Lage in Jerusalem wie 1948

Kein Tag ohne Gewalt

In Jerusalem ist ein Tag ohne eine Schießerei oder ein bis zwei Vorfälle inzwischen unbekannt. […]

Und trotzdem: Weder Juden noch Araber zeigen Kompomißbereitschaft.

Robert Macattee hat das am 9. Februar 1948 aus Jerusalem berichtet.* Der Empfänger der Nachricht war US Außenminister George Marshall.

Im Jahr zuvor, im November 1947, hatte die Vollversammlung der Vereinten Nationen die Empfehlung für eine Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat ausgeprochen. Amerika war zunächst für den Teilungsplan.

Doch seit jenem November ist Palästina nicht mehr zur Ruhe gekommen. Kämpfe zwischen Juden und Arabern standen auf der Tagesordnung. In Washington began man zu zweifeln, ob die Teilung des Landes eine gute Idee war.

Unter den Zionisten gab es keine Zweifel: Die Teilung wurde als erster Schritt in die richtige Richtung gesehen. Zuerst würde man einen relativ kleinen Teil des Landes bekommen. Den Rest würde man sich später holen.

Die wüsten Kriegsdrohungen der benachbarten Araber machten wenig Eindruck; die jüdischen Führer um David Ben-Gurion wußten, dass sie den arabischen Streitkräften überlegen waren.

Dr. Abba Hillel Silver, der damalige Führer der amerikanischen Zionisten, erklärte im Oktober 1947 vor dem UN AdHoc-Ausschuss für Palästina, also einen Monat vor dem Teilungsbeschluss und sieben Monate vor dem Angriff der Araber:**

Das jüdische Volk in Palästina, ich wiederhole das, wird darauf vorbereitet sein sich selbst zu verteidigen

Die von den Arabern angekündigte Gewalt und der dann tatsächlich erfolgte Angriff passte ins strategische Konzept Ben-Gurions: Der Krieg würde einen geeigneten Rahmen bilden, um sich mehr Land anzueignen, als es der Teilungsbeschluss vorgesehen hat. So kam es auch.

Und heute, nach fast einem halben Jahrhundert israelischer Besetzung des restlichen arabischen Teil Palästinas, gilt im Grunde dasselbe. Die Palästinenser geben sich nicht damit zufrieden, unterjocht und als Bürger dritter Klasse leben zu müssen, und greifen in ihrer elenden Lage auch zur Gewalt.

Das kommt dem heutigen Premierminister Benjamin Netanjahu genauso gelegen, wie der Krieg damals Ben Gurion gelegen kam. Wie könnte man der Welt besser verkaufen, dass man die Palästinenser zurecht unter dem Stiefel des Militärs hält, als durch diese Ausbrüche von Gewalt?

Weniger Menschen denn je sind heute bereit, diese Darstellung zu akzeptieren. Immerhin: In Israel und Amerika ist das noch die Mehrheit. Solange das so bleibt, ändert sich an der alten Strategie Israels nichts.

Israels Unterdrückung der Palästinenser heißt „Widerstand“

Israels Rechte, längst die Mehrheit im Land, sieht die Besatzung und das stets unverhältnismäßige  Vorgehen gegen arabische Gewalttäter (Tötung, Sippenhaft, Hauszerstörung: alles rechtwidrig) freilich nicht als Aggression, sondern als „Widerstand„. Mehr noch: Die jüdischen Siedlungen im arabischen Ostjerusalem und der arabischen Westbank seien ein Bollwerk der Verteidigung gegen die drohende „Arabisierung“ der Region. So Ari Soffer, der Chefredakteur des konservativen Senders Arutz Sheva, der kalt ignoriert, dass sein Land die Araber Palästinas erst 1948, dann 1967 vertrieben hat, und bis zum heutigen Tag weiter vertreibt.

Bollwerk der Verteidigung gegen die drohende „Arabisierung“ der Region: Auf diesen Dreh kam nicht einmal Ben Gurion. Aber auch das ist fraglich. Denn schon Theodor Herzl, der Begründer des modernen Zionismus, wollte den geplanten jüdischen Staat den europäischen Großmächten dadurch schmackhaft machen, dass er ihn als „Vorhut der Zivilisation gegen die Barbaren Asiens“ darstellte. Also auch hier nur schaurige Kontinuität.

* Quelle: FRUS 1948, Vol. V, S. 606, Macatte an Marshall (Übers. Schlesinger)

** Quelle: ebd., S. 620, Memorandum des Politischen Planungsstabes v. 11. Februar 1948