorangegangenen großen Kräfteverzehr übrig bleibt.

Just diese Erfahrung mussten die Vereinigten Staaten in der jüngsten Vergangenheit machen.

Aus den politischen Vernichtungskämpfen der Jahre 2000 gegen Al Gore und 2004 gegen John Kerry blieb für das Land nur ein dürftiger Rest übrig: George W. Bush.

— Schlesinger

(Anmerkungen für Soziologen: Simmel spricht de facto nur von Konkurrenz, und teilt diesen einen Begriff in zwei Interpretationen. Zum besseren Verständnis wurde hier der eine Begriff Konkurrenz in die Begriffe Konkurrenz und Kampf aufgeteilt. Die in kursiv gehaltenen Textstellen sind keine Originalzitate. Sie wurden für das hier vorliegende Thema angepasst, ihrem Sinn nach aber nicht verändert.)

Ergänzender Beitrag: Hillary Clinton sollte aus dem Wahlkampf aussteigen.

Für die „des Kampfes frohen Naturen“, wie Simmel sie nannte, gibt es diese Erwiderung.

Wer sich für die ursprünglichste Form des Kampfes interessiert, mag den Beitrag zu Klitschko lesen.

(Photo: Georg Simmel)