Nach-Nachruf auf Slobodan Milosevic

Oder: Wenn das der Führer wüßte!

Bis heute ist mir die Wohlgesonnenheit vieler Linker oder Progressiver in Bezug auf den Serbenführer Milosevic ein Rätsel.

Der kommt aktuell wieder öfters zur Sprache, weil man den Georgien-Krieg bisweilen mit dem damaligen Krieg auf dem Balkan vergleicht.

Woher rührt die Gewogenheit eines bestimmten nicht-radikal-serbischen Publikums mit Milosevic?

Während dieses Klientel ansonsten sorgsam darauf bedacht ist, Menschenschicksale in den Vordergrund zu stellen, kehren sich die Verhältnisse bei Figuren wie Milosevic, Karadzic oder Putin in seltsamer Weise um.

Da werden in Umkehrung der sonst anzutreffenden Vorgehensweise formaljuristische Argumente ins Feld geführt, um die Person der Wahl ins bessere Licht zu rücken.

Das damalige Dilemma auf dem Balkan sei erst durch den NATO-Einsatz zustande gekommen, und der wiederum letztlich infolge der „juristisch“ unrechtmäßigen, da einseitig deklarierten Loslösung Kroatiens und Sloweniens von Jugoslawien.

Das ist, wie gesagt, äußerst bemerkenswert.

Titos Jugoslawien wurde durch dessen Charisma, aber auch durch dessen eiserne Faust zusammen gehalten. Nach dem Tod Titos und begünstigt durch den Zerfall der Sowjetunion begann es im Vielvölkerstaat Jugoslawien zu bröckeln.

Nun kann man sehr wohl damit anfangen, das Scharmützel hier und die Attacken dort aufzurechnen. Letztlich bleibt aber doch festzuhalten, dass sich die Einzelstaaten und / oder Ethnien aus der Klammer Jugoslawiens, also Belgrads, also Milosevic‘ lösen wollten. Das aber war völkerrechtswidrig nach Auffassung der Verteidiger Milosevic‘.

Welches Recht welcher Völker meinen die Verteidiger Milosevic‘ ?

Das Recht des Serbenführers, den Zusammenhalt Jugoslawiens weiter diktieren zu können wie Tito es tat?

Letztlich war es dann auch Milosevic, der von Großserbien sprach, der den Begriff der „ethnischen Säuberung“ einführte und der eine Gesinnung produzierte, die entsprechende Taten folgen ließ.

Kein Führerbefehl!

Die Fürsprecher des Serben führen regelmäßig dessen eigenes höhnisches Verteidigungsargument vor dem Haager Gerichtshof an, niemand konnte und könne einen Befehl Belgrads vorweisen, demzufolge er oder sonst jemand aus der serbischen Regierung ethnische Säuberungen befohlen hättten.

Ein Mehr an Zynismus ist kaum vorstellbar, denn exakt das ist das Argument der ewigen Hitler-Exegeten: Zeigt uns den Führer-Befehl zur Vernichtung der Juden! Man sieht großzügig über die Taten hinweg (welche Taten?) und mimt den kalten Strafverteidiger, dem es ausschließlich auf den Freispruch „seines“ Kandidaten ankommt. Aber alles im Sendungsbewußtsein des Humanisten, der die NATO längst als Wurzel allen Übels ausgemacht hat.

Wahrscheinlich lässt es sich am einfachsten damit erklären, dass den hiesigen NATO- und Westmächte-Kritikern letztlich völlig unklar ist, unter welchen vergleichsweise glücklichen politischen Rahmenbedingungen sie seit jeher ihre Kritiken äußern können, ohne jemals Gefahr zu laufen behelligt zu werden.

Da wir über unsere politischen Fehler dank unserer freien Berichterstattung bestens informiert sind, fallen manche mit Inbrunst vorzugsweise über „uns selbst“ her, da die bisweilen um Welten schwerwiegenderen Mängel der „anderen“ im wahrsten Sinne des Wortes weit weg sind. Was aber weit weg ist, im mehrfachen Sinn des Wortes, erscheint nicht mehr präzise und wird damit zum Gegenstand von Phantasie.

