Die brisante Personalie Karl Theodor zu Guttenberg

UPDATE 16.02.2011

Informationen der Süddeutschen Zeitung zufolge hat Verteidigungsminister zu Guttenberg mit seiner Doktorarbeit offenbar ein Plagiat vorgelegt:

Die Doktorarbeit sei an mehreren Stellen „ein dreistes Plagiat“ und „eine Täuschung“, sagte der Bremer Juraprofessor Andreas Fischer-Lescano, der die Parallelen mit anderen Texten bei einer Routineprüfung entdeckt hat. Fischer-Lescano lehrt an der Universität Bremen Öffentliches Recht, Europa- und Völkerrecht.

Auf der Seite der Süddeutschen kann man nachvollziehen, in welchen erheblichen Umfängen Herr Guttenberg Texte aus fremden Quellen übernommen hat, ohne sie als fremde Texte zu kennzeichnen.

Sollte sich der Erstverdacht erhärten, liegt damit nichts anderes vor als Betrug.

Siehe auch den Kommentar von Ulrich Deppendorf zur Affäre Guttenberg.

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Ursprünglicher Beitrag

Der Mann kann schön gestelzt sprechen:

„Ich durfte“, hatte zu Guttenberg mit Stolz gesagt , „mit teilnehmen an einem Gang, den die Familie mit begleitet hat – und zwar federführend mit begleitet hat – eines großen Konzerns, der an die Börse geführt wurde und der ein MDax-Unternehmen wurde. Ihnen werden die Rhön Kliniken etwas sagen.“

Aristokratisches Understatement oder Aufschneiderei?

Ehrfurchtsvoll möchte man sein Haupt beugen vor solchem unternehmerischen Können, vor allem wenn es im zarten Alter von 18 zustande kommt. Denn so alt war zu Guttenberg, als er gerade zur Bundeswehr eingezogen wurde, aber schon den großen Coup „begleiten durfte“.

Sodann wurde verbeitet, Guttenberg habe ein mittelständisches Unternehmen seiner Familie geführt. Nun sieht es sehr danach aus, als habe es sich um zwei Strohfirmen gehandelt, die ohne eigene Umsätze wohl vornehmlich dem Zweck dienten, die eigenen Finanzen zu verwalten.

Guttenberg glaubte brav an Bushs Nicht-Folter-Versprechen

Im April 2004 berichtete die US  Zeitschrift „New Yorker“ und die bekannte  Sendung „60 Minutes“ als erste über die Foltervorgänge im berüchtigten Iraker Gefängnis Abu Ghraib.

Im Folgenden äußerte die Administration Bush, es habe sich um bedauerliche Einzelfälle gehandelt. Die USA würden nicht foltern und sich an internationales Recht halten.

Im Dezember 2005 wurde einmal mehr Außenministerin Condoleezza Rice zu den Foltervorwürfen befragt. Wie stets beharrte sie auf der „we do not torture„-Haltung.

Wer schenkte dem Glauben? Kaum jemand auf der Welt.

Keiner? Doch: Karl Theodor zu Guttenberg:

„Yes, I did“ Karl-Theodor zu Guttenberg, a conservative member of the German Parliament, said in a telephone interview on Tuesday.

„The thing I believe is that the United States does obey [halten sich an] international law, and Mrs. Merkel said that she believes it too.“

Dazu lieferte er sogleich die Schuldigen: Die Presse. Sie habe unüberprüfte Informationen und Gerüchte übernommen und aufgebauscht und dadurch die Voreingenommenheit gegenüber den USA geschürt. Statt dessen sollte man vielmehr eine Hand ausstrecken:

In Mr. zu Guttenberg’s view, the reports filling both the German and American news media these days and fostering a surge of renewed indignation [eine Welle erneuter Abneigung begünstigen] against the Bush administration are based on unproved allegations and rumors [Beschuldigungen und Gerüchte] that have been transformed into established fact.

„What’s important is that the balance between democratic principles and secret services needs to be maintained,“ Mr. zu Guttenberg said. „I take it as a reaching out of the hand when she says mistakes have happened and we have to rectify them.“

Nadelstiche gegen Obama

Während der hohe Herr zu Guttenberg gegenüber Bush großes Gottvertrauen hatte und noch mehr Solidarität übte, konnte er sich trotz adliger Contenance eine herablassend-belehrende Bemerkung angesichts der Partnerschaftsangebote des schwarzen Präsidenten Obama nicht verkneifen: Dessen neuer Umgangston – so Guttenberg – „löst bei uns zunächst mal tränenblinde Euphorie aus.“

Blindheit gegenüber schwersten Verfehlungen Bushs einerseits und Sarkasmus gegenüber dem zweifelsfrei unbescholtenen neuen Präsidenten? Auch das ein denkwürdiges charakterliches Merkmal.

Lückenvoller Lebenslauf: Investmentbanker?

Wer sich heute auf eine gehobene Position bewirbt, sollte tunlichst einen lückenlosen und vor allem aussagekräftigen Lebenslauf vorlegen.

Auf der Homepage des Wirtschaftsministeriums ist dazu unter anderem angeführt:

„Leitung des Familienbetriebes in München und Berlin, berufliche Stationen in Frankfurt und New York“.

Zu ersterem: Siehe oben. Zu zweiterem: Was sind „berufliche Stationen„?

Stimmt es, dass Guttenberg Investment-Banker in New York war? Sollte dem so sein, wäre das eine geradezu unfreiwillig komische Sache: Der Mann, der in der Krise profitiert haben könnte, soll sie an vorderster Stelle bekämpfen. Anfragen des NDR an das Ministerium und das Kanzleramt blieben unbeantwortet.

