Al Quaida: Auf nach Paris!

Die USA wären gut beraten, ihre Mittel, Truppen und Fernost-Diplomatie fortan stärker auf Afghanistan zu richten, statt auf den Irak.

nach_paris.jpgKönnen Sie sich noch an die Bilder aus den Geschichtsbüchern der Schulzeit erinnern, auf denen zu sehen war, mit welcher Begeisterung die deutschen, aber auch die französischen und britischen Soldaten in den Ersten Weltkrieg zogen?

Auf nach Paris!“ stand da oft in großen, kreideweiß-fröhlichen Lettern auf den Eisenbahnwaggons, die die Truppen zur Front schafften.
„Zu Weihnachten zurück!“ versprach dabei die Heeresleitung (in modernem Englisch: „mission accomplished„).

Daraus wurde nichts. Die Soldaten verloren binnen kurzem ihre Fröhlichkeit, wurden öfter kreidebleich, als ihnen lieb sein konnte, und viele, allzuviele erstarrten leichenblaß für immer. Sechs lange Jahre sollte es dauern, bis das Grauen zu Ende war.

Der Krieg im Irak steht nun im fünften Jahr. Lassen wir für den Moment die „Schuldfrage“ außen vor, da es hier um einen anderen Aspekt gehen soll.

Auch im Irak waren die Beteiligten der Aufstände, nachdem die Truppen Saddams rasch bezwungen waren, mit großem Hurra dabei.

Gleich welcher Überzeugung sie waren:
Ob nun Sunniten, die um ihren alten Einfluss fürchteten, Schiiten klein halten und die Amerikaner aus dem Land haben wollten,
oder ob Schiiten, die nach jahrzehntelanger Unterdrückung durch Saddams Baathisten endlich ihre Chance ergreifen wollten,
oder ob Al Quaida, die alle Möglichkeiten vor sich wähnte, im Irak ein eigenes Netzwerk aufzubauen,
alle waren sie mit größtem Eifer bei jeweils „ihrer“ Sache.

Fünf Jahre Krieg, Terror, Angst, Not und Verzweiflung zeitigen längst ihre eigene Wirkung.

Gewiß, noch detonieren auf den Märkten Bagdads mehrfach wöchentlich Sprengsätze. Und dennoch wollen täglich weniger Irakis – gleich welcher Glaubensrichtung – länger Krieg oder Terror erdulden.

Mit anderen Worten: Die Zahl an Einwohner, die für zwielichte Ziele rekrutierbar wäre, wird mit jedem Tag kleiner. Das wird Al Quaida bereits heute spüren. Nicht nur, dass die Bereitschaft nachlässt, an einem irgendwie gearteten Aufstand mitzumachen, auch die Bereitschaft denen zu helfen, die diesem Irrsinn eine Ende bereiten, dürfte längst gewachsen sein und wird weiter zunehmen.

In Afghanistan stellt sich die Lage anders dar. Dort währt der Krieg zwar noch länger als im Irak, aber es waren über die Dauer des Kriegs weit weniger Menschen unmittelbar betroffen. Zwischenzeitlich gab es sogar regelrechte Kriegswinter, in denen kaum Aktivität zu verzeichnen war.

Nun hat sich das ideologische und logistische Rückzugsgebiet der Taliban, das sich in den grenznahen Gebieten Pakistans befindet, in jeder Hinsicht dramatisch ausgedehnt.

Es ist nicht nur der Rekrutierungshinterhof von Taliban und Al Quaida für Afghanistan, sondern stellt aufgrund seiner quasi- unabhängigen Position gegenüber der pakistanischen Regierung ein für die USA weitgehend unnahbares Refugium dar.

Darin liegt die besondere Bedrohung für jeden weiteren Fortschritt nicht nur in Afghanistan, sondern auch in der gesamten Region.

Für die Taliban und Al Quaida dürfte die Losung längst nicht mehr lauten: Auf nach Bagdad, sondern Auf nach Kabul!

Zumal dort das Geld nicht auf den Straßen, wohl aber auf den Feldern liegt. In Afghanistan, dem weltgrößten Produzenten von Opium, wurde in 2007 eine Rekordernte eingefahren.

— Schlesinger

(Photonachweis)