Die Illusion der jüdisch-christlichen Kultur – Teil 1

Groß-Inquisitor Torquemada
Groß-Inquisitor Torquemada

Die jüdisch-christliche Wertegemeinschaft, die jüdisch-christliche Kultur und nicht zu vergessen die jüdisch-christlichen Wurzeln: Das alles gehört offenbar zum Kanon des kulturellen und politischen Sprachgebrauchs unserer Tage.

Angela Merkels CDU formulierte in 2010:

Unsere kulturellen Werte, geprägt durch eine christlich-jüdische Tradition, der sich die CDU besonders verbunden fühlt, und historischen Erfahrungen sind die Grundlage für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und bilden unsere Leitkultur.

Andrea Nahles, die neue Vorsitzende der SPD, hält das zwar eher für eine „Kampfansage“ gegen den Islam, aber davon  lassen sich die Leitkultur-Fans hierzulande nicht beeindrucken.

Für Horst Seehofer von der CSU ist klar, dass Deutschland von der christlich-jüdischen Kultur geprägt ist.

Alexander Maut Dobrindt,  ebenfalls CSU, möchte außerdem die „christlich-jüdische Prägung unseres Landes auch in Zukunft erhalten“.

Diese Herren befinden sich in guter Gesellschaft, denn auch Frauke Petry, ehemals im AfD-Vorstand, meinte ein Teil des AfD Grundsatzprogramms baue auf dem „christlich-jüdischen Menschenbild“ auf.

Sie alle dürften sich gut verstehen mit Steve Bannon, dem ehemaligen  Chefberater von Präsident Trump, und Herausgeber des ultra-rechten Magazins Breitbart. Der sieht die jüdisch-christlichen Werte in Frontstellung gegen den Islam.

Was reden diese Leute?

Dieses christlich-jüdische Dings ist nichts weiter als ein Popanz, eine Schimäre, eine…. eine Illusion. Das trifft es am besten:

Illusion laut Duden:

beschönigende, dem Wunschdenken entsprechende Selbsttäuschung über einen in Wirklichkeit weniger positiven Sachverhalt

Wie es um das christlich-jüdische Verhältnis im Großen und Ganzen bestellt war, ist hinlänglich bekannt.

Nur zur Erinnerung ein paar lose Episoden:

Spanische Inquisition

Nachdem die Muslime Ende des 15. Jahrhunderts aus Spanien vertrieben wurden nahmen sich die dann wieder herrschenden katholischen Könige im Zusammenspiel mit Rom die Juden vor.

Im Edikt von Alhambra 1492 wurde bestimmt, dass die Juden entweder aus dem Land gehen oder Christen werden mussten. Um sicher zu gehen, ob die konvertierten Juden wirklich Christen geworden sind und nicht nur dem Schein nach, fühlte ihnen die päpstliche Inquisition auf den Nagel – im wahrsten Sinn des Wortes.

Kreuzzüge

Mit der Losung „Deus lo vult“ – Gott will es! – zogen die christlichen Kreuzritter ins Heilige Land, um Jerusalem von den Muslimen zu befreien.

Bevor sie sich nach Palästina aufmachten, erschlugen sie unter anderem in Speyer, Mainz und Worms Tausende Juden.

Nach der Eroberung Jerusalems richteten sie nicht nur ein Massaker an den Muslimen an, sondern töteten auch alle jüdischen Einwohner.

Luther und die Juden

Kürzlich hat Deutschland das 500jährige Jubiläum Luthers gefeiert, um dem großen Reformator zu gedenken.

Luther war aber nicht nur ein Widersacher des Papstes und Begründer der protestantischen Kirche, sondern auch ein ausgemachter Feind der Juden.

In seiner Streitschrift „Von den Juden und ihren Lügen“ zeigt sich Luther als wüster Antisemit, der die Juden mit allen denkbaren Schimpfwörtern belegt und dazu auffordert, ihre Synagogen nieder zu brennen, ihre Religion zu verbieten und sie zwangsarbeiten zu lassen.

Wer nach Wittenberg kommt, wo Luther angeblich seine Thesen angeschlagen haben soll, kann noch heute an dessen Kirche eine große „Judensau“ sehen, die dort wie auch an vielen anderen Orten Deutschlands zur Verunglimpfung der Juden angebracht wurde.

Cosima und Richard Wagner

Richard Wagner ist der musikalische Abgott der deutschen Elite, wie sich jedes Jahr an den Pilgerfahrten nach Bayreuth zeigt. Das war unter den Nationalsozialisten so – Hitler war ein großer Fan Wagners – und ist heute so.

Wagner war auch ein eingefleischter Antisemit, obwohl sich viele Leute große Mühe geben, das zu relativieren.

Die Verkörperung deutscher Kultur war Verfasser der Schrift „Das Judenthum in der Musik„, worin Wagner die Juden mindestens genauso widerlich beschimpfte wie der von ihm bewunderte Luther. Richard wurde in seinem Antisemitismus nur von einem Menschen seiner Umgebung übertroffen: von seiner Frau Cosima.

Theodor Herzl und Alfred Dreyfus

Derzeit feiert Israel sein 70jähriges Bestehen.

Theodor Herzl war der Mann, der aus der Jahrhunderte alten romantischen Idee einer jüdischen Rückkehr nach Palästina eine effiziente politische Ideologie machte: den Zionismus. Wie wurde dieser etablierter Wiener Journalist zum Schrittmacher des Zionismus und damit zum Gründer des Staates Israels? Antwort: Durch den Dreyfus-Prozess von 1894. In Frankreich war dem jüdisch-stämmigen Offizier Alfred Dreyfus wegen angeblichen Hochverrats der Prozess gemacht worden. Es war ein Scheinprozess, der ganz Frankreich erschütterte und zeigte, wie bedrohlich die Lage der Juden war. Wer sich für Dreyfus aussprach, geriet ebenfalls in Gefahr. Das bekam selbst der berühmte Dichter Emile Zola zu spüren, der nach Herausgabe seiner pro-Dreyfus-Streitschrift „Ich klage an!“ das Land verlassen musste.

Theodor Herzl zog aus der Dreyfus-Affäre den Schluß, dass keine Aufklärung, keine Modernisierung, kein Fortschritt den Antisemitismus beseitigen würde.

Wo genau in diesem historischen Boden hat die christlich-jüdische Wertegemeinschaft ihre Wurzeln ?

— Schlesinger

Bild: Torquemada, Wikimedia gemeinfrei