Der böse Geist – Münchner U-Bahn-Schläger & Al-Quaida

UPDATE 09.07.2008:
Das Landgericht München hatte den zur Tatzeit 17-jährigen Griechen Spyridon L. wegen versuchten Mordes zu achteinhalb Jahren Jugendstrafe verurteilt. Für den damals 20 Jahre alten Türken Serkan A. wandte die Jugendkammer am Dienstag das Erwachsenenstrafrecht an und ahndete die Tat mit zwölf Jahren Haft.

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Thomas Steinfeld von der Süddeutschen verfasste in der aktuellen Wochenendausgabe den hervorragenden Artikel „Der böse Geist“.

Am aktuellen Fall der „Münchner U-Bahn-Schläger“ zeigt Steinfeld den grundlegenden Fehler der „sozialpsychologisch inspirierten Strafverfolgung“.

Dieser Ansatz vertraut zum einen auf die Vereinbarkeit von Strafe und Besserung. Zum anderen – was die Frage der Verantwortlichkeit der Täter anbelangt – geht er von einer mehrschichtigen Persönlichkeitsanalyse aus: Wie ist der Täter aufgewachsen, in welchem Umfeld lebt er, wie sind seine wirtschaftlichen Verhältnisse, was sein Bildunsgstand?

Ob beabsichtigt oder nicht: Damit wird das Individuum Täter zur Mehrfachperson. Der Täter ist dann die Kombination zum Beispiel aus schlechtem Schüler, ruhigem Sohn, jungem liebevollen Vater, zuverlässigem Mieter etc.pp.

In der Gewalttat schlägt dann ein negatives Merkmal durch und verdrängt alle anderen Persönlichkeitsaspekte.

Soll man – so scheint obiger Ansatz zu fragen – nun mit der Bestrafung des schlechten Schülers (dem man schon immer das Gewaltpotential zugetraut hat) zugleich den leidlich liebevollen Vater in ihm mit bestrafen?

Das Problem dieser Art von Abwägung liegt in einem logischen Widerspruch: Der Täter wird hinsichtlich der Strafbemessung „geteilt“, aber hinsichtlich des „Besserungspotentials“ wieder als „ganzes Individuum“ genommen.

Steinfeld erteilt dem zurecht eine Absage. Der Täter ist die Einheit des in der Gewalt Handelnden:

Der böse Geist ist indessen von dieser Welt.
Er sucht sich sein Opfer, er fahndet nach der Provokation.

Mit Schopenhauer gesprochen:

„Der Charakter des Menschen ist konstant: Er bleibt derselbe, das ganze Leben hindurch. Unter seiner veränderlichen Hülle seiner Jahre, seiner Verhältnisse, selbst seiner Kenntnisse und Ansichten, steckt, wie ein Krebs in seiner Schale, der identische und eigentliche Mensch, ganz unveränderlich und immer derselbe.“ (Über die Freiheit des Willens, Kap. III)

Schopenhauer hat Recht mit seiner Feststellung, dass sich der Charakter nicht ändern lässt. Damit ist nicht gesagt, dass sich ein Mensch insgesamt nicht „ändern“ liesse.
Was mit „ändern“ (= Besserung) alleine von Interesse ist, sind die äußerlichen Handlungen.
Wer als potentieller oder tatsächlicher Täter zur Erkenntnis gelangt, bestimmte Handlungen nicht vorzunehmen, weil sie aus eigener Beurteilung heraus nachteilig sind, wird das Mittel zum Zweck anders gestalten.

Konkret: Die Strafe an sich ändert weder den Charakter, noch die Motive. Erst wenn bezogen auf die ureigenste Wertewelt des (potentiellen) Täters ein Schalter gefunden wird, anhand dessen er seine Handlungen ändert, besteht Aussicht auf „Besserung“.
Strafe an sich kann sogar das Gegenteil des Erhofften bewirken: Für nicht Wenige stellt sie eine Art Auszeichnung dar.

Hinsichtlich der Motivation lässt der Autor Jan Philipp Reemtsma zu Wort kommen: Das Ziel solcher Gewaltakte wie im Münchner Fall ist der Genuß der absoluten Macht über einen anderen, um darin das eigene (lädierte) Selbstbewußtsein zu stärken. Steinfeld ergänzt dazu:

„Der böse Geist ist der Wahn von einem glohrreichen Ich.“

Was Steinfeld nicht anspricht (weil es auch nicht unbedingt zum Fokus seines Beitrags gehört): Gewiß trägt „die Gesellschaft“ eine Mitverantwortung für manche Tat oder die Genese manchen Täters, weil etwa das Schulsystem überlastet ist etc.pp.

