Papst nennt pädophile Priester Verbrecher

Die gute, da aufklärerische Nachricht: Der Papst hat Pädophilie klar als „Verbrechen“ gebrandmarkt:

Bei einem Krisentreffen hat der Papst Kinderschänder als Verbrecher bezeichnet.

In den vergangenen Monaten wurden viele Fälle bekannt, in denen Priester sich an Minderjährigen vergangen haben.

Missbrauch werde „von der Gesellschaft zu Recht als Verbrechen angesehen“, und im religiösen Leben sei kein Platz für solche Verbrecher, sagte der Papst.

Die Taten nannte er „eine entsetzliche Sünde in den Augen Gottes“.

Den Opfern und ihren Angehörigen sprach er seine Solidarität und Betroffenheit aus.

Ob die beschuldigten Priester in den Laienstand degradiert werden, ist noch nicht klar.

Das Ansehen der katholischen Kirche ist seit Bekanntwerden der Missbrauchsfälle gesunken.

Drei von vier Befragten äußerten die Ansicht, die Kirche habe nicht angemessen auf die Fälle von sexuellem Missbrauch in ihren Reihen reagiert. Dies ergab eine Umfrage.*

Die schlechte Nachricht: Diese Stellungnahme stammt nicht von Papst Benedikt, sondern von Johannes Paul II., geäußert vor acht Jahren, als in den USA vermehrt Mißbrauchsfälle bekannt wurden.

Ob die damals beschuldigten Priester in den Laienstand degradiert werden sollte, war keinsfalls klar. Der Bericht sagte dazu, es würde „darüber spekuliert“. Der so spekulierte, war kein anderer als der Leiter der Glaubenskongregation, Joseph Kardinal Ratzinger.

Der damalige Befund, die Bürger verlören das Vertrauen in die Katholische Kirche, ist heute zutreffender als damals. Einer aktuellen Umfrage zufolge sprechen nur noch 17 Prozent der Bundesbürger der Kirche ihr Vertrauen aus.

Zum Zustand der Katholischen Kirche: Dies irae und lacrimosa

Das Jüngste Gericht ist der mittelalterlichen Vertonung zufolge ein Tag des Zorns (dies irae), zu dem auch viele Tränen gehören (die Tränenreiche – lacrimosa).

Eine neue Perspektive ergibt sich beim Lesen des Dies Irae, wenn man es nicht aus der Position des gemeinen Sünders liest, wozu es gedacht war, sondern aus der Warte der klaftertief im Schuldhaften verstrickten Katholischen Kirche:

Dies irae dies illa,
Solvet saeclum in favilla:
Teste David cum Sibylla.
Quantus tremor est futurus,
Quando iudex est venturus,
Cuncta stricte discussurus!
Tuba mirum spargens sonum
Per sepulcra regionum,
Coget omnes ante thronum.
Mors stupebit et natura,
Cum resurget creatura,
Iudicanti responsura.
Liber scriptus proferetur,
In quo totum continetur,
Unde mundus iudicetur.
Iudex ergo cum sedebit,
Quidquid latet apparebit:
Nil inultum remanebit.
Quid sum miser tunc dicturus?
Quem patronum rogaturus?
Cum vix iustus sit securus.
Rex tremendae maiestatis,
Qui salvandos salvas gratis,
Salva me, fons pietatis.
Recordare Iesu pie,
Quod sum causa tuae viae:
Ne me perdas illa die.
Quaerens me, sedisti lassus:
Redemisti crucem passus:
Tantus labor non sit cassus.
Iuste iudex ultionis,
Donum fac remissionis,
Ante diem rationis.
Ingemisco, tamquam reus:
Culpa rubet vultus meus:
Supplicanti parce Deus.
Qui Mariam absolvisti,
Et latronem exaudisti,
Mihi quoque spem dedisti.
Preces meae non sunt dignae:
Sed tu bonus fac benigne,
Ne perenni cremer igne.
Inter oves locum praesta,
Et ab haedis me sequestra,
Statuens in parte dextra.
Confutatis maledictis,
Flammis acribus addictis,
Voca me cum benedictis.
Oro supplex et acclinis,
Cor contritum quasi cinis:
Gere curam mei finis.
Lacrimosa dies illa,
Qua resurget ex favilla.
Iudicandus homo reus:
Huic ergo parce Deus.
Pie Iesu Domine,
dona eis requiem.
Tag der Rache, Tag der Sünden,
Wird das Weltall sich entzünden,
wie Sibyll und David künden.
Welch ein Graus wird sein und Zagen,
Wenn der Richter kommt, mit Fragen
Streng zu prüfen alle Klagen!
Laut wird die Posaune klingen,
Durch der Erde Gräber dringen,
Alle hin zum Throne zwingen.
Schaudernd sehen Tod und Leben
Sich die Kreatur erheben,
Rechenschaft dem Herrn zu geben.
Und ein Buch wird aufgeschlagen,
Treu darin ist eingetragen
Jede Schuld aus Erdentagen.
Sitzt der Richter dann zu richten,
Wird sich das Verborgne lichten;
Nichts kann vor der Strafe flüchten.
Weh! Was werd ich Armer sagen?
Welchen Anwalt mir erfragen,
Wenn Gerechte selbst verzagen?
König schrecklicher Gewalten,
Frei ist Deiner Gnade Schalten:
Gnadenquell, lass Gnade walten!
Milder Jesus, wollst erwägen,
Dass Du kamest meinetwegen,
Schleudre mir nicht Fluch entgegen.
Bist mich suchend müd gegangen,
Mir zum Heil am Kreuz gehangen,
Mög dies Mühn zum Ziel gelangen.
Richter Du gerechter Rache,
Nachsicht üb in meiner Sache
Eh ich zum Gericht erwache.
Seufzend steh ich schuldbefangen,
Schamrot glühen meine Wangen,
Lass mein Bitten Gnad erlangen.
Hast vergeben einst Marien,
Hast dem Schächer dann verziehen,
Hast auch Hoffnung mir verliehen.
Wenig gilt vor Dir mein Flehen;
Doch aus Gnade lass geschehen,
Dass ich mög der Höll entgehen.
Bei den Schafen gib mir Weide,
Von der Böcke Schar mich scheide,
Stell mich auf die rechte Seite.
Wird die Hölle ohne Schonung
Den Verdammten zur Belohnung,
Ruf mich zu der Sel’gen Wohnung.
Schuldgebeugt zu Dir ich schreie,
Tief zerknirscht in Herzensreue,
Sel’ges Ende mir verleihe.
Tag der Tränen, Tag der Wehen,
Da vom Grabe wird erstehen
Zum Gericht der Mensch voll Sünden;
Lass ihn, Gott, Erbarmen finden.
Milder Jesus, Herrscher Du,
Schenk den Toten ew’ge Ruh.

