Zur Erinnerung an Theodor Heuss: Israel anerkennen

Theodor Heuss, die Juden und Israel
Bundeskanzler Adenauer mit Theodor Heuss

Heute ist der 125. Geburtstag des ersten Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland Theodor Heuss.

Er wurde am 31. Januar 1884 im schwäbischen Brackenheim geboren und starb am 12. Dezember 1963 in Stuttgart.

Heuss wurde 1908 von Albert Schweitzer mit Elly Knapp verheiratet.

1917 gründete Heuss in Konstantinopel (dem heutigen Istanbul) ein  „Haus der deutsch-türkischen Freundschaft„. 1918 wurde er Mitbegründer der Deutschen Demokratischen Partei (DDP).

Theodor Heuss und die Juden

Lange bevor der Staat Israel gegründet wurde pflegte Heuss gute Kontakte zur Jüdischen Gemeinde. So zum Beispiel mit dem damaligen Berliner Oberrabbiner Leo BaeckBaeck würde später über Heuss sagen:

Wo Theodor Heuss naht, fühlen die Menschen sich verstanden. Eine Brücke von Seele zu Seele wird gebaut, ein Friede ist bereitet. Auch Menschen jüdischen Schicksals wissen voller Dankbarkeit darum.

Man darf dabei nicht übersehen, dass Heuss eine ähnlich kritische Haltung zu den osteruopäischen „Shtetl-Juden“ hatte wie zum Beispiel auch David Ben Gurion oder Chaim Weizmann. Heuss schätzte im Grunde nur Juden westeuropäischer Herkunft und auch nur solche mit mindestem gut-bürgerlichem Status. Die jüdischen Publizisten Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky verachtete er. Die beiden Autoren der Weltbühne kritisierten nach Auffassung von Heuss die Weimarer Republik maßlos und trugen damit zu ihrem Niedergang bei. Diese Meinung von Heuss dürfte rein politisch und nicht rassistisch motiviert gewesen sein.

Heuss war zunächst für die DDP, dann für die Deutsche Staatspartei Mitglied im Reichstag.

Die Nazi-Regierung nahm ihm 1933 das Mandat weg. Es hatte Heuss und seiner DDP nicht geholfen, dass sie dem Ermächtigungsgesetz zugunsten der NSDAP zugestimmt hat.

1948 wurde er Erster Vorsitzender der neu gegründeten FDP. Im Parlamentarischen Rat arbeitete er am Grundgesetz mit.

1949 wurde er Präsident der neu geschaffenen Bundesrepublik Deutschland. Das Amt des Bundespräsidenten hatte er zwei Amtszeiten bis 1959 inne.

Aufgrund dieser Biografie war Heuss ein durchaus politischer Präsident, der in engem Kontakt zu Kanzler Konrad Adenauer stand.

Heuss wollte die Anerkennung Israels

Heuss hielt sich nach 1945 hinsichtlich der nationalsozialistischen Massenmorde an Juden und anderen Volksgruppen lange Zeit bedeckt.

Erst 1952, drei Jahre nach Amtsantritt, sprach er in der Gedenkstätte Bergen-Belsen öffentlich von der Schuld Deutschlands. Der Grund für seine Zurückhaltung lag im Richtungsstreit seiner FDP. Die junge FDP war in auch ein Sammelbecken für ehemalige Nationalsozialisten und deren Sympathisanten [1].

Nachdem die „Nationalisten“ in der Partei gegen die Liberalen unterlagen fiel es Heuss leichter sich zu positionieren.

Schließlich sprach er sich für die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zum jungen Staat Israel, worin er insbesondere durch eine vorangegangene halb-private Reise nach Israel bestärkt worden war.

Dieses Thema war seinerzeit durchaus heikel. Einerseits hatte Israel nur bedingtes Interesse an Beziehungen zu Deutschland.  Andererseits versprach die diplomatische Anerkennung durch das schnell stark gewordene West-Deutschland dem wirtschaftliche schwachen Israel Vorteile zu bringen.

Brief Heuss an Bundeskanzler Adenauer

Daher schrieb Heuss im Jahre 1963 – damals nicht mehr Präsident – folgenden Brief an Konrad Adenauer:

28. September1963 (Stuttgart)

Heuss an Adenauer, Bonn

Verehrter, lieber Herr Bundeskanzler,

in diesen Tagen werden Sie ja wohl, was die Ausgangswochen Ihrer unmittelbaren Amtstätigkeit betrifft [2], die Endtermine antreten, und ich will gewiß nicht nun die Ratschläge nachholen, die dort und dort vielleicht am Platz gewesen wären.

Ich habe ja in den letzten drei Jahren mich immer nur am Rande des Politischen herumgetrieben, auch wenn ich die Reisen in Paris, in Südfrankreich und einige Wochen in Israel gemacht habe.

