Crane King
Crane und King warnten vor „extremem Zionismus“

Im Januar 1918 sollte der Erste Weltkrieg noch 11 Monate lang dauern.

US Präsident Wilson träumte davon der Welt eine neue, freiere Richtung zu geben, als er in jenem Januar 1918 vor dem US Kongress sein sogenanntes 14-Punkte-Programm hielt.

In dieser Rede beschrieb Wilson unter anderem, wie mit den Ländern umzugehen sei, die damals noch unter der Herrschaft des Kriegsgegners Türkei standen, also Syrien, Palästina, Jordanien und Irak:

(14) Den übrigen Nationalitäten [ des Osmanischen Reiches ], die zurzeit unter türkischer Herrschaft stehen, sollte eine zuverlässige Sicherheit des Lebens und eine völlig ungestörte Gelegenheit zur selbstständigen Entwicklung gegeben werden.

Nach Ende des Ersten Weltkriegs lud Präsident Wilson für das Jahr 1919 zu einer Konferenz der Siegermächte nach Paris ein.

Es ging unter anderem um die Zukunft von Palästina, das bisher unter türkischer Herrschaft stand.

Besonders die europäischen Kolonialmächte England und Frankreich waren stark daran interessiert, große Teile des früheren Osmanischen Reiches unter ihre Kontrolle zu bringen. Schon während des Kriegs gab es dazu Geheimabsprachen zwischen England und Frankreich, die den gesamten Nahen Osten unter sich aufteilen wollten (Sykes-Picot-Abkommen, 1916).

In dem für England kritischen Kriegsjahr 1917 schloß London ein Bündnis mit den Zionisten und sicherte zu, nach dem Krieg die Bildung einer „jüdischen nationalen Heimstätte in Palästina“ zu unterstützen (Balfour-Deklaration).

Weder das Sykes-Picot-Abkommen, noch die Balfour-Erklärung entsprachen dem Geist der 14 Punkte von Präsident Wilson.

Um ein besseres Verständnis für die Lage im Nahen Osten zu bekommen, rief Präsident Wilson eine Nahost-Kommission ein. Die Amerikaner Charles Crane und Henry King sollten u.a. die Lage in Palästina beurteilen.

Schon damals war bekannt, dass das zionistische Programm und die damit verbundene Einwanderung von Juden nach Palästina in der Region Unruhe verusachte.

Auszüge aus dem Crane-King-Bericht:*

Bericht der amerikanischen Sektion der Allierten Kommission über Mandate in der Türkei [ehemals Osmanisches Reich]


Ein offizieller Bericht der Regierung der Vereinigten Staaten

[Vorwort]

Das amerikanische Volk hat keine politischen Ambitionen in Europa oder im Nahen Osten; es bevorzugt, wenn das möglich ist, sich von allen europäischen, asiatischen oder afrikanischen Verstrickungen fernzuhalten. Aber es wünscht aufrichtig, dass ein dauerhafter Frieden und die besten Ergebnisse aus diesem Krieg hervorgehen. Das amerikanische Volk erkennt auch, daß es seine Verantwortung nicht ganz vermeiden kann für gerechte Vereinbarungen zwischen den Nationen nach dem Krieg und im Rahmen des Völkerbunds. In diesem Sinne nähert es sich den Problemen des Nahen Ostens. […]

Die große Mehrheit [der Petitionen, die King/Crane vor Ort erhalten haben] forderte die Unabhängigkeit und definiert ein Mandat so, dass es sich nur um wirtschaftliche und technische Hilfe handelt, da befürchtet wird, dass ein Mandat zur Verschleierung der kolonialen Annexion genutzt werden könnte. […]

Wünsche des Volkes. Die Muslime machen [neben Christen, Juden und anderen] etwa vier Fünftel der heutigen Bevölkerung Palästinas aus, laut einer kürzlich durchgeführten britischen Volkszählung.

Bis auf bestimmte offizielle Gruppen waren sie praktisch einstimmig für die Unabhängigkeit eines Vereinigten [Groß-] Syrien [d.h. einschließlich Palästina] und waren sich der aktuellen politischen Einflüsse durchaus bewußt. Die Organisationen, die sich in Jaffa trafen, vertraten die Position, dass [Groß-] Syrien in der Lage ist, sich ohne eine Mandatsmacht selbst zu verwalten. Aber wenn man seitens der Friedenskonferenz auf einem Mandat bestehen sollte, bevorzugten sie die Vereinigten Staaten. […]

Die Christen waren im Allgemeinen stark für eine Mandatsmacht, die eine echte Kontrolle ausüben sollte.

Die Juden, die etwas mehr als zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen, waren alle für den Zionismus, unter britischem Mandat.