UPDATE 20.02.2011:

Entwarnung! KT war nicht Investmentbanker, sondern Praktikant in amerikanischen Anwaltskanzleien:

Auf seiner Website berichtet der Baron von «beruflichen Stationen in Frankfurt und New York».

Auch will er als «Freier Journalist bei der Tageszeitung ‹Die Welt›» tätig gewesen sein.

Das sind zumindest Übertreibungen, wie die «Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung» aufdeckte.

Bei den Berufserfahrungen in den USA und Frankfurt handelt es sich um mehrwöchige Studentenpraktika, die Guttenberg in jungen Jahren bei Anwaltskanzleien absolvierte.

Auch bei der «Welt» kann nicht von einer regulären Mitarbeit die Rede sein. Guttenberg war im Sommer 2001 als Praktikant auf der Redaktion; insgesamt schrieb er in dieser Zeit acht kleinere Beiträge – nur vier davon alleine.

„Absolut und vollkommen absurd“

So lautete die Antwort des CSU-Landesgruppenchefs Peter Ramsauer als Erwiderung auf Kritik, zu Guttenberg habe zuwenig Erfahrung.

Der Jurist Guttenberg, so Ramsauer,  erfülle für das Amt die allerbesten Voraussetzungen.

Herr Ramsauer blieb dabei die Erläuterung schuldig, inwiefern gerade ein Jurist und nicht etwa ein Volkswirtschaftler oder (echter) Unternehmer die „allerbesten Voraussetzungen“ für dieses Amt mitbringen soll.

Assistiert wurde Ramsauer vom Parlamentarischen Geschäftsführer der Unions-Fraktion, Norbert Röttgen: Entscheidend sei eine „politische Persönlichkeit und nicht die Frage, ob derjenige, der das Amt annimmt, schon zehn Jahre im Wirtschaftsausschuss war“.

Guttenberg wird nun als Fachmann für Außen- und Sicherheitspolitik dargestellt, der als solcher auch das Fach wechseln könne. Einmal Könner, immer Könner. Dass Guttenberg maßgebliche Beiträge zur deutschen Außen- und Sicherheitspolitik geleistet hat, ist kaum zu widerlegen. Jederman kennt dessen analytische, visionäre und brilliante Beiträge dazu. Sie können sich gerade nicht erinnern? Geht mir genauso.

Kanzlerin Merkel sicherte ihrem neuen Minister jedenfalls die „volle Unterstützung“ zu. Das wird er wahrscheinlich auch nötig haben. Ob die erforderliche Unterstützung allerdings von der Kanzlerin so geleistet werden kann, wie es die Notlage bedarf, steht in den Sternen.

Erstaunlich milde geben sich vorläufig DIE LINKE: „Bisher ist nicht bekannt, was ihn für dieses Amt auszeichnet“ (Dietmar Bartsch, Bundesgeschäftsführer) und DIE GRÜNEN: „Ein bisschen problematisch ist es schon, dass ein Außenpolitiker in der Wirtschaftskrise ran muss.“ (Fritz Kuhn)

Horst Seehofer, der Protagonist Guttenbergs, hat ein wahres Wort über den „Unnahbaren“ gesprochen: „Er hat eine gewaltige Aufgabe. Von der Herausforderung ist das ein Quantensprung.“ Das mag man so oder so interpretieren.

Da traute sich Andreas Lämmel (CDU, Mitglied im Wirtschaftsausschuss des Bundestags) schon etwa mehr:

„Gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise hätte das Amt von einem ausgewiesenen Wirtschaftsexperten übernommen werden müssen.“

Ein einfaches Wort. Ein wahres Wort.

Allem Anschein nach haben wir es mit dem haarsträubenden Fall zu tun, dass ein Karrierist durch eine Verkettung für ihn glücklicher Zustände in ein hohes, aber für uns alle leider äußerst brisantes Amt gestolpert ist. Das mag nicht verwundern, weiß man doch spätestens seit Markus Söder, wer in Bayern alles zu großer politischer Karriere gelangen kann, ohne auch nur in einer einzigen Aufgabe Substantielles zu leisten.

Immerhin: „Der stets korrekt gekleidete und frisierte Guttenberg ist verheiratet und hat zwei Kinder.“

Wer es weniger skeptisch mag, kann sich der ritterlichen Haltung der FAZ anschließen, die mit großen Pathos deklariert:

„Aber der am 5. Dezember 1971 in München geborene Freiherr bringt neben sieben Jahren Bundestagsschulung und etlichen Jahren CSU-Stählung den Namen und die Erziehung einer bedeutenden Familie mit sich“

und mit famoser Begründung alle Zweifel an der Kompetenz G.’s beiseite fegt:

„Wer sich über Jahrhunderte halten und dann noch ein gewisses Vermögen vorweisen kann, versteht überdurchschnittlich viel von Wirtschaft.“

Gibt es einen Medienpreis für journalistische Liebedienerei? Die FAZ hätte ihn sich sich mit diesem Beitrag verdient.

„Keinerlei sachliche Kompetenz“ – „falsch am Platze“

So lautet kurz und bündig das Urteil von Rudolf Hickel, des Bremer Professors für Finanzwirtschaft und Leiters des Instituts für Arbeit und Wirtschaft.

Und weiter: „Ich habe zweimal mit Herrn Guttenberg im Fernsehen diskutiert, er hat keinerlei sachliche Kompetenz. Wer ein solches Amt mit einer solchen Aussage antritt, der hat die Krise nicht verstanden, ist also am falschen Platz. “

— Schlesinger

Nette Ergänzung auf Informelles

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