Tagebuch Theodor Herzl – 24.03.1897

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die nächste Folge des Antisemitismus, noch vor den gesetzlichen und administrativen Chicanen, wird ein Krieg der Juden gegen die Juden sein. Die schon jetzt gedrückten u. bedrohten Schichten der Juden werden sich gegen die Grossjuden wenden, welche sich von Regierung u. Hetzern mit Geld u. Diensten freikaufen.

[…]

nach der Wahl in der [Wiener] Leopoldstadt, als der Antisemit gegen den „Liberalen“ unterlag, gab es einigen Rummel in diesem Judenviertel.

Einige Pöbelbanden zogen umher, schlugen Fensterscheiben von Kaffeehäusern ein, plünderten etliche kleine Läden.

Auch wurden Juden auf der Gasse beschimpft u. geprügelt. Als man das in den Morgenblättern las, gab es, glaube ich, der Judenschaft einen Choc – der aber schnell verwunden war.

Es muss ärger kommen, es wird ärger kommen.

Freilich, die Millionäre werden sich dem Übel leicht entziehen, und die Wiener Juden sind wie die Meisten unseres Volkes Ghetto-Naturen, die froh sind, wenn sie nur mit einem blauen Auge davon kommen.

Wenig später, am 16. April 1897, wurde der vormalige Stadtrat, Zweite Bürgermeister und Antisemit Karl Lueger zum Ersten Bürgermeister Wiens gewählt.

Kaiser Franz-Joseph I. weigerte sich zunächst, Lueger im Amt zu bestätigen. Es gab mehrere Nachwahlen, die zuletzt ausarteten: Im November 1897 gab es Tumulte vor dem Kaiserpalais; Franz Joseph wurde als „Judenkaiser“ beschimpft, weil er sich gegen den Volkstribun Lueger stellte, dessen Anhänger sich „Vereinte Antisemiten“ nannten. Schließlich musste der Kaiser nachgeben.

Lueger hatte das Amt bis zu seinem Tod im Jahr 1910 inne.

Adolf Hitler, der von 1907-13 in Wien wohnte, wurde von den antisemitischen Parolen Luegers stark beinflusst (»Auch ich befand mich unter den vielen Hunderttausenden, die dem Trauerzug zusahen«, erzählte Hitler in Mein Kampf, wo er in seitenlangen Elogen dem »wahrhaft genialen Bürgermeister«, dem Idol seiner Wiener »Lehr- und Leidensjahre« huldigte, und ihn als den „gewaltigsten deutschen Bürgermeister“ titulierte.).

Wie sehr Recht Herzl hatte mit seinem düsteren „es wird ärger kommen“ konnte er freilich nicht wissen.

Photo: Theodor Herzl (Wikipedia, gemeinfrei)