Deutsche Juden im Kaiserreich. Patriotismus, Antisemitismus, Kriegsanleihen

Israel und Palästina
Orangen-Plantagen vor Jaffa

Heute hat das Wort „Patriot“ etwas Anrüchiges. Zu Zeiten des Kaiserreichs galt Patriot als Auszeichnung.

Die deutschen Juden im Kaiserreich sahen sich in ihrer Mehrheit als Patrioten.

Obwohl oder gerade weil der Antisemitismus immer wieder auftrat,  zeigte man sich als überzeugter Deutscher und unterstützte auch die staatlichen Anleihen zur Finanzierung des Kriegs.

Deutsche Juden unterstützten Kriegsanleihen

Ein Beitrag im Magazin „Das Jüdische Echo, Bayerische Blätter für die jüdischen Angelegenheiten“ vom 29. September 1916, also zu Beginn des dritten Kriegsjahres, beschäftigte sich  mit dem Weltkrieg, Antisemitismus in Deutschland, Österreich, Polen und Rußland, der Erneuerung des Judentums und Zionismus, und einer neuen Kriegsanleihe.

Die Wortwahl kann uns heute befremdlich vorkommen, entspricht aber in ihren pathetischen, schwelgenden Tonfall einfach dem damals häufig anzutreffenden Stil.

Die Erneuerung des Geistes

Zum dritten Male feiern wir mitten im Tosen des Weltkrieges das Roschhaschanah-Fest.

Zum dritten Male werden die, welche draußen im Felde stehen, sich irgendwo in der Fremde zum Gottesdienst versammeln, werden die Daheimgebliebenen im Gebet voller Sehnsucht derer gedenken, die dem Feinde die Stirn bieten, und derer, die der Krieg bereits hinweggerafft hat.

Zum dritten Male blicken wir auf ein Kriegsjahr zurück und fragen uns, welchen Gewinn und welchen Verlust das verflossene Jahr dem jüdischen Volke gebracht hat.

Und wieder finden wir, wenn wir rückschauend der Ereignisse des letzten Jahres gedenken, die Juden verwirrt und verstrickt in die Geschicke der anderen, finden wiederum, daß Tausende von Juden das Opfer der Katastrophe geworden sind, an der das Judentum ganz unbeteiligt ist, von der es keinerlei direkten Einfluß auf seine Entwicklung zu erwarten hat.

Soweit es sich um das Erleben der Juden, nicht um das Leben des Judentums handelt, sehen wir bei einem Rückblick auf ihr Schicksal im vergangenen Jahre eine Kette von Not und Leiden.

Wieder fielen Tausende in der Schlacht, wieder wurden Tausende von Haus und Hof getrieben und dem Elend preisgegeben.

In Deutschland hat von Tag zu Tag der Antisemitismus kecker das Haupt erhoben; eitrig ist er am Werk, die ungeheuere Blutschuld an den Völkern der Welt auf die Juden abzuwälzen und sie mit seiner Rache zu bedrohen.

In Österreich sind die kaum verheilten Wunden, die der Krieg schlug, wieder aufgebrochen; Scharen jüdischer Flüchtlinge, verfolgt vom Haß der Feinde und vielfach auch der eigenen Staatsangehörigen, ergossen sich zum zweiten Male über geschütztere Teile des Reiches.

In England erlebten die, welche im Vertrauen auf den freiheitlichen Sinn, auf die Gastfreundschaft und Duldung der britischen Regierung aus den Ländern der Unterdrückung gekommen waren, eine tiefe Enttäuschung, indem man sie zwang, für die Sache ihrer bittersten Feinde zu kämpfen.

In Rußland schwand jegliche Hoffnung auf die Schaffung menschenwürdigerer Zustände, wuchs die Ahnung eines kommenden furchtbaren Unheils fast zur Gewißheit an.

In Rumänien waren nach der Kriegserklärung die Juden die Ersten, die der Erregung des aufgestachelten Volkes zum Opfer fielen.

Auch aus Frankreich, aus der Schweiz, aus Holland kommen Nachrichten von einem ständig wachsenden Antisemitismus.

