Shoppen und ficken – Essay zur Moral in der Wirtschaftskrise

Wäre ich doch nur ein moralischer Mensch. Dann könnte ich einstimmen in den Chor der schon wieder allgegenwärtigen Moralisten und – Hallelulja! – das Hohelied der besseren Gesinnung mit schmettern.

Das Theaterstück „Shoppen und Ficken“ erzählt die Geschichte

von Lulu, Marc, Gary und Robbie: vier junge Leute, die auf selbstzerstörerische Art und Weise nach dem Sinn des Lebens suchen. Shoppen, Ficken und sich Zudröhnen sind dabei das Einzige, das sie kennen und exzessiv ausleben. Doch eigentlich sehnen sich die vier nach dem Selben wie alle Menschen: Nach Liebe, Freiheit, Glück und vor allem danach, beschützt zu werden. Beschützt zu werden in und von einer Welt, in der das Geld und ausschliesslich das Geld regiert.

und sorgte für große Aufmerksamkeit, Diskussion und Zustimmung über die scheinbar verruchte Zeit.

Ach. Dieses Thematisieren und Moralisieren mit der Brechstange ist viel zu plump, viel zu sehr auf schnellen Applaus, auf reflexartiges Kopfnicken und selbstgefällige Zustimmung aus, als dass es ein lohnenswerter Beitrag sein könnte zu so etwas wie einer Moraldebatte (die seit jeher überflüssig war).

Dasselbe wie in diesem Theaterstück findet aktuell statt. Schaut: DIE DA OBEN, wie sie shoppen und ficken, und uns anständige Leute ins Verderben ziehen! Man sollte es ihnen zeigen!

Zur Unmoral des Kondomgebrauchs

Mit der Moral verhält es sich ein bisschen wie mit der Liebe. Jeder versteht etwas anderes darunter. Oh, und das nicht im kleinen Maßstab. Denken Sie an den Papst und dessen Haltung zum Gebrauch von Kondomen. Die kirchliche Moral ist hier eindeutig.

Und sterben auch Hunderttausende an AIDS, weil die einfachste Aufklärung und die Handhabung von Kondomen seitens der Kirche seit je konterkariert wird, bleibt doch die Moral aus Sicht Roms gewahrt. Mehr noch: Sie wird durch diese Haltung geradezu erzeugt. Im Fachjargon heißt das: Gesinnungsethik geht vor Verantwortungsethik.

Einfacher formuliert: Es ist die bessere Vorstellung, die zählt, nicht das konkrete Ergebnis. Um das Himmelreich willen kann hienieden schon mal die Hölle erzeugt werden.

Schmerzen Ihnen nicht die Ohren von dem anhaltenenden und wütenden Protestgeschrei, das seit Jahren allenortens auf die Kirche niedergeht angesichts dieser zutiefst menschenverachtenden Haltung Roms? Bitteschön: Wir reden nicht von ein paar Euro weniger auf dem Aktiendepot, sondern von elendem Siechtum und Tod von Männern, Frauen, Kindern, Babys und Ungeborenen.

Stattdessen: Nur ein bisschen vom üblichen Naserümpfen über den Papst, von „ach ja“, ein bisschen distanziertes Mäkeln, aber keine offene Revolte, kein moralischer, ja ethischer Aufschrei, der doch so bitter nötig wäre. Nur Schweigen.

Die Wirtschaftskrise aber macht uns über Nacht wieder zu Gralshütern der Moral. Aber nur in eigener Sache, versteht sich, und bar jeder Verhältnismäßigkeit …

Gier ist gut !

Sie erinnern sich an den berühmten Spruch aus dem Mund des Wallstreet-Bankers Gordan Gecko alias Michael Douglas im Klassiker „Wall Street„?

Das Plädoyer, das Gecko damals präsentierte, war nicht einmal schlecht verargumentiert. Denn was im Kleinen noch als Zielstrebigkeit firmiert („Chef, ich will eine Gehaltserhöhung!“), heißt man im großen Maßstab Gier, selbst wenn im Grunde ein und dieselbe Motivation dahinter steckt.

Wer würde angesichts einer Bitte um Gehaltserhöhung jemals ein „Nein“ hören, würde der Chef einen wesentlich höheren Zuschlag anbieten, als man sich je zu träumen erwünscht hätte? Wer würde gedanklich eine Sekunde an eine Kalkulation verschwenden, die womöglich daraus hinaus liefe zu sagen: Das kann ich nicht annehmen, da sich die Firma solche Gehälter ger nicht leisten kann!

WIR ALLE sind moralfrei

Wieso nur wurde Herr Konz millionenschwer mit seinen „1000 ganz legalen Steuertipps“, die in der praktischen Anwendung durch die Leser natürlich in unzähligen Fällen nichts anderes sind als schnöde Steuerhinterziehungvermeidung?

Wir, die Verbraucher, sind doch über weite Strecken gänzlich moralfreie Miniatur-Heuschrecken, solange wir millionenhaft die „Sonderangebote“ und „Schnäppchen“ aus den Regalen von Aldi, Penny, Plus mit den noch-noch-noch billigeren Lebensmitteln leerfressen und dabei höchst geflissentlich ignorieren, dass dafür andernorts Hungerlöhne bezahlt werden, sich Arbeitnehmer mit Insekten- und Pflanzenschutzmittel vergiften lassen oder ganze Regionen wie in Südspanien der Dürre ausgeliefert werden, nur weil wir im Februar Erdbeeren speisen müssen.

