Ultra-Orthodoxe zur Armee

Schon kurz nach der Staatsgründung Israels im Jahr 1948 waren die Ultra-Orthodoxen („Haredim“) vom Wehrdienst ausgenommen. Und das in einem Staat, in dem Männer und Frauen gleichermaßen ihren Dienst an der Waffe abzuleisten haben.

Ben-Gurion und die Haredim

Ministerpräsident David Ben-Gurion kamen bald Zweifel an seiner ursprünglichen Entscheidung.

1956 fand er unmoralisch, dass der eine bei der Verteidigung des Landes falle, während der andere wohlbehütet die Bibel studieren dürfe. Ben-Gurion schrieb an den Oberrabbiner der Armee:

This is, first and foremost, a great moral issue: whether it is fitting that the son of one mother is killed in defence of the homeland, and another mother’s son sits in his room and studies in safety, while most of the young people of Israel are risking their lives

Trotzdem wurde an der Befreiung vom Wehrdienst nichts geändert.

Das Thema schwelt seither. Die Ultra-Orthodoxen sind die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe Israels und stellen inzwischen rund 10%.

Im Februar 2012 hat der israelische Oberste Gerichtshof das „Tal-Gesetz“, in dem die Befreiung seit 2002 neu geregelt war, für verfassungswidrig erklärt. Das Gesetz hatte an der Ausnahmeregelung festgehalten, wollte aber gleichzeitig die Zahl der zum Wehrdienst eingezogenen Orthodoxen erhöhen. Das war nicht gelungen.

Tzipi Livni, in 2002 Oppositionsführerin und Vorsitzende von Scharons Kadima-Partei, erklärte dazu, man werde nicht zulassen, dass der weltliche Anteil der Gesellschaft zur Minderheit würde und alle übrigen – gemeint waren die Orthodoxen – auf ihrem Rücken mitschleppen würden:

Justice has been done. Social justice comes from equal sharing of the burden. […]

We will not permit the Zionist majority to become a minority that carries everyone else on its back.

Nun, im März 2014, hat die Knesset per Gesetz die Wehrpflicht von Orthodoxen beschlossen.

Gesellschaftliche Revolution in Israel

Das bedeutet nicht anderes als eine gesellschaftliche Revolution. Dabei sind die Folgen kaum absehbar.

Die Armee ist nur bedingt auf die Lebensweise von Orthodoxen mit ihren besonderen Ansprüchen an die Einhaltung religiöses Vorschriften eingestellt. Wer wird wen stärker beeinflussen? Die Haredim die bisher stark säkular ausgerichtete Armee oder umgekehrt?

Wie wird sich ein höherer Anteil an religiös-konservativen in den Besatzungs-Einheiten der arabischen Westbank auswirken? Werden sie die jüdischen Siedler, unter denen ebenfalls viele Orthodoxe sind, noch stärker gegenüber den Palästinensern in Schutz nehmen, sie noch unangreifbarer machen, wenn sie immer häufiger Olivenbäume von Arabern abholzen oder deren Weizen niederbrennen?

Wird es zu einer vermehrten Auswanderung von Orthodoxen kommen, um dem Wehrdienst zu entgehen?

Und akut: Wird es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Haredim und Säkularen kommen? Viele Zehntausend streng Gläubige haben bereits demonstriert, man spricht in diesen Kreisen schon von einem Religionskrieg und einer gotteslästerlichen Erhebung der Säkularen gegenüber dem Himmelreich Gottes:

We see in this matter a declaration of rebellion against the Heavenly Kingdom and a religious war, especially in light of the intention to throw Torah students into prison as did dark regimes throughout history

„Israel keine Demokratie“

Der Ultra-Orthodoxe Knesset-Abgeordnete Moshe Gafni hat harsche Worte für die neue Lage gefunden:

The state of Israel has lost the right to call itself a Jewish and democratic state.

Auf der Straße riefen Demonstranten „Netanyahu ist ein Nazi!„.

Der Wind wird rauher.

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