Die muslimische und christliche Bevölkerung war sich praktisch einig gegen den Zionismus und äußerte sich meist mit grossem Nachdruck. Diese Frage stand in engem Zusammenhang mit der Frage der Einheit ganz Syriens unter einer Regierung.

[Unterkapitel]

Zionismus – Die Juden Palästinas haben sich einstimmig für das zionistische Schema im Allgemeinen ausgesprochen, obwohl sie in Bezug auf die Details und den Prozess seiner Realisierung unterschiedliche Meinungen zeigten.

Die Haltungen können wie folgt zusammengefasst werden:

(a) Palästina, mit einer ziemlich großen Fläche, die sofort als „nationale Heimat“ für die Juden zur Verfügung gestellt werden soll.

(b) Früher oder später wird die politische Herrschaft des Landes als „Jüdisches Commonwealth“ organisiert.

(c) Zu Beginn wird die freie Einwanderung von Juden aus allen Teilen der Welt genehmigt; uneingeschränkter Erwerb von Land durch die Juden und Anerkennung des Hebräischen als Amtssprache.

(d) Großbritannien wird die Mandatsmacht für Palästina, die Juden schützt und die Umsetzung des zionistischen Plans fördert.

(e) Die Großmächte der Welt haben sich für diesen Plan ausgesprochen, der nur noch auf seine Ausführung wartet. Unterschiede bestehen [nach Auffassung der durch King/Crane befragten Juden] vor allem in zwei Richtungen:

Ob das jüdische Commonwealth bald oder nach einer längeren Zeitspanne eingerichtet werden soll.

Ob der Schwerpunkt des Zionismus auf der Wiederherstellung der alten Lebensweise liegen sollte, [also] Ritual, Abgeschlossenheit und Partikularismus der Juden, oder bei der wirtschaftlichen Entwicklung mit einer durchweg modernen Umgebung, mit Aufforstung, Elektrifizierung der Wasserkraft und allgemeiner Nutzung der weiteren Ressourcen. […]

[Hauptkapitel]

Zionismus

Die Kommissare begannen ihre Studie über den Zionismus mit einer für ihn günstig gestimmten Haltung. […]

Die Kommission wurde von der Zionistischen Kommission für Palästina reichlich mit Literatur über das zionistische Programm versorgt; sie hörte auf Konferenzen viel über die zionistischen Kolonien und ihre Forderungen; und sah persönlich einiges von dem, was erreicht worden war.

Sie fand viel Positives in den Bestrebungen und Plänen der Zionisten und hatten eine herzliche Wertschätzung für die Hingabe vieler der Kolonisten und für ihren Erfolg bei der Überwindung natürlicher Hindernisse mit modernen Methoden. […]

Aber die Fakten in Palästina, gepaart mit der Bedeutung der allgemeinen Prinzipien, die von den Alliierten verkündet […] wurden, haben sie zu der hier abgegebenen Empfehlung veranlasst. […]

Die Kommission erkannte auch an, dass die Zionisten von den Alliierten in der oft zitierten Erklärung von Herrn Balfour […] eindeutig ermutigt wurden.

Wenn jedoch die strengen Bedingungen der Balfour-Erklärung eingehalten werden – zugunsten „der Einrichtung einer nationalen Heimstätte des jüdischen Volkes in Palästina“ -, versteht es sich von selbst, dass nichts getan werden darf, was die bürgerlichen und religiösen Rechte der nicht-jüdischen Gemeinschaften in der Region beeinträchtigen könnte.

Es kann kaum bezweifelt werden, dass das extreme zionistische Programm stark verändert werden muss.

Denn eine nationale Heimstätte für das jüdische Volk ist nicht gleichbedeutend mit der Umwandlung Palästinas in einen jüdischen Staat;

noch kann die Errichtung eines solchen jüdischen Staates erreicht werden ohne die schwerste Übertretung der „zivilen und religiösen Rechte existierender nicht-jüdischer Gemeinschaften in Palästina.

Die Tatsache kam immer wieder zum Vorschein in den Treffen der Kommission mit jüdischen Vertretern, dass die Zionisten praktisch eine vollständige Enteignung der derzeitigen nichtjüdischen Bewohner Palästinas durch verschiedene Formen des Kaufs anstreben. […]

Angesichts all dieser Überlegungen und mit einem tiefen Gefühl des Mitgefühls für die jüdische Sache fühlen sich die Kommissare verpflichtet zu empfehlen, dass die [Pariser] Friedenskonferenz nur ein stark reduziertes zionistisches Programm anstrebt, und dass selbst das nur sehr langsam eingeleitet wird.

