Jüdischer Galgenhumor 1933 und Stolpersteine

Berlin Brandenburger Tor
Der Himmel über Berlin

Die Ausstellung „Topographie des Terrors“ in Berlin befindet sich an dem Ort, an dem sich während des nationalsozialistischen „Dritten Reichs“ die Zentralen der Gestapo, der SS und des Reichssicherheitshauptamtes befanden.

Neben den vielen Photo- und Schriftdokumenten, die einerseits die barbarische Natur des NS Regimes zeigen und andererseits die Verführbarkeit der Masse, fiel mir ein Dokument besonders auf.

Der Inhaber eines jüdischen Geschäfts hängte nach der „Machtergreifung“ der Nazis eine Tafel an seine Eingangstür, auf die er geschrieben hatte:

ICH BIN JUDE

Arier betreten mein Geschäft auf eigene Gefahr!

Irgendwann betrat ein SA-Mann das Geschäft.

Der SA-Mann sagte militärisch knapp: „Jüdisches Geschäft!

Worauf der jüdische Besitzer entgegnete: „Danke. Wir wissen Bescheid!“

Der SA-Mann schaute verdutzt und ging wortlos.

Wäre es nur immer dabei geblieben: Humor und Chuzpe siegen über dumme Brutalität. Blieb es aber nicht.

Stolpersteine erinnern an ermordete Juden

Während meiner Streifzüge durch Berlin kam ich hundertfach an den sogenannten „Stolpersteinen“ vorbei.

Stolpersteine
Ein Stolperstein in Berlin

Die Stolpersteine sind aus Messing und anstelle herkömmlicher Pflastersteine in den Belag des Bürgersteigs eingelassen. Sie tragen die Namen der deportierten ehemaligen jüdischen Bewohner des Hauses, vor dem man sich gerade befindet.

Die Stolpersteine sind eine unaufdringliche und trotzdem sehr eindrückliche Art auf die Tragödie aufmerksam zu machen, die sich vor nicht allzu langer Zeit hier abgespielt hat.

Denn man steht vor einem ganz normalen Haus und man sieht die Balkone und Fenster und die Haustüre, durch die diese Menschen ein- und ausgegangen sind, und deren Namen man nun kennt, und ihr Alter und ihr schreckliches Ende.

Man hört die heutigen Bewohner des Hauses reden oder kreischen oder weinen oder lachen. Es duftet nach Essen oder Kaffee oder Bier. Irgendwo läuft Musik. Manchmal wird musiziert. Überall sind die frechen Berliner Spatzen. Die Menschen haben ihre Freude, oder ihren kleinen oder großen Kummer. Der eine regt sich auf und die andere hält ein Schwätzchen. Da ist das normale Leben. Vielleicht war es bei dem einen gestern klein und langweilig, und heute euphorisch und groß. Und morgen ganz anders.

Man steht vor den Stolpersteinen und weiß, dass all das früher auch so bei den jüdischen Bewohnern gewesen war. Bis sie geholt wurden. Dann gab es kein morgen mehr.

Die humorvolle Erwiderung des eingangs genannten Ladenbesitzers „Danke. Wir wissen Bescheid!“ hat in einer brutalen, humorlosen Version auch für die damaligen „Volksdeutschen“ gegolten: Sie wußten Bescheid. Aber sie haben sich nicht bedankt, bei den Enteigneten.

Die Vogelschiß-Partei, die sich im politischen Berlin etabliert hat, will diese deutsche Geschichte weglächeln, humorlos und brutal.

— Schlesinger

Leseempfehlung: Hitlers Volksstaat (Götz Aly)
Götz Aly zeigt anhand unzähliger Archiv-Quellen, wie die ganz normalen Deutschen von Krieg und Völkermord profitiert haben.

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