Unterwanderung der palästinensischen Gesellschaft

English: The postage stamp of United Nations, ...
The postage stamp of United Nations, Inalienable Rights of the Palestinian People (1981)

Mit dem „Plan Dalet“ (Plan D) bereitete sich das noch nicht ins Leben gerufene Israel im März 1948 vor, im Zuge des sich abzeichnenden Krieges möglichst grosse Teile Palästinas zu übernehmen – entgegen dem UN-Teilungsplan von 1947.

Während Plan D stärker aufs Militärische ausgerichtet war, hatte der Vorgängerplan „C“ offenbar auch die Absicht, die palästinensische Gesellschaft zu untergraben.

Als für Ben-Gurion Ende 1946 klar wurde, dass die Briten abziehen, gab er die Ausarbeitung einer Strategie in Auftrag, wie am effektivsten gegen die Araber vorgegangen werden könne – militärisch wie zivil. Daraus wurde der sog. Plan Gimel.

Dieser Plan „C“ wiederum war eine Weiterentwicklung der Vorgänger Elimelech und „B“, die ins Jahr 1937 (!) zurück reichen.

„C“ also besagte schließlich (Auszug):*

Killing the Palestinian Political Leadership

Killing Palestinians officers and officials

Damaging Palestinian transportation

Damaging the sources of Palestinian livelihoods: water wells, mills, etc.

Attacking Palestinian clubs, coffee houses, meeting places, etc.

Was sich zunächst anhören mag wie großspurig formulierte Absichten, wird konkreter und brisanter angesichts des Archivs, das man über zehn Jahre angelegt hatte, und in dem so viel Informationen wie möglich angelegt war über die arabische Seite: Lage der Dörfer und Städte, Zugangsstrassen, Qualität des Bodens, Wasserquellen, soziale Zusammensetzung, religiöse Zugehörigkeit, Name der Ortsvorsteher (Mukhtar), Grad der Feindseligkeit gegenüber dem Zionismus (u.a.m.)**

Die beinhalteten nicht-militärischen Aspekte: Wasserquellen, Bodenqualität, soziale Struktur etc.pp. sind keine Sachverhalte, die einem für die Niederschlagung eines Aufstandes bzw. Angriffs unmittelbar nützlich sein könnten. Im Kontext von Landübernahme, Destabilisierung o.ä. werden diese Dinge aber durchaus relevant, zumal im Zusammenhang mit dem Nutzen des genannten „Archivs“.

Sodann darf man annehmen, dass man sich bei derart heiklen Dingen nicht allzu offen äußern wollte.

Sinngemäß dürfte gelten, was Benny Morris an anderer Stelle über Ben-Gurion zum Thema Vertreibung zusammengefasst hat:***

Ben Gurion always refrained from issuing clear or written expulsion orders;

he preferred that his generals ’understand’ what he wanted done.

He wished to avoid going down in history as the ’great expeller’

Hinzu kommen Phänomene wie „jewish labor“ oder die Vorgaben des Jewish National Fund, dass ein einmal erworbenes Stück Land nie wieder in arabische Hände gelangen darf (brisant  in Verbindung mit den früh einsetzenden und bis heute fortschreitenden Landenteignungen aus zahlreichen Gründen). Beides nicht intentional auf die Zerstörung einer pal. Gesellschaft gerichtet, aber funktional sehr wohl dazu beitragend.

Man kann sich der Frage, ob der Yishuv bzw. Israel die pal. Gesellschaft destabilisieren wollte / will, vor dem Hintergrund der vielfach geäußerten übergeordneten Strategie stellen.

Ben Gurion sagte schon 1937 vor dem Zionistischen Kongress:

In many parts of the country new Jewish settlements will not be possible unless there is a transfer of the Arab peasantry.

Der einflußreiche Yosef Weitz, später Chef des Jewish National Fund, stellte 3 Jahre später klar:****

It should be clear to us that there is no room in Palestine for these two peoples

In der Zusammenschau ergibt sich m.E. ein stimmiges Bild:

Man spielte und spielt die gesamte Klaviatur militärischer, diplomatischer, ökonomischer und gesellschaftspolitischer Noten, um zu seinem Ziel zu kommen.

Man könnte auch umformulieren: Destabilisierung ist die „kleine Form“ von Verdrängung und Vertreibung.

Mögliche Schlussfolgerung: Man hatte eine klare politische Absicht, und man hatte die nötigen Informationen, um sie möglichst effizient umsetzen zu können.

War man zu schwach dafür? Nein. Natürlich: öffentlich malte man den Teufel an die Wand. Aber intern strotzte man vor Zuversicht.

Ben-Gurion im Februar 1948 – also vor der Staatsgründung – an seinen künftigen Außenminister Moshe Sharett:*****

If we will receive in time the arms we have already purchased …
we will be able to … take over Palestine as a whole.
I am in no doubt of this.
We can face all of the arab forces.
This is not a mystical belief but a cold and rational calculation based on practical examination

Ist das alles sehr weit entfernt von dem, was sich tagein, tagaus in Palästina abspielt?

— Schlesinger

* Quelle: Ilan Pappe, Ethnical cleansing, Oneworld, S. 28

** Morris, Birth of the palestinian refugee problem, S. 292f.

*** dto., S. 19

**** beide Zit. aus Jonathan Cook, Disappearing Palestine, S. 25

***** Pappe, S. 46

Bild: UN (Wikimedia PD)

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