Den deutschen Aufschwung, den es nie gab

Angela Merkel ist – Zitat – eine „Dummschwätzerin„.

So der Kabarettist Georg Schramm in der letzten Sendung des letzten ernst zu nehmenden deutschen Politkabaretts „Neues aus der Anstalt„.

Urban Priols „Neues aus der Anstalt“ hat sich noch nie einen Namen damit gemacht, der Bundeskanzlerin nach dem Mund zu reden. Der Ton aber scheint sich zu verschärfen. Zurecht.

Zwar meinte Altkanzler Helmut Schmidt noch vor wenigen Tagen im Gespräch mit Sigmund Gottlieb, die Große Koalition mache ihre Sache alles in allem gar nicht schlecht. Doch werden weite Teile der Bevölkerung die Meinung des geschätzten Kanzlers mit Blick auf ihre eigene Lage nicht teilen.

Beim Versuch, die zahllosen Aspekte der Politik im Blick zu behalten, unterliegt man allzu leicht der Gefahr, den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr zu sehen.

Wie gut oder schlecht ist das Konjunkturpaket geschnürt? Ist die inzwischen tausendjährige Gesundheitsreform der Ulla Schmid vernünftig konzipiert? Genügen die steuerlichen Vorteile bei Erneuerbaren Energien, um angesichts des Klimawandels rechtzeitig die grüne Wende zu schaffen? Diese Liste ließe sich lang fortsetzen. Vor lauter Pro und Contra könnte man die Übersicht verlieren.

Insofern ist eine Verdichtung von Informationen immer dann nützlich, wenn die wesentlichen Punkte eines Phänomens heraus kristallisiert werden. Eine derartige Verdichtung ist nicht weniger wert, wenn sie von Kabarettisten kommt.

Priols Truppe hat mehrfach unter Beweis gestellt, dass sie harte politische Fakten nahtlos und bestens gebündelt in die Form des kritischen Kabaretts zu gießen versteht.

Als Spezialist unter den Spezialisten der „Anstalt“ hat sich Georg Schramm etabliert, der ohne weiteres als Analytiker eines „think tank“ glänzen könnte.

Wohlstand ist für alle (Merkel-Gläubigen) da

Was die Meisten irgendwie wußten, fühlten oder ahnten: Dass der vielbesagte, und noch häufiger besungene Aufschwung an ihnen vorbei gegangen ist, hat Schramm in seiner unnachahmlich präzisen Art mit aktuellen, konkreten Zahlen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) belegt:

Auszüge des DIW-Berichts (Dr. Markus Grabka, SOEP):

6 000 000 000 000 €

  • Das ist die gute, die einzig gute Nachricht: Die privaten Haushalte verfügten 2007 über ein Nettovermögen von sechs Billionen Euro. Aber.
  • Die Ungleichheit der Vermögensverteilung in Deutschland ist zwischen 2002 und 2007 stark gestiegen.
  • der Wert der privaten Vermögen der mittleren Altersgruppen ist im Osten um 17 Prozent gesunken.
  • die Mittelschicht ist zwischen 2000 und 2006 von 62 auf 54 Prozent geschrumpft.
  • Die untere Hälfte der Bevölkerung tritt beim Vermögen auf der Stelle.
  • Jeder Vierte (27%) hat gar kein Vermögen oder ist verschuldet.

Und:

Hingegen besitzen die vermögendsten
10 Prozent der Bevölkerung
insgesamt einen Anteil am Gesamtvermögen
von mehr als 60 Prozent.

Die obersten 1 Prozent,
also die Allerreichsten in Deutschland,
verfügen über knapp ein Viertel
des Gesamtvermögens.

Hierzu passt bestens die aktuelle Meldung aus der Wirtschaft, wonach die Ölgiganten auch im vergangenen Jahr 2008 REKORDGEWINNE erwirtschaftet haben.

Rekordgewinne der Öl-Konzerne

Die Angaben beziehen sich auf das Jahr 2008. Die Steigerungsraten beziehen sich auf das Vorjahr 2007.

  • EXXON: Gewinn 45 Milliarden Dollar (34,78 Mrd Euro) (Höchster Gewinn aller Zeiten)
  • British Petroleum ( BP ): Gewinn + 39 Prozent auf 25,6 Milliarden Dollar (19,78 Mrd Euro)
  • Royal Dutch ( Shell ): Gewinn + 14 Prozent auf 31 Milliarden Dollar (24 Mrd Euro)
  • Chevron: Gewinn + 29 Prozent auf 23,9 Milliarden Dollar (18,47 Mrd Euro)

In Summe: 97 Milliarden Euro.

Das entspricht dem 32-fachen Etat des Bundes für das Gesundheitswesen; oder dem 10-fachen Etat des Bundes für Forschung und Bildung.

Und trotz dieser abstrusen Situation setzt die Regierung – Kanzlerin Merkel allen voran – unverändert auf die Automobilindustrie als die Stütze der deutschen Wirtschaft. Führt man sich allerdings vor Augen, welche Lobbyarbeit sich mit den oben genannten Gewinnen machen lässt, muss sich über nichts wundern (das gilt übrigens auch für die dezent im Hintergrund vonstatten gehende Einflussnahme der Ölmultis auf das Thema Klimawandel).

Change? No, we Germans can’t.

Um auf Schramms Urteil über die Kanzlerin zurück zu kommen: Er hat recht in seinem harten Wort von der Dummschwätzerin und auch darin, dass sie damit noch „gut, sehr gut bedient“ sei. Ganz unwohl wird einem beim pointierten Abschlussatz Schramms, man wolle sich gar nicht vorstellen, wie der Abschwung aussehe, wenn das soeben gezeigte der Aufschwung war.

Und doch wird Frau Merkel aller Voraussicht nach auch 2009 und Folgende Kanzlerin bleiben.
Ihr vorrangiges Ziel dabei: Lächelnd. Dranbleiben. Ganz die Kohl, möchte man fast sagen.

— Schlesinger

PS.: Zitate

Bundeskanzlerin Angela Merkel: „Der Aufschwung kommt bei den Menschen an.“

Wirtschaftsminister Michael Glos: „Wir leben im Aufschwung in Deutschland, wir sind damit wieder auf der sicheren Seite.“

Bundeskanzlerin Angela Merkel: „Wir wollen die Grundlagen des Aufschwungs stärken, damit alle Bürgerinnen und Bürger unseres Landes an diesem Aufschwung teilhaben können.“

PS.2: VIDEO: Die letzte Sendung können Sie hier nochmals komplett sehen.

PS.3: Einen passenden Abgesang auf den früher guten, inzwischen erbämrlichen „Scheibenwischer“ finden Sie auf Medienrauschen, ein schönes Lob für die „Anstalt“ gibts auf generation-dumm.

(Photo: screenshot ZDF)