Ariel Scharon ( † 11.01.2014)

Ariel Scharon

Nachruf auf Ariel Scharon, den „Bulldozer“

Die Nachrufe auf den Bulldozer sind von der Stange. Warum? Alle wollen „ausgewogen“ schreiben.

„Ausgewogen“ heißt: Man darf Kritik üben, aber sollte gut aufpassen sie an Israelis und Palästinenser gleich zu verteilen.

Daher lassen sich die meisten Nachrufe auf Scharon kurz zusammenfassen mit der Formulierung:

Er hat polarisiert.

Ja, er hat dieses getan, ja, er hat aber auch jenes getan. Im übrigen war er bei einigen im Lande verhasst und von anderen verehrt.

Die Geschichte(n) des Herrn Wolffsohn

Nur Professor (em.) Dr. Michael Wolffsohn traut sich was. Zur Erinnerung: Herr Wolfssohn ist ehemaliger Dozent der Universität der Bundeswehr, der sich gedanklich schon mal für Folter erwärmen konnte.*

Wolfssohn lobt Ariel Scharon in den höchsten militärhistorischen Himmel. Er stellt ihn neben so illustre Größen wie Cäsar, Mao oder dem legendären vietnamesischen Guerilla-General Giap, der Franzosen und Amerikaner das Fürchten lehrte.

Wolfssohn schreibt:

Israels Ex-Premier wird für seine Weiterentwicklung des Anti-Guerilla-Krieges in die Militärgeschichte eingehen.

Und als jemand, der einen eigenwilligen und zuweilen brutalen Weg zum Frieden einschlug.

Man muss den Wolffsohn-Artikel nicht lesen, um anhand dieser zwei Aussagen zu sehen, wie militaristisch-heroisierend die Biografie Scharons verharmlost wird.

Zunächst sollte man sich klarmachen, in welchem militär-politischen Umfeld sich Scharon bewegt hat, als er im jungen Staat Israel seine Karriere als Soldat begang.

Töte zuerst

Haben Sie die unerwartet offene israelische Dokumentation „Töte zuerst“ gesehen?

Darin haben alle noch lebenden Chefs des israelischen Inlandsgeheimdienstes Shin Bet den Anti-Guerilla-Krieg gegen die Palästinenser beschrieben. Die Geheimdienst-Chefs haben zu Protokoll gegeben, wie Israel seit dem Sechstagekrieg von 1967 eine massive Infiltrierung der palästinensischen Bevölkerung betrieben hat (und noch betreibt). Durch Spitzelei, Bestechung, rohe Drohung bis hin zu massenhaften Inhaftierungen und Folter wollte und will man an an so viel Information wie möglich gelangen.

Ariel Scharon hat nicht „weiter entwickelt“, wie Wolfssohn es beschreibt, sondern immer nur in möglichst brutaler Art umgesetzt.

Begonnen hat die Methode der Infiltration schon ganz früh. Letztlich vor der Staatsgründung 1948.

Der Geheimdienst des jüdischen Untergrunds begann schon während der britischen Mandatszeit mit der detaillierten Erfassung des arabischen Palästinas in geologischer, ökonomischer, sozialer und vor allem gesellschaftspolitischer Hinsicht. Man wollte genau wissen welches Dorf welche Führer hat, welche Organisationen, welche Waffen, welche Ressourcen etc.pp. Das sollte im Falle eines Krieges die Grundlage da sein, um so früh wie möglich die Führungsstruktur der palästinensischen Araber zu zerstören. Genau das hat man in den Kriegen 1948 und später verwendet. Das klingt zunächst normal und könnte sogar als gute Strategie verstanden werden. Aber es ging und geht gerade nicht nur um einen militärischen Vorteil durch einen Wissensvorsprung.  Letztlich sollte damals und soll heute die palästinensische Gesellschaft an sich zerrüttet werden.

Ariel Scharon hat sich innerhalb dieses Systems der systematischen Zerstörung der Palästinenser wohlgefühlt wie der Fisch im Wasser.

In den Nuller-Jahren, in denen Scharon Ministerpräsident war, fand das seinen Höhepunkt in den massenhaften Inhaftierungen und den „gezielten Tötungen“ von Palästinensern.