In Palästina ist durch die Unterbindung des Verkehrs mit der Außenwelt, und durch die militärische Besetzung des Landes die Not zu einer bedrohlichen Höhe angewachsen; Hunger, Krankheit und Hoffnungslosigkeit haben manche vielversprechende Blüten im Keime erstickt.

Ein klein wenig freundlicher gestaltete sich das Schicksal der Juden in Polen und in Amerika. Noch liegt die Not wie ein bleiernes Gewicht auf der jüdischen Bevölkerung Polens, noch sind verletzte Lebensnerven ungeheilt, noch ist es nicht gelungen, alle zerrissenen Fäden des Gemeindelebens neu zu knüpfen. Aber langsam beginnt die Hoffnung sich zu regen, daß unter der neuen Herrschaft den Juden ihr Recht auf kulturelle Eigenart nicht länger verweigert werden soll.

In Amerika hat der Krieg im Leben der Juden Veränderungen hervorgebracht, die nicht nur ihr äußeres Schicksal beeinflussen, sondern auch für ihre innere Entwicklung von Bedeutung sein werden. Die amerikanischen Juden haben im Kriege tiefer als je zuvor das Erlebnis ihrer nationalen Zusammengehörigkeit gehabt, haben klarer als je zuvor erkannt, daß nur durch eine Zusammenfassung aller jüdischen Kräfte, durch ein gemeinsames Einstehen der gesamten amerikanischen Judenheit für die verfolgten und entrechteten Juden anderer Länder die Lage des jüdischen Volkes gebessert werden kann. Der Zusammenschluß der amerikanischen Juden zu einem amerikanisch-jüdischen Volksparlament ist während des letzten Jahres vielleicht das einzige Erlebnis innerhalb der Judenheit gewesen, bei dem nicht so sehr die Verknüpfung der Juden mit den
anderen Völkern, als vielmehr ihr eigener freier Wille entscheidend war.

Von allen diesen Erlebnissen der Juden ist das Schicksal des J u d e n t u m s unbeeinflußt geblieben. Die Spuren einer Fortentwicklung, die an ihm sich zeigen, sind unabhängig vom Krieg und der Umwälzung aller politischen und sozialen Verhältnisse, deuten auf innere Geschehnisse hin, die sich lange vor dem Kriege vollzogen haben und erst jetzt allmählich in die Erscheinung treten.

Lange vor dem Kriege, zu einer Zeit, da man erkannt hatte, daß die Befolgung alter strenger Traditionen keineswegs das Enscheidendc ist, daß sie nur eine Umzäunung und Schutzhülle des jüdischen Gedankens sind, da man erkannt hatte, daß der Kern der jüdischen Lehre unter diesem Mantel erstickender Traditionen in Gefahr geraten war, langsam zu erstarren, da man von Ahnung erfüllt wurde, daß dieser Kern ein Schatz von ungeahnter Köstlichkeit sein müsse, damals schon gerieten die Gemüter in jene Bewegung, die erst heute deutlich an die Oberfläche des jüdischen Geistesleben tritt. Ganz unabhängig von den Vorgängen im Leben der anderen Völker ist im jüdischen Volke die Sehnsucht nach einer Wiedergeburt des Judentums, nach einer Erstarkung seines tiefsten religiösen Kerns erwacht.

Daß diese Sehnsucht nach einer Renaissance des jüdischen Geistes, nach neueren höheren Lebensformen, nach der Verkündung eines neuen Judentums im vergangenen Jahre immer weitere Kreise erfaßt hat, immer inbrünstiger geworden ist, das ist das gewaltigste Ereignis, das sich im Judentum vollzogen hat.

Noch hat die Sehnsucht ihr Ziel nicht erreicht, noch läßt sich neben dem Willen zur Schaffung einer neuen Religion kein Können feststellen.

Noch bleibt die Frage offen, ob das Judentum in der Diaspora imstande ist, eine Wiedergeburt seiner nationalen Religion zu erleben, oder ob der neue Geist, die neue Harmonie, in der die Kräfte unseres jüdischen Geistes und Gemütes zusammenklingen sollen, vom eigenen Lande aus ertönen muß.(1)

Daß aber die Sehnsucht nach dieser neuen Harmonie wuchs und Hunderte ergriff, das allein schon deutet eine innere Entwicklung des Judentums an.

