Israel oder die Last der Geschichte

Israel möchte sich dem Thema „Vertreibung der Palästinenser“ auch nach mehr als 65 Jahren  nicht stellen.

Aus Sicht des offiziellen Israel hat man schon viel zuviel zugelassen, hat schon zu viele Historiker wie Benny Morris, Avi Shlaim, Idith Zertal oder Ilan Pappe ertragen müssen.

Als diese sogenannten „Neuen Historiker“ Mitte der 80er Jahre begannen, den Unabhängigkeitskrieg Israels (1947/48) anhand neuer israelischer Archiv-Funde auch aus Sicht der Araber zu beschreiben, riefen sie beim interessierten Fachpublikum nicht wenig Verwirrung hervor: Unbestreitbar hatte Israel einen erheblichen, aktiven Anteil an der Vertreibung der Palästinenser (arabisch: Nakba, die Katastrophe).

Diese Erkenntnis, die für das Selbstbild Israels wenig Erfreuliches zu bieten hatte,  kam beim breiten Publikum nie an. Allenfalls hat man angenommen, dass diese Geschichtsschreiber Nestbeschmutzer sein müssen.

Längst hat sich die Tonlage verschärft. Das israelische „Nakba-Gesetz“ verbietet allen Einrichtungen in Israel, die öffentliche Gelder erhalten, an die Nakba zu erinnern.

Dokumente über die Vertreibung sind TOP SECRET

Klammheimlich schliessen sich auch die Archive.

Zum einen werden Dokumente, die früher öffentlich zugänglich waren, erneut unter Verschluss genommen. Forscher oder Journalisten, die Dokumente einsehen wollten, die als Quellen in den Büchern von Morris & Co. angegeben worden waren und die Gefangenen-Erschießungen, Mord, Terror, Mißhandlungen oder Vergewaltigungen durch jüdische beziehungsweise israelische Truppen belegen, tragen plötzlich den Sperrvermerk „top secret“.

Zum anderen werden Dokumente weiter unter Verschluss gehalten, deren Zeitpunkt für die Offenlegung längst erreicht ist.

Doch auch den vorsichtigsten, staatstreuen Archivaren unterlaufen Fehler.

GL-18/17028 : Die Flucht von 1948

Dieses immer noch verfügbare Sammeldokument enthält Unterlagen aus den Jahren 1960 bis 1964, aus denen ersichtlich wird, wie Israel im Lauf der Jahre seine offizielle Haltung zur Vertreibung fabriziert hat. Daraus ergibt sich folgendes Bild:

Staatsgründer und Ministerpräsident David Ben-Gurion war sich der Brisanz der Thematik bewußt und fürchtete vor allem gegenüber dem neuen US Präsidenten John F. Kennedy, Israel würde in einem schlechten Licht erscheinen.

In einer Besprechung auf höchster Ebene mit Golda Meir, Moshe Sharett und Moshe Dayan gab sich Ben-Gurion unwissend:

So weit ich weiß sind die meisten Araber aus freien Stücken schon vor der Staatsgründung geflüchtet,  und entgegen dem, was ihnen die Armee sagte: […]  sie dürfen bleiben.

Selbstverständlich wußte Ben-Gurion als der zivile Oberbefehlshaber während der Kriegs 47/48 genau, wann und wo Araber verjagt wurden. Schließlich hatte er selbst den zugrunde liegenden „Plan Dalet“ genehmigt.*

Ben-Gurion gab mehrfach Berichte an Institute in Auftrag, um eine für die Staatsräson akzeptable Version der Geschichte von 1947/49 zu bekommen. Den beauftragten „Wissenschaftlern“ mußte man nicht explizit sagen, dass eine Fälschung erwartet wurde. Man verstand sich auch so.

Man bekam, was man erwartete. Den Rest erledigte die national eingestellte Presse, das diplomatische Korps und Erfolgsbücher und Filme wie Leon Uris „Exodus„.

Ronny Gabay, einer der damals beauftragten Historiker, erinnert sich nur ungern an seine damalige Arbeit. Vieles sieht er heute anders:

[In den von mir untersuchten Dokumenten gab es] keine Erwähnung, dass die lokalen arabischen Führer ihre Landsleute aufgefordert haben zu fliehen, dass sie ihre Leute „gedrängt“ haben, wie wir das in unserer hasbara [Propaganda] behauptet haben. Ich habe nichts dergleichen gesehen.

Der Druck zur Konformität bei diesem Thema ist in Israel beachtlich und hat bei dem nicht mehr ganz so „jungen Historiker“ Benny Morris eine Wandlung zum reaktionären Nationalisten bewirkt: Morris sieht die Araber als „Tiere“ und „Barbaren“. Morris ist jetzt kein Nestbeschmutzer mehr.

*Auszug Plan D / Dalet:

Zerstörung von Dörfern (in Brand setzen, Häuser sprengen, Minen in die Trümmer legen), insbesondere in  jenen Bevölkerungszentren, deren kontinuierliche Kontrolle schwierig ist.

Such- und Überwachungsoperationen nach folgenden Richtlinien: Einkreisung des Dorfes und Durchsuchung.

Im Falle von Widerstand müssen die militärischen Kräfte zerstört werden und die Bevölkerung muss außerhalb der Grenzen des Staates ausgewiesen werden.