Griechische Revolte auch in Deutschland?

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Die Ackermänner werden immer fetter und die Bürger immer dünner. Wie lange mag das noch gut gehen? Die vermeintlich so reiche deutsche Nation muss schon wieder sparen, wird uns schon wieder eingebleut.

In der Bibel ist von sieben dürren und von sieben fetten Jahren die Rede. Gefühlt leben wir allerdings seit sieben plus sieben Jahren in mageren Zeiten. Ackermänner ausgenommen.

Zur Lage der moralisch angeschlagenen Nation hören wir Folgendes:

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Bundesbürger auf einen deutlich spürbaren Sparkurs eingeschworen.

Deutschland habe seit vielen Jahrzehnten über seine Verhältnisse gelebt, sagte Merkel beim Ökumenischen Kirchentag in München.

Wer hat über welche Verhältnisse gelebt?

Ich für meinen Teil kenne nur Kollegen, Freunde und Angehörige, die in Angestellten- oder Selbständigen-Berufen ihren Acht – bis Zwölf-Stunden-Tagen nachgehen und dafür  mehr oder weniger passable Einkommen beziehen. Und ich traue mich zu sagen, dass das der Durchnittsfall sein dürfte. Daneben gibt es die Misere der vielen gering Verdienenden und derer, die auf Sozialhilfe angewiesen sind.

Sodann gibt es neuerdings eine gewisse kleine Schicht von Bestverdienern, bei denen sich Einkommen und Leistung seit ein, zwei Jahrzehnten auf obszöne Weise entkoppelt haben. Hier ist nicht von erfolgreichen Unternehmern die Rede, sondern von Bank-Räubern.

Finanzjongleure sind asoziale Kriminelle

Ein Hedgefond-Manager, der kurzerhand Milliarden verschieben kann, um die Chance auf millionenfachen Gewinn zu realisieren, tut dies auf der Basis von unbegrenztem Eigeninteresse. Unbeschränktes, grenzenloses Eigeninteresse ist aber gleichbedeutend mit Verantwortlungslosigkeit.

Dieser Sachverhalt ist hinlänglich beschrieben:

„Asozial“ bezeichnet an sich ein von der geforderten oder anerkannten gesellschaftlichen Norm abweichendes Individualverhalten: Ein Individuum vollzieht seine persönlichen Handlungen ohne die geltenden gesellschaftlichen Normen und die Interessen anderer Menschen zu berücksichtigen. Der Begriff „asozial“ wird aber auch häufig auf Gruppen bezogen, die in ihren Verhaltensweisen von den geforderten gesellschaftlichen Normen (z. T. bewusst) abweichen.

Ein gutes Beispiel ist der Multi-Milliardär George Soros. Der hatte 1992 erfolgreich gegen das britische Pfund gewettet. Dadurch forciert kam es tatsächlich zu einer Abwertung der Währung. Das riß ein Loch von 3,3 Milliarden Pfund in den britischen Haushalt. Soros aber hatte kurzerhand eine Milliarde „verdient“. Die 3,3 Milliarden Pfund (damals ca. 10 Milliarden DM) blieben selbstredend beim englischen Steuerzahler hängen. Soros wurde zum Held an den Finanzmärkten. Später setzte er noch eins drauf und brachte den südost-asiatischen Raum ins Trudeln, indem er erfolgreich gegen die malayische Währung spekulierte, und damit die Asienkrise auslöste. Mehrere Länder und damit verbunden Millionen von Menschen gerieten in höchste Not, weil durch die Finanzkrise zahllose Unternehmen Bankrott gingen. Doch George Soros gilt heute – welch schlechter Witz – als „Philantroph“, weil einen kleinen Teil seines Vermögens in Stiftungen gegeben hat.

Das zu Soros Gesagte gilt wohl auch für die Ackermänner der Nation.

