Der Gestank von Pisse und Scheiße – Das Kriegstagebuch von Dov Yermiya

Kriegstagebuch Dov Yermiya
Kriegstagebuch Dov Yermiya

Dov Yermiya war ein israelischer Patriot.

Er kämpfte im israelischen Unabhängigkeitskrieg 1948.

Er kämpfte für sein Land in allen folgenden Kriegen.

Er wurde Oberstleutnant.

Dann kam der Libanonkrieg. 1982.

Vermutlich hat Dov Yermiya schon zuvor Dinge gesehen, die ihm nicht gefallen haben.

Aber der Libanonkrieg änderte alles.

Oberstleutnant Dov Yermiya sah, was seine Armee im Libanon anrichtete.

Wie seine Armee zum brutalen Unterdrücker wurde.

Wie armselige Hütten in Flüchtlingslagern mit wahnsinnigen Mengen an Bomben bombardiert wurden.

Wie unschuldige Zivilisten massenhaft interniert und misshandelt wurden.

Er wollte die Mißstände abstellen.

Verlangte Erklärungen.

Forderte ein Einlenken.

Es half nichts.

Er wurde zum Außenseiter, zum Kritiker, zum „Stänkerer“, schließlich zum „Verräter“.

Oberstleutnant Dov Yermiya wurde unehrenhaft aus der Armee entlassen.

Die israelische Armee braucht niemanden der sagt, was sie in Wirklichkeit tut.

Die israelische Armee, die wohl als einzige Armee in der Welt behauptet die moralischste Armee der Welt zu sein, hasst Leute die sagen was sie wirklich tut.

Kriegstagebuch

Dov Yermiya hat ein Kriegstagebuch über den Libanonkrieg geschrieben: „My war Diary“.

Daraus ein paar Auszüge.

9. Juni 1982. Drei Tage nach Kriegsbeginn.

Wir erreichen (die Küstenstadt) Sidon in den frühen Morgenstunden. […]
Es gibt keine einzige Straße in der Stadt die unbeschädigt ist. […]

Ein PLO-geführtes Krankenhaus hat einen direkten Treffer bekommen, und ein größerer Teil davon ist eingestürzt.
Teure und moderne Ausrüstung ist unter dem Trümmerhaufen begraben, und der krank machende Gestank verwender Leichen liegt in der Luft. […]

Alle [!] Männer der Stadt wurden zusammen getrieben, um die Terroristen ausfindig zu machen.

10. Juni

Uns wurde gesagt wir sollen uns auf einen massiven Luftangriff auf [das Flüchtlingslager] Ein El-Hilwe vorbereiten. […]

Mein Kommandeur befiehlt mir, die Wasserversorgung für 50.000 Leute vorzubereiten, die am Strand zusammen gefasst würden. […] Es hat sich herausgestellt, dass dafür gar nichts vorbereitet war.

Auf einen Einwand von Dov Yermiya antwortet ein höherer Offizier:

[Die Araber] haben genug Essen [und Trinken] in ihren Häusern. Wir müsssen uns darum keine Sorgen machen.

13. Juni

Tausende Männer sitzen auf dem Platz und leiden unter der Sonne. […]

500-600 Männer hocken in einem Innenhof in Linien und sind der Sonne ausgesetzt, ihre Hände sind hinter dem Rücken gefesselt.[…]

Manche der Gefangenen sind verwundet, und alle leiden unter Durst. […]

Ich sehe einen älteren Gefangenen, der an eine Säule des Gebäudes gelehnt wurde. Seine Augen sind verbunden und seine Hände hinter dem Rücken zusammen gebunden.

Ihm gegenüber steht ein Soldat mit dem Gewehr über dem Rücken, der ihm immer wieder ins Gesicht tritt.
Die Nase und das Gesicht [des Alten] sind mit Blut überströmt, während der Soldat nicht aufhört ihn zu treten.

Oberstleutnant Yermiya fragt den Soldaten , wer ihm den Befehl dazu gegeben habe. Der sagt, das käme vom Regiment: So würden die Gefangenen Disziplin lernen.

Ich gehe weiter und sehe zwei stämmige Soldaten durch die Reihen gehen. Sie tragen eineinhalb Meter lange zehn Zentimeter breite Holzlatten, mit denen sie links und rechts austeilen, und dabei auf Köpfe, Schultern, Rücken und Hände schlagen. […]

Die Gefangenen sind angewiesen mit den Rücken nach vorn gebeugt zu sitzen, und ihre Köpfe zwischen die Beine zu nehmen.

Die Gefangenen dürfen nicht austreten. Wer sich beklagt wird geschlagen.

Die Luft ist mit dem Gestank von Pisse und Scheiße gefüllt.[…]

Manche Gefangene weinen vor Schmerz oder Furcht.[…]

Manche betteln um etwas Wasser.

Die Verwundeten bitten um Versorgung.

Dann gibt es solche, die beten und um Gnade bitten.

… abends …

Ich kann nicht einschlafen […]

Den Massenmedien zufolge steht das ganze Land hinter seinen Führern [Premier Menachem Begin und Verteidigungsminister Scharon].

Das waren nur zwei Tage aus Yermiya’s Tagebuch. Viel mehr, und viel Schlimmeres folgt.

Im Alter von 95 Jahren schrieb Dov Yermiya eine Art politisches Testament:

Ich bin ein 95-jähriger in Israel geborener Jude,
der Israels Felder gepflügt und ihre Bäume gepflanzt hat,
der ein Haus gebaut,
und Söhne, Enkel und Urenkel gezeugt,
und sein Blut im Kampf um die Gründung des Staates Israel vergossen hat,

und ich erkläre hiermit, dass ich meinen Glauben an den gescheiterten Zionismus aufgegeben habe,
dass ich dem jüdischen faschistischen Staat und seinen kranken Visionen nicht mehr treu bin,
dass ich die Nationalhymne nicht mehr singen werde,
dass ich meinen Respekt nur denjenigen Trauertagen erweisen will, die der Gefallenen beider Seiten der Kriege gedenken,
und dass ich mit einem gebrochenen Herzen auf Israel schaue,
das Selbstmord begeht,
und auf die drei Generationen von Nachkommen,
die ich darin gezeugt und aufgezogen habe.

Dov Yermiya

Ich bin kein Jude, aber ich musste Tränen unterdrücken für diesen Dov Yermiya und seinesgleichen,
die gehofft und gekämpft haben für eine Heimat der Verfolgten,
aber sich wieder gefunden haben
in einer Heimat der Verfolger.

— Schlesinger