Die folgende Passage gefällt mir am besten, möge sie auf „sie“ zutreffen:

Wird die Hölle ohne Schonung
Der Verdammten zur Belohnung.

— Schlesinger

Der Leserbrief von Gisela ist es wert, hier angeführt zu werden:

Finde ich unfair die Darstellung des Heiligen Vaters. Hat er nicht im Hirtenbrief an die irische Kirche deutlich genug Stellung bezogen? Da sagte er genau das, was Eurer Meinung nach wohl nur durch Johannes II gesagt wurde. Das mal bitte zur Kenntnis nehmen:

“Liebe Brüder und Schwestern der Kirche in Irland, mit großer Sorge schreibe ich Euch als Hirt der universalen Kirche. Ebenso wie Euch haben auch mich die Informationen über den Mißbrauch an Kindern und Jugendlichen durch Mitglieder der Kirche Irlands, besonders durch Priester und Ordensleute, sehr beunruhigt. Ich kann die Bestürzung und das Gefühl des Vertrauensbruchs nur teilen, das so viele von Euch durchlebten, als sie von diesen sündhaften und kriminellen Taten und der Art und Weise der kirchlichen Autoritäten, damit umzugehen, erfahren haben.

Wie Ihr wißt, habe ich erst kürzlich die irischen Bischöfe zu einem Treffen hier nach Rom eingeladen, um über ihren Umgang mit diesen Angelegenheiten in der Vergangenheit zu berichten und die Schritte aufzuzeigen, die sie unternommen haben, auf diese schwerwiegende Situation zu reagieren. Zusammen mit hochrangigen Vertretern der Römischen Kurie habe ich gehört, was sie, sowohl einzeln als auch als Gruppe, zu der Analyse der begangenen Fehler und der gelernten Lektionen, als auch in der Darstellung der Programme und jetzt geltenden Richtlinien zu sagen hatten. Unsere Beratungen waren offen und konstruktiv. Ich bin zuversichtlich, daß die Bischöfe auf der Grundlage dieser Gespräche nun besser in der Lage sind, sich der Aufgabe zu widmen, das in der Vergangenheit begangene Unrecht wieder gut zu machen und das umfassendere Thema des Mißbrauchs an Minderjährigen in einer Weise anzugehen,
die den Anforderungen der Justiz und der Lehre des Evangeliums entspricht.”

RE TAB: Es ist zutreffend, dass Benedikt die Untaten klar verurteilt hat, die innerhalb der irischen katholischen Gemeinde begangen wurden. Doch erkennt man an der gesamten Struktur des Hirtenbriefs, dass diese Vorgänge als isolierte Einzelfälle, und “nur” in Irland, angesehen werden sollen. Warum muss der Papst diese Angelegenheit so darstellen, zumal er im selben Hirtenbrief davon spricht, dass er schon öfter mit Mißbrauchsopfern andernorts gesprochen hat. Einfach deswegen: Es muss unter allen Umständen vermieden werden, Pädophilie und damit verwandte Phänomene als ein ganz besonderes Problem der Katholischen Kirche darztustellen. Denn selbstverständlich macht es einen UNterschied – muss es machen! – ob just die Institution, die sich die Reinheit auf ihre Fahnen geschrieben hat, dafür anfällig ist UND über lange Zeit äußerst fragwürdig mit Verfehlungen umgegangen ist. Wer strafrechtlich relevante Vorgänge vertuschen will und mehr die Täter als die Opfer in Schutz nimmt, gleicht eher einer Mafia, als einer Glaubensgemeinschaft. Daher kann ich dem Hirtenbrief kein Vertrauen entgegen bringen. Es ist ein politisches Dokument.

* aus dem SPIEGEL gekürzt und so wiedergegeben, dass nicht sofort klar wird,
  dass es sich um Papst Johannes Paul II und nicht um Benedikt handelt.
zit. aus Wikipedia
(Photo: T.A.B.)