Wirtschaftskrise: Warum retten wir uns nicht einfach selbst?

Nach den Anschlägen von 9/11 empfahl Präsident George W. Bush seinen Landleuten, shoppen zu gehen. Das war angesichts der Art der Krise ein bedingt geeigneter Lösungsvorschlag.

In 2007 wiederholte Bush seine Aufforderung, damals schon angesichts der ersten Zeichen einer wirtschaftlichen Krise.

Möglicherweise traut sich Präsident Obama nicht, diesen Satz erneut zu verwenden, da die Bush-Äußerung jahrelang heftig kritisiert wurde.

Und trotzdem könnte genau diese Aufforderung die momentan richtige sein – wenn man sie befolgen würde.

Die Bundesregierung hat mit Billigung des Bundesrates ein zweites Konjunkturpaket in Höhe von 50 Milliarden Euro geschnürt, das sich zusammen mit dem ersten Paket auf insgesamt 80 Mrd Euro summiert.

Der Mix aus direkten Investitionen und Steuererleichterungen verteilt sich auf die Jahre 2009/2010: macht 40 Mrd. € pro Jahr.

Das Bruttoinlandsprodukt Deutschlands soll nach einem Wachstum von 1,7 Prozent in 2008 auf Null im laufenden Jahr 2009 zurück gehen. Damit fehlen 1,7 Prozentpunkte Wachstum.

Bei einem BIP von rund 2,4 Billionen im Jahr 2007 machen die 40 Mrd. pro Jahr rund 1,66 Prozent aus. Da scheint Hr. Steinbrück gut gerechnet zu haben. Die 1,66 % können die fehlenden 1,7 % offenbar weitgehend wettmachen.

Also alles in Butter? Vielleicht. Denn niemand kann genau vorhersagen, wie sich der Konjunkturanreiz-Mix auswirkt.

Wenn die verängstigten Bürger ihre Portemonnais und vor allem ihre Konten zusperren, könnte es bald wesentlich düsterer aussehen.

Die Verlierer wären unterm Strich wir alle.

Niemand ändert mit einer Beschimpfung über „die da oben“ oder „die gierigen Banker“ etwas, wenn man schon seinen Job verloren hat oder sein Geld in einer Hyperinflation entschwinden sieht.

Ein Shopping-Ruck muss
durch Deutschland gehen !

Wer jetzt nichts kauft – Kapitalismusschelte hin oder her – macht Arbeitsplätze kaputt. Damit sinkt das Volkseinkommen weiter, und die Staatsverschuldung nimmt zu.

Insofern sollten sich Kanzlerin Merkel, Premier Brown und die Präsidenten Sarkozy und Obama schleunigst hinstellen und uns alle zum fleissig Geld ausgeben auffordern. Nicht als nette Geste, sondern zum schöden Schutz von uns allen.

Was käme dabei heraus?

Eine grobe Beispielrechnung für Deutschland.

Die durchschnittlichen liquiden Mittel aller Haushalte liegen bei 70.000 Euro (2005).*
Nehmen wir davon lediglich 1/4, wären dies 17.500 Euro.
Multipliziert mit der Zahl der Haushalte von rund 40 Millionen (2006) ergibt sich ein Wert von

700.000.000.000 €

In Worten: 700 Milliarden. Also das 17-fache der jährlichen Summe des deutschen Konjunkturpaketes.

Binnen kürzester Zeit wäre das Thema Wirtschaftsflaute vom Tisch.

So viel Liquidität, wie auf deutschen Bankkonten unproduktiv liegt, kann der Staat beim besten Willen nicht aufbringen, um sich gegen die Krise zu stemmen.

Einkommensschere als Problem

Selbstverständlich ist das nur eine grobe Skizze. Denn die 70.000 Euro liquiden Mittel sind nur ein statistischer Durchschnitt. Schaut man sich die Einkommenverteilung an, ist offenkundig, dass wir es mit einer auf dem Kopf stehenden Pyramide zu tun haben. Daher mag der Zuruf „Investiert! Geht einkaufen!“ für Niedrigverdiener oder Empfänger von Sozialleistungen merkwürdig klingen.

Der Appell an sich ist deshalb aber lange nicht unsinnig, da die liquiden privaten Mittel objektiv vorhanden sind.  Die Mittel liegen ebenso beim Millionär, wie auch beim durchschnittlichen Angestellten oder mittelständischen Unternehmer. Es ist schließlich nicht so, dass die Ungleichverteilung der Einkommen ein Nullvermögen der unteren 90 Prozent bedeutet.

Insofern ändert die Einkommensschere zwar den Adressatenkreis, nicht aber die Wirksamkeit vermehrter privater Ausgaben.

