Der Mini-Rassismus der Geraldine Ferraro

geraldine_ferraro.jpgGeraldine Ferraro ist Mitglied der Demokratischen Partei. Sie war Abgeordnete im Repräsentantenhaus und wurde vor allem durch ihre Kandidatur als Vizepräsidentin neben Walter Modale einem größeren Publikum bekannt. Im Wahlkampfteam von Hillary Clinton war sie Mitglied des Finanzausschusses und Spendensammlerin, bis sie wegen umstrittener Äußerungen über Barack Obama am 12. März 2008 zurück treten musste.

Ferraro zeigte sich wiederholt empört über die ihrer Auffassung nach überproportionale Entrüstung, die man ihren Äußerungen entgegenbrachte. Was war geschehen?

Kurz gesagt ging es darum, dass Ferraro in einem Interview die Ansicht vertrat, Obama sei nur deshalb so weit gekommen, weil er zur richtigen Zeit am richtigen Ort war und dabei Schwarzer sei („If Obama was a white man, he would not be in this position“). Etwas Ähnliches sagte sie bereits 1984 über den schwarzen Bürgerrechtler und Präsidentschaftskandidaten Jesse Jackson: „if Jesse Jackson were not black, he wouldn’t be in the race.

Er habe gewissermaßen von der „Trendfarbe“ Schwarz profitiert. Die sogenannte „affirmative action“ – also die auch von Rechts wegen geförderte Bevorzugung von bislang benachteiligten Minderheiten jeglicher Art, die im Ergebnis zu einer Gleichberechtigung führen soll – habe sich in seinem Fall unverhältnismäßig vorteilhaft ausgewirkt.

Daher also die Kritik an ihr. Ferraro wehrte sich damit, zu insistieren, sie sei keine Rassistin. Es sei eben so, wie sie sagte. Rassismus, so meinte sie, funktioniere in zwei Richtungen. Mit der Kritik ihr gegenüber sei sie rassistisch angegriffen worden. al08de

Nun, Frau Ferraro weiß natürlich sehr genau, dass zu Rassismus mehr gehört als nur unbotmäßige Äußerungen über Einzelne aufgrund einer Hautfarbe oder sonstigen Eigenschaft. Sonst bliebe es bei einer Beleidigung. Beleidigungen müssen keineswegs rassistisch sein. Erst wenn die Abfälligkeiten dem Geist einer Gruppe enstpringt, die eine bestimmte andere Gruppe für biologisch-gesellschaftlich-kulturell unterlegen hält und mindestens der Tendenz nach Maßnahmen ergreift, sie deswegen zu benachteiligen, liegt Rassismus vor.

Es fällt deshalb schwer, Frau Ferraros Argument des „umgedrehten Rassismus“ zu akzeptieren. In welcher Form könnte sie benachteiligt werden? Wo gibt es eine Gedankenströmung, die behauptet, die Weissen wären kraft Hautfarbe den Schwarzen gegenüber minderwertig? Von dieser Strömung wird noch niemand gehört haben.

Man kann auch noch folgendes Gedankenspiel anstellen. Was wäre, wenn Clinton mehr oder weniger deutlich führen würde? Der Demokratische Parteitag würde wahrscheinlich nicht zögern, ihm aus Gründen der Parteiräson die Unterstützung zu verweigern und ihn bitten, er möge der Einheit der Partei zuliebe zugunsten von Frau Clinton aufgeben. Eine Spekulation, sicher. Aber man wird einräumen müssen, dass dieser Fall mit wesentlich größerer Wahrscheinlichkeit eintreffen würde als der umgekehrte.
Die Wahrheit ist einfach in diesem Fall. Frau Ferraro kam als eingefleischte Clinton-Helferin zum einen nicht damit zurecht, die Felle ihrer Kandidatin davon schwimmen zu sehen, und andererseits schlummert in ihr ein kleiner, latenter Rassismus, der sich in solchen Momenten Bahn bricht.

Es trifft schlicht nicht zu, dass Obama aus Bevorzugung da ist, wo er ist. Seine Kampagne ist schwungvoller, teils auch besser organisiert – siehe die Nutzung des Internet -, seine Botschaft willkommener und er selbst in politischen Dingen nicht weniger versiert als Clinton. So sehen es die Wähler.

Der Vorsprung Barack Obamas fiel nicht vom Himmel. Er resultiert aus einer demokratischen Bewertung, die auch Geraldine Ferraro zu akzeptieren hat.

— Schlesinger

(Photo: Wikipedia)