Dieser mögliche Negativ-Beitrag in der Entstehung eines Täters darf aber nichts wegnehmen von der Zuordnung von Tat, Täter und Verantwortung. Es ist und bleibt der Täter, der die ganze Tat zu verantworten hat. Es mag zynisch klingen, aber es bleibt gar keine Alternative. Man kann einen Totschlag oder eine Vergewaltigung schlechterdings nicht auf unzählige Schultern (= „die Gesellschaft“, „das Milieu“) verteilen.

Dass der Staat, die Gesellschaft, die Familie usf. tunlichst ihren Beitrag leisten müssen zur Vermeidung von Täterbiografien beziehungsweise in der nachträglichen Erziehungsarbeit, ist komplementär zur Verantwortungszumessung, keinesfalls Ersatz.

Analog dazu kann man die Verantwortlichkeit der Al-Quaida skizzieren.

In der Zeit nach 9/11 wurde unter der Hand oft darauf verwiesen, wieviel Schuld die Vereinigten Staaten daran trügen, dass ihnen diese Attacke widerfahren ist.

Dieser Ansatz entspricht der obigen Schuldabwälzung vom Täter auf „die Umstände“.

De facto aber entspricht dem letztlich mangelnden Selbstbewußtsein der Münchner U-Bahn-Schläger das mangelnde Selbstbewußtsein allzu vieler muslimischer Radikaler (radikal Gewordener).

Osama Bin Laden ist der globale Gangleader einer zerrütteten Familie.

Thomas Friedman von der New York Times fand in seinem Buch „Longitudes and Attitudes“ folgendes einfache Bild, das gut passt:
Wer in der Geschichte der Menscheit hätte jemals einen gemieteten Wagen gewaschen?
So ist es auch mit manchen arabischen Ländern.
Ihre Bevölkerung hat – zurecht – kein Zutrauen in die eigene Regierung und betrachtet sie wie einen gemieteten Wagen.
Die Regierung gehört ihr nicht, also muss sie sich nicht um die Probleme kümmern, die sie mit ihr (und ihrer Gesellschaft) hat.

Die Probleme werden verlagert. Man benötigt einen Sündenbock, dessen man eher habhaft werden kann.
Bin Laden wurde offenkundig nicht fertig mit der von ihm verhassten bigotten saudischen Führungsschicht (aus der er urspünglich stammt). So wandte er sich dem „großen Satan“ zu.

Das ganze Gebahren der Al-Quaida gegenüber den USA ist vergleichbar mit der Münchner U-Bahn-Szene.

Auf der einen Seite der gut situierte, wohlerzogene, gebildete ehemalige Schuldirektor, der (vielleicht) die Nase rümpfte über die offenkundig heruntergekommenen Jugendlichen. Dazu hat er sie „provoziert“ durch seine Aufforderung, das Rauchen in der U-Bahn sein zu lassen. Der ganze Frust und die Wut der Jugendlichen über ihre eigene schlechte Lage brach sich jäh Bahn, indem sie über den Mann herfielen.

Auf der einen Seite die wohlhabenden, einflussreichen USA, die bisweilen etwas von oben herab mit weniger gut gestellten Nationen umspringen. Auf der anderen Seite arabische Gesellschaften, deren Regimes nicht selten (halb) diktatorisch sind, oft korrupt, wenig echte Mitsprache zulassen, einen nach außen hin rigiden Islam vertreten (insbesondere der äußerst strenge wahabitische Islam in Saudi-Arabien) und gleichzeitig in opulentem Reichtum schwelgen, der die Bevölkerung zumeist nicht erreicht.
Demgegenüber tritt der Schuldirektor USA mit allen psychologischen Folgen auf.

Die sozialen und gesellschaftlichen Hintergründe, die zum versuchten Totschlag in der U-Bahn bzw. zu 9/11 führten, lassen sich in beiden Konstellationen schildern, lassen sich „erklären“.

Damit werden die jeweiligen Taten zwar „erklärlich“, aber keinesfalls gerechtfertigt.

Beide Tätergruppen wollten / wollen im übrigen keinen „gerechten Ausgleich“, sondern nur den „Genuß der absoluten Macht über einen anderen“.

Insofern ist harte Bestrafung in beiden Fällen angemessen. Nicht zur Besserung, sondern zur Kaltstellung der Täter.

Dass George W. Bush dieses absolut gerechtfertigte Ziel in Afghanistan zugunsten eines optionalen Krieges im Irak aus den Augen verloren hat, ist ein Irrsinn eigenen Ausmaßes. Der Krieg im Irak war nie ein Anti-Terrorkrieg.

— Schlesinger

P.S.: Der Rahmen dieses Essays würde gesprengt, sollte die Besonderheit des palästinensischen Widerstands besprochen werden, den ich nicht zu Terrorakten à la Bin Laden rechne. Dieser Widerstand resultiert aus einer konkreten alltäglichen rechtswidrigen Unterdrückung vor Ort, nicht aus einer imaginären fernen Beeinflussung Arabiens durch die USA.

(Photo: Bildausschnitt American History X)