Das bedeutet, dass die jüdische Einwanderung definitiv begrenzt werden sollte und dass das Projekt, Palästina eindeutig zu einem jüdischen Commonwealth zu machen, aufgegeben werden sollte.

US Präsident Wilson war mit dem Bericht von Charles Crane und Henry King nicht einverstanden und legte ihn beiseite.

Der Bericht wurde erst 1922 publik. Die New York Times schrieb damals:

NYT über den Crane-King-Report

Die Realpolitik hatte die Oberhand behalten über die idealistischen Ideen Wilsons.

Wilson wollte zuerst den Interessen der englischen und französischen Verbündeten entgegenkommen. Danach sollten auch die Zionisten zufriedengestellt werden, obwohl das kein originäres Interesse war.

England wollte seine Balfour-Zusage am liebsten vergessen machen, während Amerika durch den Zionismua negative Rückwirkungen aus dem arabischen Raum fürchtete. Immerhin war Öl just in jenen Jahren zum strategischen Ziel ersten Grades geworden.

Im großen Spiel der Macht waren die Araber eindeutig die schwächste Partei.

So erhielt England das Mandat über Palästina (Konferenz von Remo, 1920).

Aber die Zionisten verfolgten ihre Ziele mit größerer Beharrlichkeit, als England sich vorstellte. Im Zweiten Weltkrieg gingen die Juden Palästinas noch ein Zweckbündnis mit England ein und stellten sogar eine jüdische Brigade.

Doch nach dem Ende des Kriegs setzte der militante jüdische Untergrund den Briten mit terroristischen Mitteln so stark zu, dass England aufgab.

London übertrug die Verantwortung des Mandats an die neu gegründeten Vereinten Nationen. Im November 1947 unterstützte die Mehrheit der Vollversammlung der Vereinten Nationen einen Vorschlag zur Teilung Palästinas in einen jüdischen und arabischen Staat. Israel wurde 1948 gegründet.

Frieden für Israelis gibt es seit damals nur zwischen Terror und Krieg.

Frieden für Palästinenser gibt es seit damals so gut wie gar nicht. Für sie gab es erst Krieg und Vertreibung (1948, 1967), und gibt es ein Leben unter militärischer Belagerung – Gaza – oder militärischer Besatzung und Schikane durch jüdischer Siedler (Westjordanland).

Ist das alles die Schuld der Zionisten?

Nein. Der Zionismus enstand aus der Notlage des europaweiten Antisemitismus und wurde zur blanken Überlebensfrage angesichts von NS-Terror und dem folgenden Völkermord.

Doch irgendwann, nachdem aus den Schwachen sehr Starke gworden sind, hat man vergessen, dass auf der anderen Seite auch Menschen sind.

Oder wie der große israelische Schriftsteller Amos Oz einmal sagte:

Der Ertrinkende, der sich auf hoher See an eine Planke klammert, auf der schon andere sitzen, darf sich nach allen Regeln der Gerechtigkeit auf der Planke Platz machen, auch wenn er dabei Gewalt anwenden muß.

Aber er hat kein Recht, die anderen auf dieser Planke in die See zu stürzen.

— Schlesinger

Beschreibung von Crane / King aus dem Bericht:

Dr. Henry Churchill King wurde 1858 in Hillsdale, Michigan geboren. Er ist Präsident des Oberlin College und einer der bekanntesten amerikanischen Pädagogen sowie Autor zahlreicher Bände über Theologie, Pädagogik und Philosophie. In den Jahren 1918-1919 war er Direktor der religiösen Arbeit für den CVJM in Frankreich. Im September 1919 wurde er zum Dienst in der amerikanischen Regierung berufen [Sektion Mandat in Palästina].

Charles R. Crane wurde 1858 in Chicago, Illinois, geboren. […] Er war Mitglied der diplomatischen Sonderkommission von Präsident Wilson für Russland im Jahr 1917; er wurde Mitglied der Amerikanischen Delegation der Friedenskonferenz [Kommission Mandat in Palästina].

* [Ergänzungen / Auslassungen in Klammern durch mich, ebenso Hervorhebungen im Text; geringfügige Umsortierung der Textblöcke im Abschnitt über Zionismus, um die Motivation von King / Crane an den Anfang zu stellen – keine inhaltliche Änderung]

Quelle Crane – King – Report: Archiv US Außenministerium

Übersetzung durch mich, mit Hilfe der sehr guten deutschen Übersetzungssoftware „Deepl“ (besser als Google Translator)

Photo Crane / King : Screenshot aus der Al Jazeera Dokumentation „Al-Nakba Episode 1“ (verfügbar auf der besseren Youtube-Alternative Dailymotion.com)

Photo Woodrow Wilson: wie zuvor

Photo NYT: screenshot eines Archiv-Beitrags (Ausschnitt)