Unlängst wurden die Zusammenhänge aufgedeckt, wie die Deutsche Bank an den höchst fragwürdigen Finanzgeschäften beteiligt war, die schliesslich zum Beinahe-Zusammenbruch der deutschen Mittelstandsbank IKB führte. Die Deutsche Bank hatte offenbar zuerst an den „Geschäften“ mit der IKB profitiert und dann an deren Rettung. Eigentlich wollte man nur sein Schnäppchen machen mit der IKB, aber mußte dann mit Entsetzen feststellen, dass der Untergang dieser und weiterer Banken einen selbst ins Trudeln brachte.

Das wollte man natürlich nicht. Also kam der Hilferuf an die Regierung. Der wurde erhört. Seitens der Bundesbank wurden Milliarden in das Finanzsystem gepumpt. Zinslos. Das versetzte die Banken in die angenehme Lage, wiederum beste Geschäfte zu machen. Denn der Gewinn, der erzielt wurde und erzielt wird durch Null Prozent Zins beim Aufnehmen des Kredits und X Prozent Zins beziehungsweise Rendite beim Verleihen / Investieren ist in jedem Falle beachtlich.

Ackermann gibt den Soros

Gerade hat Josef Ackermann im Interview mit Maybrit Illner in völliger Verantwortlungslosigkeit verbunden mit größtem Eigennutz die Kreditwürdigkeit Griechenlands schlecht gemacht und damit den Euro auf Talfahrt geschickt („Ob Griechenland über die Zeit wirklich in der Lage ist, diese Leistungskraft aufzubringen, das wage ich zu bezweifeln“).

Der Tagesspiegel erkannte zurecht:

ZDF-Moderatorin Maybrit Illner gab Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann einen Status, der bislang nur Kanzlerin Angela Merkel gebührte. Er war als „einziger Gast“ geladen und durfte so – schon zum zweiten Mal – unbehelligt von lästigen Kritikern seine Sicht der Dinge darlegen.

Das war ohne Frage eine prima Sache für Ackermann und seine PR-Abteilung, aber war es auch gut für die Zuschauer?

Gewiss, die Moderatorin stellte so manche kritische Frage, etwa nach der Übervorteilung deutscher Kommunen, denen die Deutsche Bank Zins-Wetten verkaufte und damit Millionenverluste bescherte. Doch wer fragt, muss auch die Antworten hinterfragen können, und das ging gründlich daneben.

Ackermann veni, vidi, vici:

Negative Kommentare über die finanzielle Situation Griechenlands von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann sowie skeptische Äußerungen zur Stabilität der Euro-Zone von US-Präsidentenberater Paul Volcker setzen dem Euro zu.

Die Gemeinschaftswährung fiel am Freitag auf den tiefsten Stand seit Ende Oktober 2008.

In der Spitze brach sie auf 1,2371 $ ein.

Nun ist Josef Ackermann keinswegs auf den Kopf gefallen. Er weiß sehr gut, dass seine Äusserungen die Märkte reagieren lassen. Daher mußte er im Vorfeld des Interviews präzise wissen, was aufgrund seiner Aussagen zu Griechenland passieren würde. Nur gut für die Deutsche Bank, so darf man zwingend annehmen, dass sie über genügend „Instrumente“ verfügt, um von einem fallenden Euro profitieren zu können.

Somit gibt es auf der einen Seite die braven Bürger und die tumben Politiker, die dem Geschehen auf den Finanzmärkten in ähnlicher Weise relativ unbeholfen gegenüberstehen, und auf der anderen Seite diejenigen, die nach den Worten von Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein mit ihren Finanzgeschäften das Werk Gottes tun.

Moralfragen kommen immer gut an – und sind ungefährlich

Von braven, allzu braven Zuschauern wurde die Frage des per Video eingeblendeten Patrick Held als besonders interessant angesehen:

Eine der spannendsten Fragen stellte der Zuschauer Patrick Held aus Bayreuth: Ein Investmentbanker, stellte Held fest, könne innerhalb eines halben Jahres so viel Geld verdienen wie ein Durchschnittsdeutscher in seinem ganzen Leben nicht. Wo bleibe da noch der Anreiz, Risiken zu vermeiden, wenn ein Mensch so schnell seine Schäfchen ins Trockene bringen kann? Auf eine solche Frage könne er nur sagen: „Kommt und werdet Investmentbanker“, antwortete Ackermann. Seine Logik: Wenn die Zahl der talentierten Banker größer wäre, könnten die wenigen Talente nicht – wie derzeit üblich – die Preise diktieren. „Die Talente haben leider ihren Preis“, sagte Ackermann. „Wenn wir’s nicht bezahlen, tut es jemand anderes.“

Wie hätte man Ackermann besser „bedienen“ können als mit so einer moralsauren und gleichzeitig uralten Frage? Wie kann man glauben, einen mit allen Wassern gewaschenen Chef der Deutschen Bank damit auch nur ansatzweise in Bedrängnis bringen zu können? Denn diese Frage wurde so oder so ähnlich schon unendlich oft gestellt („warum bekommt Müller so viel mehr als Maier?“) und ebenso oft wurde sie so oder so ähnlich beantwortet, wie Ackermann sie schwer angreifbar beantwortet hat („weil Müller besser qualifiziert ist, und in einer freien Marktwirtschaft übrigens jeder diese Chance hat“. Lächeln Ackermann, Spiel, Satz und Sieg). Maybrit Illner hat’s gefressen und der Zuschauer war abgespeist, oft sogar beeindruckt.

Auf einen wesentlichen qualitativen Unterschied hat niemand aufmerksam gemacht. Verdient zum Beispiel ein mittelständischer Maschinenbauer, der den heimischen und / oder den Weltmarkt kontinuierlich mit soliden Produkten versorgen muss, um bestehen zu können, sein im Vergleich zu einem Fliessbandarbeiter deutlich höheres Einkommen? Ja, darf man annehmen. Und wenn er zuviel unternehmerischen Gewinn für sich abzieht, gefährdet er seine Firma und damit sich selbst.

Im Gegensatz dazu spielen die Finanzjoungleure von Goldman & Sachs, von der Deutschen Bank und weitere Geldakrobaten mit „Produkten“, die aufgrund ihrer verschachtelten Packettierung mehr Kunstprodukte als echte Güter sind, in einer Art die frappierende Ähnlichkeit mit den verruchten Schneeballsystemen hat. Wen es zuletzt erwischt, der guckt in die Röhre. Und dafür dürfen diese ach so qualifizierten Kräfte Boni einstreichen, die jedem hart arbeitenden Unternehmer (und Arbeiter, und Angestellten) wie ein herber Schlag ins Gesicht vorkommen muss. Gefährden tun sich – abgesehen von den Lehman Brothers‘ – bei den Bank-Spekulanten niemand, denn der Staat springt diesen „Systemimmanenten“ gleich zur Seite…

Sodann hätte Frau Illner als Gegenargument den eigentlichen Auftrag der Banken anführen müssen, der aufgrund der Verantwortung den Einlegern gegenüber sicherlich nicht in verantwortlungslosen Spekulationsgeschäften mit teilweise wertlosen „Produkten“ besteht. Dass diese Schneeballsystem den globalen Markt in ärgste Not gebracht haben, kommt erschwerend hinzu. Der zuvor genannte Maschinenbauer würde „nur“ selbst untergehen, könnte aber nie einen Markt oder gar die Weltwirtschaft an den Rand des Zusammenbruchs bringen. Wie sich Frau Illner und ein Gutteil des Publikums so abspeisen lassen konnten (und können), ist einigermaßen unverständlich.

Schwamm drüber über die Unzulänglichkeiten einer Frau Illner, die sich künftig besser Interviewpartner aussuchen sollte, denen sie gewachsen ist. Frau Merkel hingegen sollte sich besser erwehren können.

Der Appell an den Hai, Vegetarier zu werden

Nein, Frau Merkel, es geht nicht darum, dass die deutschen Bürger und Normal-Steuerzahler über ihre Verhältnisse gelebt haben. Oder wie soll die OECD-Feststellung bewertet werden, dass die Deutschen unter einer exorbitanten Abgabenlast zu leiden haben? Wo bitteschön soll der Gürtel enger geschnallt werden?Aber darum kann es ohnehin nicht gehen, weil Deutschland eben nicht wie Griechenland selbstverschuldet in die Bredouille geraten ist.