Der israelische Politologe Baruch Kimmerling hat mit Blick auf Scharon dafür den Begriff „Politizid“ gefunden.

Lieber Täter als Schreibtisch-Täter

Wolffsohns Behauptung „Anfang der 1950er Jahre [setzte] die Anti-Guerilla- und Anti-Terrorstrategie Scharons an“ ein, darf als plumper Versuch gewertet werden, die damaligen Aktivitäten des Verstorbenen nachträglich mit dem Lorbeerkranz des intellektuellen, da strategisch planenden Soldaten zu bekränzen.

Das ist Unfug. Denn 1950 war Scharon gerade zum Major befördert worden. Das ist kein Rang der ihm stragegischen Einfluß geben konnte.

Rang und Einfluss hatten allerdings seine schon damals namhaften Vorgesetzten. Das war zuerst Yitzhak Rabin, später Moshe Dayan. Die strategischen und auch taktischen Vorgaben kamen von ihnen. Scharon diente rund zwei Jahre als Chef der militärischen Aufklärung im Zentralkommando.  Während einer Übung verließ er seinen „Schreibtisch“-Posten, um in Gefechten mit zu machen. Dafür wurde er gemaßregelt.

Während der Zeit im Zentralkommando litt er an Malaria und verließ 1951 auf Anraten des Arztes das Land. Scharon erholte sich zuerst in Paris, dann auf einer Rundreise durch die Vereinigten Staaten.

Er kehrte genesen zurück und wurde im Nordkommando unter Moshe Dayan erneut als Aufklärungsoffizier eingesetzt. Es war die Zeit häufiger Übergriffe arabischer Aufständischer, der sog. Fedayyin.

Scharon meldete sich freiwillig zu jeder sich bietenden Kommandoaktion. Bald hatte er einen entsprechenden Ruf. Als vorübergehend eine Politik der Zurückhaltung ausgesprochen wurde sah sich Scharon zu Schreibtischarbeit verdammt. Das frustrierte den „Kämpfer“. Das sahen auch seine Vorgesetzten, und boten ihm eine Auszeit an. Er könne ja an der Universität in Jerusalem studieren. Geschichte. Das tat er ab 1953.

Schiesst auf alles was sich bewegt

Natürlich bot das zivile Universitätsleben nicht den nötigen Kick für einen Scharon. Daher tat er Dienst als Kommandeur eines Jerusalemer Reservebataillons. Ab und zu wurde das Bataillon zu Missionen eingesetzt.

Scharon beschloss im Alleingang einen nächtlichen Einsatz gegen Personen, die anscheinend aus dem in Jordanien gelegenen Dorf Qatana über die Grenze sickerten. Er befahl seinen Männern  auf alles zu schiessen was sich bewegt.

Das taten sie. Sie erschossen zwei Frauen, die zum Wasserholen an den Fluß gegangen waren. Scharon trug keine Nachteile davon.

Kommandoeinheit 101

Wenig später regte Scharon an, man solle Kommandoeinheiten schaffen, die im feindlichen Hinterland agieren können. Die Idee wurde aufgegriffen und Scharon beauftragt, zunächst einen Test durchzuführen. Er solle den einen gewissen Mustafa Samueli im jordanischen Dorf Nebe Samuel liquidieren. Das Vorhaben scheiterte, aber da alle Kommandoteilnehmer heil zurück kamen, wurde das Unternehmen als erfolgreich gewertet.

Obwohl die Zahl der Grenzübergriffe zwischen 1952 und 1953 deutlich nachgelassen hatte, weil die Grenzpatrouillen der jordanischen Armee zunehmend effektiver wurde, wurde für Scharon die Kommandoeinheit 101 ins Leben gerufen.**

Massaker von Qibya

Im Oktober 1953 ermordete ein Araber, der nahe des kleinen jordanischen Dorfes Qibya die Grüne Linie nach Israel überquerte, eine Mutter und deren beide Kinder.

Der Vorfall wurde in dem Waffenstillstandsgremium besprochen, in dem Israel, Jordanien und Vertreter der Vereinten Nationen vertreten waren.

Der jordanische Vertreter sicherte zu, bei der Verfolgung des Täters mitzuwirken und bat darum, keine einseitigen Schritte zu unternehmen.

