Bücherverbrennung und frühe Irrung des Thomas Mann

In München und andernorts wird heute der Bücherverbennungen gedacht, die 1933 in ganz Deutschland stattfanden.

Zu den Schriftstellern, die auf dem Scheiterhaufen landeten, gehörten unter anderem Heinrich Mann („Professor Unrat“), Erich Maria Remarque („Im Westen nichts Neues“), Alfred Döblin („Berlin Alexanderplatz“), Kurt Tucholsky („Schloß Gripsholm“), Sigmund Freud („Abriß der Psychoanalyse“) oder der Journalist Carl von Ossietzky.

Hierzu ein Wort von Münchens Oberbürgermeister Christian Ude:

Die Bücherverbrennungen, die am 10. Mai 1933 in über 50 deutschen Städten stattfanden, sind einer der ersten „Marksteine“ in der Geschichte der Barbarei unter der Herrschaft der Nationalsozialisten.

Auch in München, der „Hauptstadt der Bewegung“, brannten an diesem Tag die Scheiterhaufen, wurden zahllose Werke jüdischer, pazifistischer, kommunistischer oder sozialistischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller ein Opfer der Flammen.

Im Jahr des 850. Stadtgeburtstags und zum 75. Jahrestag der Bücherverbrennung soll dieses dunklen Kapitels der Münchner Stadtgeschichte in besonderer Weise gedacht werden.

Ganz München ist aufgerufen, sich zu erinnern. An der stadtweiten Aktion gegen das Vergessen beteiligen sich viele kulturelle Institutionen und Initiativen mit Veranstaltungen unterschiedlicher Art.

Viele Künstlerinnen und Künstler, Schülerinnen und Schüler und andere engagierte Bürgerinnen und Bürger erinnern durch öffentliche Lesungen an die „verbrannten Dichter“, die uns mahnen, dass den Anfängen zu wehren ist.

Denn „wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen“ (Heinrich Heine).

Christian Ude
Oberbürgermeister der Landeshauptstadt München

Bemerkenswert an der Bücherverbrennung ist unverändert der Umstand, dass sie zumeist von den Universitäten ausgingen, in denen die Nationalsozialisten in der „Deutschen Studentenschaft“ und in Form des „Nationalsozialistischen Stundentenbundes“ früh Fuß fassen konnten.

An den Verbrennungen, die von manchem Professor geleitet wurde, störten sich nur wenige Deutsche.

Vielmehr war häufig ein Seufzer der Erleichterung zu vernehmen, dass alles „Undeutsche“ und „Zersetzende“ beseitigt werden sollte.

Selbst Thomas Mann erkannte nicht die Tragweite der Vorgänge. In seinem Tagebuch vermerkte er am 12. Mai:

Die Stimmungsbilder aus München beklemmend, ein Blick in deutsche Zeitungen dito. […]

Selbstverständlich ist auch für mich und meine geistige Natur immer noch ein bereitwilliges Deutschland vorhanden. […]

Aber man muss sich klar darüber sein, daß, staatlich-historisch genommen, die deutschen Vorgänge positiv zu werten sind, […]

[…] man muß erkennen, daß die Mächte der geistfeindlichen Rohheit [die Nationalsozialisten, a.d.V.] die historischen Aufgaben an sich genommen haben und mit einer Energie, an der es der [Weimarer] Republik vollkommen gebrach, durchführen.

(aus: Thomas Mann, Tagebücher 1933-1934)

Das vorläufig Schlimmste, das Thomas Mann an diesem Tag zu sehen glaubte, war ein „Abwanderung des deutschen Geistes“.

Um wieviel klarer sah das der große Publizist Sebastian Haffner:

Alle Ressentiments und alle Negationen des Nazismus waren in diesen jungen Leuten schon vorhanden. Welche Genugtuung für sie, dass sie
der seltsamen Welt des Geistes, der Zivilisation, der „Bourgeoisie“
endlich den Fuß auf den Nacken setzen konnten.
(aus: „Germany: Jekyll & Hyde“)

Erst im Exil und wohl auch durch persönliche Schicksalsschläge geläutert fand Thomas Mann deutliche Worte und wandte sich unter anderem in seinen Ansprachen über BBC wortgewaltig gegen den Nationalsozialismus:

Ich gebe zu, daß, was man Nationalsozialismus nennt, lange Wurzeln im deutschen Leben hat.

Es ist die virulente Entartungsform von Ideen, die den Keim mörderischer Verderbnis immer in sich trugen, aber schon dem alten, guten Deutschland der Kultur und Bildung keineswegs fremd waren.
Sie lebten dort auf vornehmem Fuße, sie hießen „Romantik“ und hatten viel Bezauberndes für die Welt.

Man kann wohl sagen, daß sie auf den Hund gekommen sind und bestimmt waren auf den Hund zu kommen, da sie auf den Hitler kommen sollten.

(„Deutsche Hörer“, August 1941).

— Schlesinger

(Grafik: Deutsches Historisches Museum)
(Photo: amazon.de)