John McCain und der "Straight Talk"

Tacheles reden, könnte man sagen oder neudeutsch Klartext.

Straight Talk also lautet das Wahlkampfmotto des republikanischen Spitzenmannes McCain, der in seine Ansprachen immer wiederkehrend die Wir-verstehen-uns-Formel „my friends“ einflicht.

Die Süddeutsche liefert heute eine schöne Studie:

„Bisweilen wirkt McCain wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten, gezeichnet in Romanen, wie man sie im 19. Jahrhundert in Europa schrieb.

Dieser 71-jährige Herr ist Amerikas Variante eines adligen k.u.k. Offiziers.

Man konnte sich ausmalen, wie ein solcher Charakter reagieren würde, sollte er je Schulden anhäufen im Kartenspiel oder seine Weste sonstwie beschmutzen mit einer Affäre: Er würde sich gebeugt zurückziehen in ein stilles, mit Flaggen und Regimentsstandarten drapiertes Kämmerlein und zu einer blankpolierten Pistole greifen.“

Die Miniatur ist gut gezeichnet und entspricht vollkommen dem Eindruck, den man von McCain gewinnen kann.

Nur: Hält das Bild einer näheren Betrachtung stand?

Aktuell stehen die Vorwürfe gegen ihn im Raum, er würde eine Affäre zu einer Lobbyistin unterhalten oder habe eine unterhalten. Hinsichtlich der Frage, inwieweit das wichtig ist für eine Eignung als Präsident muss man ebenso wie bei der damals tatsächlichen Affäre Bill Clintons mit Monica Lewinsky sagen: Gar nicht. Und dennoch ist es eine Binsenweisheit, dass moralinsaure Themen bedeutsam sind im öffentlichen, zumal öffentlich-politischen Leben.

George W. Bush zog seinerzeit großen Vorteil aus seiner moralischen Frontstellung gegen die Clinton-Jahre und seinem Versprechen, er würde den Anstand wieder zurück bringen ins Weisse Haus.

Für tiefer gehende Erkenntnisse könnte eine nähere Untersuchung der Kontakte McCains zur Industrie erhellend sein. Dabei geht es nicht um Kontakte, die jeder Politiker pflegen muß und pflegen sollte, um mit allen wichtigen Gruppen im Gespräch bleiben zu können. So zuletzt geschehen im Dezember 2007, als sich McCain in einem Nobel-Skiressort in Utah unter Leitung des J.P.Morgan Vizechefs James Lee mit Chefs und Topmanagern aus der Finanz- und Industriewelt traf.

Wenngleich aus diesem Treffen erkleckliche Beträge an seinen Wahlkampffonds geflossen sind, ist dies grundsätzlich normal für derartige Runden und nicht weiter bedenklich. Meist bedient diese Klientel mehrere Kandidaten mit der Gießkanne, so dass man von einer gezielten Beeinflussung gar nicht reden kann.
Zur Erinnerung: Hierzulande sind Spenden an Parteien aufgrund der gewünschten Förderung parteilicher Tätigkeit von der Steuer abziehbar.

Es geht vielmehr um Kontakte, bei denen McCain kraft Amtes eingegriffen und die Dinge in eine bestimmte Richtung gelenkt hat.

1998 wurde John McCain vom Aufsichtskommittee des Senats wegen seiner – minderen – Verwicklung in einen Korruptionsskandal gerügt, der als die „Keating Five“ in die Geschichte der Wirtschaftsskandale einging.

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( Photos: Wikipedia / GNU ; von li.: Donald Riegle, John McCain,
  Dennis de Concini, Alan Cranston, John Glenn )

Was war geschehen? Seit den Achtzigern wurde das Bankenwesen in den USA dereguliert. Die Banken konnten u.a. Einlagen ihrer Kunden in geringer gesicherte Immobiliengeschäfte investieren (Ähnlichkeiten mit der heutigen Bankenkrise sind zufälliger Natur). In diesem lukrativen Geschäft hatten sich einige Banken verspekuliert. Unter den Bankrotteuren befand sich die von Charles Keating geleitete „Lincoln Savings and Loan Association“.

Gegen die daraufhin einsetztende Untersuchung der staatlichen Bankenaufsicht wandten sich durch direkte Einflußnahme auf den Chef der Behörde fünf US Senatoren – die sogenannten „Keating Five“. Einer von ihnen war John McCain.

In 1999 hatte sich McCain bei der staatlichen Aufsichtsbehörde für Medien – der Federal Communications Commission – dafür eingesetzt, dass ein Telefonunternehmen in Pittsburgh an eine Firma verkauft werden konnte, die von seinem langjährigen Unterstützer Lowell „Bud“ Paxson geleitet wurde. McCain meinte lakonisch, er habe sich nur deshalb an die Behörde gewandt, weil die übliche Bearbeitungszeit der Formalitäten bei weitem überschritten war.

In den Jahren 2003/04 – in denen er die mächtige Position eines Vorsitzenden des Handelsausschusses inne hatte – verwandte sich McCain gleich zweimal zugunsten des Komminikationsunternehmens Cablevision. Jeweils kurz darauf spendete Cablevision einmal 200.000 $ , einmal 100.000 $ an das steuerbefreite „Reform Institute„. Mitinitiator dieses Instituts war – John McCain.

Zugegeben, diese und weitere Vorgänge, die einen gewissen Einschlag haben, sind – will man sich nicht vorschnellen Urteilen hingeben – nicht ohne weiteres eindeutig zu bewerten. Es ist die Häufung, die einen nachdenklich werden lässt.

Ist John McCain ein Ehrenmann im Umfang dessen, was der Politbetrieb zulässt? Wir wagen es (noch) nicht zu sagen.

Schlimm wäre es ein hartes, unreifes Urteil über einen zufällen, der über die Jahre sauberer blieb als die meisten es je könnten.

In gewissem Sinn ist dies ein „natürlicher Vorteil“ für den Wahlkämpfer Barack Obama, kraft Juniorstatus im Gegensatz zu Hillary Clinton und John McCain schlicht noch nicht so vielen Versuchungen ausgesetzt gewesen zu sein.
Vorteil der Unerfahrenheit.
Gnade der Jugend.

— Schlesinger