Merke zum Thema informiert-sein: Die sogenannten Mainstream-Medien, wie auch Nicht-Mainstream-Medien, wie auch Bücher, wie auch Radiosendungen jeglicher Couleur kann es eben auch nur in einer freien Gesellschaft wie der unsrigen geben und NICHT in Milosevic- oder Putin-Gesellschaften.

Dieser Umstand ist ebenso trivial wie zutreffend wie häufig ignoriert.

Vielleicht ist das auch nur eine Frage des Alters (Freunde Putins: Lest den Archipel GULAG des kürzlich verstorbenen Nobelpreisträgers Solschenizyn, und darin geht nur zu einem geringen Teil um vergangene Tage). Oder mangelnder Phantasie (Was bedeutet Despotie und Unterdrückung wirklich?). Oder fehlender Inaugenscheinnahme bestimmter roher Verhältnisse (Aus der warmen, sicheren Stube lässt sich heimelig Kritiker spielen. Noch heute kommen Hunderte, wenn nicht Tausende russischer Rekruten beim Grundwehrdienst aufgrund brutalster Methoden um, und niemand schert es). Im medialen Elfenbeinturm lässt sich eben schnell eine herber Beitrag verfassen.

Man ignoriert Milosevic‘ Charakter um jeden Preis und versucht mit Hilfe von einzelnen Episoden aus dem Balkankonflikt die „Unschuld“ Milosevic herauszuschälen.
War aber nicht auch die Rede vom Völker-Recht? Nun, das serbische Volk nahm sich schlußendlich das Recht, ihren Führer und Ver-Führer in Massendemonstrationen zum Teufel zu jagen, und das aus gutem Grund:

„Mehr als ein Jahrzehnt hatte der nahezu diktatorisch herrschende Gründer der Sozialistischen Partei, Milosevic, alles unternommen, um die oppositionellen Demokraten (DS) zu unterdrücken. Er setzte Spezialpolizei ein, ließ das Militär im Belgrader Zentrum Panzer gegen Demonstranten auffahren, warf DS-Politiker ins Gefängnis, gab dem Geheimdienst Aufträge zu Attentaten sowie politischen Morden und missbrauchte eine willfährige Justiz.“

Nein, dieser Milosevic war ein Diktator reinsten Wassers und kein noch so treuherzig-naiver Poet wie Peter Handke könnte daran etwas ändern.

Vielleicht die größte Enttäuschung – aus akademischer Sicht – ist das studentische Versagen von vermeintlichen Kriegsgegnern, die bemerkenswert radikal auftreten. Jene würden, so darf man angesichts der textlichen Aggressivität mit einiger Berechtigung unterstellen, um des Friedens willen einige Andersgesinnte um die Ecke bringen, so es die Umstände erlaubten. Auch die RAF träumte von einer friedlichen Gesellschaft, die man – leider! – zuvor geringfügig zwangs-befrieden müsse.

„AG Friedensforschung Uni Kassel“

Dazu ist an erster Stelle die sogenannte „AG Friedensforschung“ der Uni Kassel zu rechnen. Mit Forschung und akademischem Bemühen allerdings hat das, was auf deren Internetseiten zu finden ist, rein gar nichts zu tun. Es handelt sich um reine (spätkommunistische?) Weltanschauung.

Sätze wie:

„Das kapitalistische Wertgesetz setzte sich maskiert unter dem Schleier der Menschenrechte durch“,

oder

„Was aber im Kapitalismus „Frieden“ heißt, ist nicht einmal die Abwesenheit von Krieg, sondern der mehr oder minder versteckte, ökonomische Bürgerkrieg der Konkurrenz aller gegen alle.“

haben, da es sich nicht um eine Textkritik zum Beispiel von Marx handelt, offenkundig nichts mir akademischer Auseinandersetzung zu tun, sondern sind vielmehr ideologische Postulate, nach dem sich dann – wie unschwer zu erkennen ist – alle weitere „Erkenntnis“ zu richten hat.

Das ist die Kategorie von europäischen kriegerisch-Friedliebenden, die dem israelischen Schriftsteller und echten Friedensaktivisten Amoz Oz zurecht äußerst suspekt sind.

Würden diese Sätze von der PDS stammen, wäre mir das völlig gleichgültig. Es wäre eine zulässige politische Äußerung, zu der man so oder so stehen kann.