Solche Listen und Beispiele liessen sich doch ins Unendliche fortsetzen…

Aber so sehr sich unsereins weigert, über seine Horizonte zu sehen, so sehr haben sich die Banker geweigert, über die ihren zu sehen. So, what’s the difference? Nur die Spiel-Liga ist eine andere, keinesfalls die „Moral“.

Da aber das Gros der Politik, Polemiker, Fernsehmoderatoren, Chefredaktionen, Blogger und sonstigen Rattenfänger wissen, wie plump das Volk mit dem Thema Moral geködert werden kann, können wir beobachten, was wir derzeit beobachten.

Man könnte auch angemessen mit dem Thema Wirtschaftskrise umgehen: Fachlich, sachlich, in bestimmten Fällen wohl auch strafrechtlich.

Statt dessen bevorzugt man:

Eine fürwahr göttliche Moral-Komödie.

— Schlesinger

PS.: Hat denn noch niemand daran gedacht, B e s t s e l l e r-Autor Ulrich Wickert in eine der unzähligen Talkshows zum Thema „Die Anständigen sind die Dummen“ einzuladen? Wieviel von seinen schätzungsweise Millionen aus den Buchverkäufen hat Wickert eigentlich für ethisch wertvolle Projekte gestiftet (außer seinem moralisch prall gefüllten Kontoprojekt, versteht sich). Ich meine: Die Dummen waren die Käufer des Wickert-Buchs, und zwar anständig dumm. Nichts gegen üppige Buchverkäufe und daraus resultierende Gewinne, aber ein dünnes Moralsüppchen als vollwertige Ethikkost zu verkaufen ist: Unmoralisch.

Ein Leserkommentar von Martin Pöttner, mit Anmerkungen von mir:

Mir scheint, es geht hier weniger um Moral, sondern um mangelndes Recht. Und dies muss ein relativ weit verbreitetes Recht sein, möglichst weltweit.

Ich würde die Moraldebatte persönlich nicht unterschätzen, aber es geht um gesellschaftliche Sachverhalte. Und mindestens moderne Gesellschaften reagieren auf derartige ambivalente Problemlagen durch die Ausbildung von Recht. An diesem mangelt es.

Das gilt für Ackermann, es gilt aber schwerlich für Zumwinkel, das sind m. E. zwei Sachverhalte. Ein „Erfolg“ wurde beispielsweise dadurch erzielt, dass Luxemburg, Österreich und die Schweiz den Rechtsbruch nun nicht mehr erleichtern, wohl auch Liechtenstein nicht mehr, wenn ich es recht verstanden haben.

Es wird nach meinem Eindruck gegen die Banken von Privatkunden sicherlich den einen oder anderen Klageversuch geben, das sind interessante Fälle.

RE Schlesinger: Vollkommen einverstanden.

Versuche, den Menschen zu „bessern“, zu läutern, umzumodeln oder wie immer man untaugliche Versuche nennen mag, aus dem Menschen einen anderen zu machen als der, der er ist und immer schon war in der tatsächlichen statistischen Normalverteilung von inzwischen 8 Milliarden – von Engel bis Satan – waren schon immer zum Scheitern verurteilt.

Insofern scheint mir eine Moraldebatte höchst unergiebig. Tatsächlich bin ich wie Sie der Auffassung, dass man allenfalls durch geordnete Strukturen zu einem gewissen Maß an Sicherheit gelangen kann. Und das Schaffen von Strukturen (Gesetze, Verordnungen, Aufsichtsgremien & -maßnahmen u.a.m.) sind Dinge, die organisatorisch / technisch zu regeln sind. Es bedarf keiner illusorischen Veränderung des Menschen, dies zu vollbringen.

Allerdings bedarf es des politischen Willens und des wirksamen Anschubs auch von seiten der Bevölkerung. Nur geringfügig überspitzt könnte man auch sagen: Eine Nation (oder Nationen), die sich jahrelang mehr oder weniger nur am Ziel der Freizeit- und/oder Spaß- und/oder Konsumgesellschaft orientiert hat, hat das Recht verwirkt, nun in der Krise die Moral zu beschwören.

Es wäre die sittliche Pflicht (= Moral) von Demokraten diesseits und jenseits des Teichs gewesen – sind wir das? – , mit so hinreichend großem Druck auf die Gestaltung der Politik einzuwirken, dass solches wie heute nicht passiert. Das Volk müsste sein: Aufsichtsrat der Nation. Statt aber im Gremium für effektive Kontrolle zu sorgen, tut es das, was die Kleinaktionäre bei Aktionärsversammlungen vorzugsweise tun: Sie stürzen sich mit größter Leidenschaft aufs Buffett. Eine Kommentatorin sprach zurecht von Brechts „Zuerst kommt das Fressen…“. Gewiß sollte man das nicht überstrapazieren, weil es zweifellos engagierte Demokraten gibt. Aber en masse?

Ein gelungener Brückenschlag zwischen Moral und Struktur, der weder im moralischen Wolkenkuckucksheim weilt, noch so tut, als gäbe es den „moral-neutralen“, also höchst rationalen und organisierbaren Menschen, ist das kleine brilliante Essay „Regeln für den Menschenpark“ von Sloterdijk. Wie nicht anders zu erwarten, wurde es seinerzeit von den „orthodoxen Moralisten“ in der Luft zerrissen…

Leseempfehlungen:

Friedrich Nietzsche: Zur Genealogie der Moral.

John Steinbeck: Früchte des Zorns.

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