Faktor Zeit ist kritisch

Ein entscheidender, und vielleicht der entscheidenste Punkt ist die sofortige Wirksamkeit.

Jeder heute oder morgen ausgegebene Euro wirkt. Das (künftige) große Drehen an der Steuerschraube und weiteren Meta-Instrumenten mag notwendig sein – ganz abgesehen von der allgemeinen großen und nötigen Diskussion um Einkommens- und Steuergerechtigkeit – aber wirkt nicht rasch und möglicherweise weniger gut als geplant. Ein Steuernachlass muss zudem nicht gleichbedeutend sein mit einem entsprechenden großen Betrag, der vom Steuerbegünstigten ausgegeben wird.

Die atemberaubende Geschwindigkeit der Krise verlangt nach JETZT wirksamen und jetzt MASSIV wirksamen Methoden. Wer heute, mit Blick auf die Krise, nach großen Steuerprogrammen und Umstrukturierung der Wirtschaft ruft, hat die zeitliche Brisanz der Lage nicht verstanden. Insofern gilt für heute sogar der Spruch: Zeit ist Geld. Denn je länger wir dahin warten, desto weniger wird es. Das übrige, so not es tun mag, muss später diskutiert werden.

Doch selbst dann bleibt oben genannter Sachverhalt bestehen: Der Staat kann selbst bei massiver und dabei selbstmörderischer Überschuldung bei weitem nicht das Investitions-Potential seiner Bürger erreichen.

Nachdem sich die Deutschen allerdings recht lange ignorant gegenüber der aufziehenden Krise gezeigt haben, dürfte gerade in diesen Tagen die Hasenfüßigkeit um sich greifen. Vergangenen Samstag war die Münchner Einkaufszone bedrohlich leer.

Mit dem ganz großen Bibbern aber käme die ganz große Krise.

Keine Spar-Starre!

Insofern: Lieber vernünftig agieren und jetzt Ausgaben tätigen, die erst für später vorgesehen waren.

Wenn die große Zahl der Bürger aus Ängstlichkeit jetzt in eine Spar-Starre verfällt, wird daraus die schlimmste selbsterfüllende Prophezeiung, die man sich vorstellen kann. Die Schuld daran trägt allerdings nicht mehr der Banker oder der Staat, sondern das Herdentier Mensch.

Die Krise beinhaltet die Chance zum Richtungswechsel

Damit kann man übrigens Wirtschaftspolitik im besten Sinn betreiben: Wir Käufer bestimmen die Struktur des künftigen und hoffentlich nachhaltigen Marktes, wenn wir jetzt verstärkt spritsparende Fahrzeuge, Solardächer, Wärmedämmungen etc.pp. kaufen.

Dieses mal, nur dieses eine mal gebe ich George W. Bush recht: GO OUT AND SHOP!

And please: Shop green.

— Schlesinger

* andere Zahlen weisen höhere Werte aus.

PS.: Liegt ein Rechenfehler vor? Bitte gleich durchgeben. Mit den vielen Nullen gehe ich auch nicht jeden Tag um ….

PS.2: Ergänzende Hinweise und Diskussion siehe auch hier (einschließlich der Kommentare).

DIESER BEITRAG UNTERLIEGT DER CC LIZENZ:Wiedergabe und Weiterverbreitung unter Angabe der Quelle ausdrücklich erwünscht.

Leseempfehlung aus dem Spiegelfechter vom letzten Dezember:

„Auch die viel diskutierten Konsumschecks wären ein richtiger Schritt. Sie würden sofort wirken und den Konsum stärken. Natürlich würde dafür auch Geld an anderer Stelle gespart, aber die Streuverluste wären relativ gering und vor allem wäre diese Maßnahme auf den konkreten Zeitpunkt bezogen. Wenn ein Herr Steinbrück raunt, die Wirkung solcher Schecks wäre in drei Monaten „verpufft“, so hat er das Prinzip der Schecks nicht verstanden. Sie sind nicht auf langfristige Stützung, sondern auf die dringend benötigte Sofortwirkung ausgelegt.“

…. womit Jens Berger Herrn Sommer vom DGB souffliert hat:

„Darüber hinaus sind weitere kurzfristige Konsumanreize für geringe und mittlere Einkommen geboten. Wir haben in diesem Zusammenhang Konsumschecks von 250 Euro und die Erhöhung der Hartz IV-Sätze auf 420 Euro vorgeschlagen. Ein solches Konjunkturpaket mit einem Gesamtvolumen von 100 Milliarden Euro für zwei Jahre hätte den Abschwung bei Wirtschaftswachstum und am Arbeitsmarkt sicher wirkungsvoller verringern können.“

Wer sich schon mal an Inflationsgeld gewöhnen möchte, kann via BasicThinking zahlreiche Kostproben einsehen.