Wie es aber eine Universität dulden kann, dass in ihrem Namen derart nicht-akademische Sentenzen gedruckt werden, ist mir einigermaßen schleierhaft. Ich war mir nicht nicht im Klaren darüber, dass Universitäten auch heute noch offiziell Podium für politische Agitation reinsten Wassers sind.

Human Rights Watch gehört zur CIA

Kürzlich erhielt ich eine – wie so oft von diesem Klientel in furchtbarstem Deutsch verfasste – Hetzmail wider die mutmaßliche Mordpolitik der NATO und dazu den aufgeregten Hinweis, dass Human Rights Watch, die ich als Quelle zu nutzen wagte, nur eine Gründung der CIA sei.

Nun gut, auf die Gefahr hin, dass einige meinen, die Gesellschaft für bedrohte Völker sei sagen wir ein e Gründung des Bundesnachrichtendienstes oder eine clandestine Stiftung der (anrührend überschätzten) „Bilderberger“, hier deren abschließende Stellungnahme zum Fall Slobodan Milosevic:

Nachruf auf Slobodan Milosevic Serbiens ehemaliger Diktator ist tot

Er hat das achthundertjährige Bosnien-Herzegowina zerstört. Der Westen hat seine ethnischen Säuberungen nicht rückgängig gemacht

Bozen, Göttingen, 11. März 2006

Mit seinem Tod ist Serbiens ehemaliger Diktator seiner Verurteilung entkommen. Aber sein großserbisches Projekt der ethnischen Säuberung, der Zerstörung des achthundertjährigen Bosnien-Herzegowinas wurde bis heute nicht rückgängig gemacht. Bosnien ist de facto ein geteiltes Land. Die USA und Europa haben seinen Anhängern in Dayton die Hälfte des Territoriums überlassen. Die von dort vertriebenen nicht serbischen Bosnier konnten in ihrer überwältigenden Mehrheit nicht dorthin zurückkehren, leben gegenwärtig über vier Kontinente zerstreut.

Milosevics Name bleibt verbunden mit den ersten europäischen Konzentrations- und Vergewaltigungslagern, den ersten Massenvertreibungen, den ersten Bombardements europäischer Städte, den schrecklichsten Massakern seit dem Grauen der 40-er Jahre. Milosevic kreierte den Begriff ethnische Säuberung, der heute in der internationalen Berichterstattung weitgehend den Terminus Genozid verdrängt hat.

Europa hat den Kriegsverbrecher Slobodan Milosevic vier Jahre lang als Verhandlungspartner hofiert, zwei europäische Regierungschefs John Major und Francois Mitterand haben seine Politik der ethnischen Säuberung kontinuierlich begünstigt.

Bosniens tolerante Muslime stellten die große Mehrheit der Opfer des von ihm initiierten Genozids, 1 186 ihrer Moscheen und Medresen wurden zerstört. Europa gab dem multikulturellen Bosnien keine Chance. Serbische und kroatische Bosnier, die für das gemeinsame Bosnien eintraten, wurden allein gelassen. Die Stimmen von General Divjak, dem serbisch-bosnischen Verteidiger Sarajevos, von Mirko Pejanovic, dem Vorsitzenden des Serbischen Bürgerrates und Alternativen Nobelpreisträger, von Parlamentspräsident Miro Lazovic, und den kroatisch- bosnischen Präsidiumsmitgliedern Ivo Komsic und Stjepan Kljuic fanden kaum ein Echo.

Auch Deutschlands Regierung und Parteien versagten vier Jahre lang, schoben schließlich 50 000 bosnische Flüchtlinge nach Nordamerika und Australien ab, wohl wissend, dass ihre Heimatorte ihnen de facto verschlossen blieben. Nur wenige deutsche Abgeordnete traten rechtzeitig dafür ein, diese Aggression und diesen Völkermord schnell zu beenden.

(Quelle: GfbV)

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Und selbst wenn man diesem Resumee wenig Zutrauen schenken sollte:

Ein Blick auf ein bestimmtes frenetisches serbische Publikum in Belgrad angesichts der jüngsten Überstellung von Karadzic nach Den Haag genügt, um mir in Erinnerung zu rufen, zu was eine kollektiv aufgepeitsche, ideologisierte Masse imstande ist und imstande war.

— Schlesinger

(Photo: Slobodan Milosevic)
(Photo: T.A.B.)
(Photo: Radovan Karadzic)