Die Forderung nach mehr „Moral“, wie sie auf dem Kirchentag und andernorts erklang, ist daher im harmlosen Fall naiv und im schlimmeren Fall Augenwischerei in Richtung Bürger. Als hätten Ackermann & Co. nur mal eben vergessen, was Moral ist. Als müssten sie nur mal daran erinnert werden. Als müssten sie nur ein paar Rosenkränze beten oder Fürbitten erhalten, um wieder auf den rechten Pfad zu gelangen.

Wer mit Sätzen wie „wir müssen moralischer werden“ oder „wir als christliche Gemeinschaft müssen dieses Problem gemeinsam lösen“ daran denkt, die Deutschen in steuerliche Sippenhaft zu nehmen für die Raffgier der Finanzmagnaten macht sich schlicht zum Handlanger der großen Abschöpfer.

Das zu vertuschen wird nicht lange funktionieren. Auch wer die Details der Ursachen der Finanzkrise nicht kennt, wird erkennen wer dafür belangt wird und wer nicht.

Fazit: Es geht

  • nicht um moralische Einkehr oder lässliche „Sünden“, sondern
  • um Betrug an der Gesellschaft in größtmöglichem Umfang, weiterhin
  • darum, die Böcke wie Ackermann & Co. nicht weiter die Gärtner spielen zu lassen
  • um die Notwendigkeit, Betrug Betrug zu nennen und nicht verharmlosend  „Zügellosigkeit“ oder  „Maßlosigkeit“
  • diese relativ neue Art des Betrugs in angemessenem (!) Umfang strafrechtlich belangbar zu machen
  • um nichts weniger als den Zusammenhalt der Gesellschaft

Sollte die Politik die Brisanz der Lage nicht erkennen und weiter so tun, als säßen wir alle „im selben Boot“,  könnte die Stimmung im Lande kippen und griechische Verhältnisse auch bei uns einkehren.

— Schlesinger

Folgebeitrag über Anklagen gegen die Deutsche Bank hier.

Das Reizzentrum vermutet wohl zurecht:

Ist es vorstellbar, dass Josef Ackermann (oder besser irgend ein Mitarbeiter der Deutsche Bank, nachdem Ackermann einen “Tipp” gab) VOR dem Auftritt Ackermanns bei “Maybrit Illner” auf einen sinkenden Euro-Kurs spekulierte? OK, die Deutsche Bank direkt muss es ja nicht gewesen sein – irgend eine entfernte Tochtergesellschaft reicht ja, Hauptsache die ganze Aktion wirkt sich anschliessend positiv auf das Geschäftsergebniss der Deutschen Bank und somit auch auf Ackermanns Bonuszahlung aus.

Passend dazu die Gehaltsentwicklung von J.A.:

Josef Ackermann steigert Gehalt um 580 Prozent

Die Vorstände der Deutschen Bank kassieren wie in alten Zeiten: Sie erhalten für ihre Arbeit im vorigen Jahr fast 40 Millionen Euro. Den größten Reibach macht der Chef.

Renate Künast hat grundsätzlich recht, aber mit „Feuern“ ist es nicht getan angesichts der Dimensionen, die die Ackermänner zu vertreten haben:

Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Renate Künast forderte die Kanzlerin auf, Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann nach seinen jüngsten kritischen Äußerungen zur Zahlungsfähigkeit Griechenlands als Berater zu feuern. „Der Name Ackermann ist inzwischen Synonym für Sabotage“, sagte sie der „Leipziger Volkszeitung“. Sein Verhalten sei „unverantwortlich und unverschämt“.

  • Ackermann Has Doubts on Greece (online.wsj.com)
  • Greece may never be able to pay off debts, says Deutsche Bank chief Ackermann (telegraph.co.uk)
  • Deutsche Bank Profit Up by a Third (nytimes.com)
  • Feynsinn
  • FR-Online