Noch ahnen wir nicht, in welcher Weise das neue Erlebnis des Göttlichen, nach dem wir in unserer Gesamtheit als jüdisches Volk streben, uns beschieden sein wird, ahnen noch nicht, wie der neue jüdische Mensch aussehen wird, zu dem wir uns hinaufpflanzen wollen.

Aber wir finden, daß Hunderte, die im Felde stehen, Hunderte, zu denen das Echo des Krieges dringt, sich über die bedrückende Not der Zeit erheben, weil sie von einer heiligen Sehnsucht nach Erneuerung und Veredlung des jüdischen Geistes, von der ernsten Pflicht, vor allem sich selbst zu erneuern und zu veredeln, durchglüht sind.

Die Ausbreitung des Gedankens von der Wiedergeburt der jüdischen Religion — das ist im verflossenen Jahr das eigentliche Ereignis im Judentum gewesen. Und das bedeutet einen verheißungsvollen Schritt zu seiner Fortentwicklung.

Die Vorstellung eines neuen jüdischen Menschen ist noch schattenhaft, aber der Wille zu ihm lebt und veredelt uns.

Zeichnet die Fünfte Kriegsanleihe!

Der Krieg ist in ein entscheidendes Stadium getreten. Die Anstrengungen der Feinde haben ihr Höchstmaß erreicht. Ihre Zahl ist noch größer geworden. Weniger als je dürfen Deutschlands Kämpfer, draußen wie drinnen, jetzt nachlassen.

Noch müssen alle Kräfte, angespannt bis aufs Äußerste eingesetzt werden, um unerschüttert festzustehen, wie bisher, so auch im Toben des nahenden Endkampfes. Ungeheuer sind die Ansprüche, die an Deutschland gestellt werden. Wir müssen Sieger bleiben, schlechthin, auf jedem Gebiet, mit den Waffen, mit der Technik, mit der Organisation, nicht zuletzt auch mit dem Gelde!

Darum darf hinter dem gewaltigen Erfolg der früheren Kriegsanleihen das der fünften nicht zurückbleiben. Mehr als die bisherigen wird sie maßgebend werden für die fernere Dauer des Krieges; auf ein finanzielles Erschlaffen Deutschlands setzt der Feind große Erwartungen. Jedes Zeichen der Erschöpfung bei uns würde seinen Mut beleben, den Krieg verlängern. Zeigen wir ihm unsere unverminderte Stärke und Entschlossenheit, an ihr müssen seine Hoffnungen zuschanden werden.

Mit Ränken und Kniffen, mit Rechtsbrüchen und Plackereien führt der Feind den Krieg, Heuchelei und Lüge sind seine Waffen. Mit harten Schlägen antwortet der Deutsche. Die Zeit ist wieder da zu neuer Tat, zu neuem Schlag. Wieder wird ganz Deutschlands Kraft und Wille aufgeboten. Keiner darf fehlen, jeder muß beitragen mit allem,
was er hat und geben kann, daß die neue Kriegsanleihe werde, was sie unbedingt werden muß:

Für uns ein glorreicher Sieg, für den Feind ein vernichtender Schlag!

(1) Im Judentum gab es damals verschiedene Ansichten, auf welchem Weg die gewünschte jüdische Renaissance zu erreichen sei. Der Begründer des  politischen Zionismus, Theodor Herzl, trat für eine politisch-nationale Lösung ein. Darin würde und könne eine Erneuerung nur im eigenen, neuen Land erfolgen. Dabei dachte man vor allem an Palästina; auch andere Regionen wie der Sinai oder Uganda standen zur Debatte. Der prominenteste Vertreter des sogenannten Kultur-Zionismus, Ahad Haam, warb dagegen für eine apolitische, nicht-nationalistische Erneuerung des jüdischen Geistes. Haam wollte Palästina als neues jüdisches Zentrum sehen, aber ohne Nationalismus.
Wie im obigen Text gut nachvollzogen werden kann, hatte diese Diskussion eine enorme Erwartungshaltung geweckt.

— Schlesinger

Hervorhebungen nicht im Original

Quelle: Archiv