Gerade aber von dem letzteren möchte ich ein paar Worte sprechen, nachdem ich vor einiger Zeit gelesen habe, daß die Herren Abgeordneten Majonica und Martin sich gegen diplomatische Anerkennung des Staates Israel gegenüber den arabischen Staaten ausgesprochen haben.[3]

Man hat mir hier im Krankenhaus erzählt, daß dabei auch auf die Amerikaner Rücksicht genommen wird, was mir reine Gerüchtemacherei zu sein scheint, ohne daß ich irgendwelche Fühlung mit politischen Organen dieses Staates heute halte.

Die Stellungnahme der arabischen Staaten, die ich aus persönlichem Eindruck gar nicht kenne, scheint mir durchaus verworren, und eine Entscheidung von unserer Seite würde wohl nur eine vorübergehende Trübung herbeiführen können.

Ich habe keine Ahnung, wer jetzt politisch-diplomatischer Sachberater in der politischen Gruppe des AA [Auswärtiges Amt, Anm. MK] ist.

Ich persönlich habe, auch auf Grund meines mehrwöchigen Besuches in Israel, den vielen Beziehungen, die ich dort erneuerte, das Gefühl, daß die Herstellung diplomatischer Beziehungen überreif ist.

Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie diese Sache noch in Ihrer Amtszeit zum Abschluß bringen wollten.[4]

Mit besten Grüßen, wie immer

Ihr Theodor Heuss

— Schlesinger

[1] Die FDP drohte in ihren Anfangsjahren an einem Flügelstreit zu zerbrechen. Auf der einen Seite standen die süddeutschen Vertreter liberaler Positionen, denen die norddeutschen Verbände mit „nationalen“ Interessen gegenüberstanden. Die „national“ orientierten Gruppierungen plädierten für eine Öffnung der Partei nach rechts und wollten insbesondere auch ehemalige Nationalsozialisten einbinden. Darin tat sich vor allem der Vorsitzende des nordrhein-westfälischen Verbandes Friedrich Middelhauve, unterstützt von Hessens August Martin Euler und Niedersachsens Artur Stegner. Deren Bestrebungen widersetzten sich vor allem Württemberg-Badens bzw. Baden-Württembergs (vor / nach 1952) Reinhold Maier und Wolfgang Haußmann sowie Hamburgs Max Rademacher.

( Vgl. Udo Wengst: Thomas Dehler – Eine politische Biographie, Kapitel Querelen in der FDP )

Der Richtungsstreit kulminierte in der sogenannten Naumann-Affäre. Naumann war Staatssekretär unter Joseph Goebbels gewesen und versuchte die FDP zu unterwandern, um sie zu einer „NS-Kampfgruppe“ umzuformen. Schließlich kam es zu Verhaftungen von führenden nationalsozialistisch gesinnten Mitgliedern des sogenannten Naumann-Kreises durch den britischen Hohen Kommissar Kirkpatrick.

[2] Adenauer schied im Oktober 1963 aus seinem Amt aus.

[3] Die Bundestagsabgeordneten Ernst Majonica und Berthold Martin äußerten sich während und nach einer Arabien-Reise abschlägig über die Aufnahme diplomatischer Beziehungen Westdeutschlands zu Israel:

Frage: „Glauben Sie wirklich, daß die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und Israel nicht im Interesse der Beteiligten liegt?“

Antwort: „Ja, die selbstverständliche Hilfe, die wir den Israelis noch über das Wiedergutmachungsabkommen hinaus gewähren, und die Entwicklungshilfe, die einige arabische Länder von uns bekommen, können unbefangener gegeben und genommen werden, wenn man es bei dem gegenwärtigen Status bewenden läßt. […] Freund und Feind brauchen im Nahen Osten Frieden.“

Frage: „Und Sie sehen diesen Frieden durch diplomatische Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und Israel für gefährdet an?“

Antwort: „Ja, weil eine Verstärkung der israelischen Position eine verhängnisvolle arabische Reaktion auslösen könnte.“

[4] Die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Israel erfolgte erst nach zahlreichen Irritationen, Beschuldigungen und Vorwürfen auf beiden Seiten. In der Amtszeit von Kanzler Ludwig Erhard gab es am 12. Mai 1965 einen öffentlichen Briefwechsel zwischen Erhard und dem israelischen Premierminister Levi Eshkol, der diesen Schritt besiegelte.

Israels Wahl von Asher Ben Natan als Botschafter in Deutschland löste auf arabischer Seite großes Mißtrauen aus. Natan war zuvor hochrangiger Beamter des israelischen Verteidigungsministeriums. Andererseits war die Wahl von Rolf Pauls als erster deutscher Gesandter in Tel Aviv sehr heikel. Pauls war vor 1945 Wehrmachtsoffizier und Ritterkreuzträger. Er wurde in Tel Aviv von Tausenden empörter Israelis unter tumultartigen Szenen empfangen.

(Photo:  Bundesarchiv, Wikimedia CC Lizenz)

(Brief-Kopie bzw. Text aus: Heuss – Adenauer, Briefwechsel 1948 – 1963, Rhöndorfer Ausgabe)