Ungeachtete dessen gab Verteidigungsminister Lavon entgegen der Aufforderung des Außenministers und stellvertretenden Premierministers Moshe Sharett der Einheit 101 den Auftrag, Vergeltung gegen Qibya zu üben.

Scharon tat sein Bestes.

In der Nacht vom 14. zum 15. Oktober überfiel seine Einheit 101 zusammen mit einer Fallschirmjägereinheit das Dorf.

Scharon ordnete seinen Männern an, maximalen Schaden und Tod zu produzieren.*** Die Einheit hat das kleine nachtschlafende Dorf zuerst mit Granaten schwer beschossen und ist dann zur Aktion übergegangen. Denn nichts anderes war es: Die „Aktion“ einer Todesschwadron.

Die „101“ hat 45 Häuser gesprengt und vermint. 69 Zivilisten, die Hälfte Kinder und Greise, kamen in den Trümmern ums Leben.

Ein UN-Beobachter, der den Vorfall untersucht hat, ist zu einem Schluß gekommen, der den Vorgang noch düsterer macht:

Eine Sache wiederholte sich immer wieder:

Diese kugeldurchsiebten Türen, und die auf den Türschwellen liegenden Toten, was darauf hindeutete, dass die Bewohner durch starken Beschuss gezwungen werden sollten im Haus zu bleiben, bis man es sprengen konnte.****

Premierminister Ben Gurion streitet eine Beteiligung der Armee ab und behauptet, es handele sich um eine Racheaktion von Holocaust-Überlebenden.

( Falls Sie aus der Serie über Kriegsverbrechen Israels hierher gekommen sind finden Sie hier den nächsten Teil: „Brecht ihnen die Knochen“ )

Der Sieg steht unmittelbar bevor

Hat diese “Strategie”, wie Wolfssohn dieses sinnlose Morden beschönigend bezeichnet, und die letztlich bis heute verfolgt wird, irgendwann, irgendwie gefruchtet?

Sie erinnert jedenfalls an die berühmt-berüchtigte Stellungnahmen des amerikanischen Generals Westmoreland im Vietnamkrieg: „Victory is just around the corner!„.

Ja, die tödliche „Strategie“ von Scharon & Co. hat Israel schon unzählige male (fast) den Sieg gebracht.

Oh nein: Das ist keine Strategie, sondern nur militärisches Abenteurertum.*

Bei Scharon war das mit großer Sicherheit so. Ginge es nicht um Scharon könnte man zur Entlastung sagen: Das ist Dreinschlagen aus Hilflosigkeit, aus Reflex, aus einer psychotischen Haltung nie-wieder-Opfer-sein zu wollen.

Doch hier geht es um den Bulldozer.

Libanon / Groß-Israel / Operation Verteidigungsschild

Da war dieser fürchterliche Libanonkrieg, den Premierminister Menachem Begin auf Einflüsterung seines Verteidigungsministers Scharon 1982 mutwillig vom Zaun gebrochen hat. Denn Israel wußte, dass der Attentäter auf den israelischen Botschafter in London gar nicht aus den Reihen der PLO kam. Aber man wollte unbedingt gegen die PLO vorgehen, die sich im Libanon festgesetzt hatte.

Streng genommen ging es Menachem Begin und Ariel Scharon gar nicht um die PLO. Der Libanon war infolge des Bürgerkriegs seit 1975 so geschwächt, dass er wie eine reife Olive bereit schien von Israel gepflückt zu werden. Der Libanon selbst war wiederum nur ein Mosaikstein im „grand design“ von Ariel „Arik“ Scharon, dem „König von Israel“, wie ihn seine Verehrer nannten.

Scharon dachte an ein Groß-Israel: Der Südlibanon sollte annektiert werden. Die PLO würde ebenso wie die Syrer aus dem Land gejagt werden. Eine libanesische Marionettenregierung unter Bashir Gemayel würde sich dem israelischen Willen fügen. Die arabische Westbank würde annektiert und schließlich Jordanien zum Palästinenserstaat umgeformt werden. Dann wäre Friede. Pax Arik.

Das Ende ist bekannt:

Der Libanon wurde zusammengebombt. Zehntausende verloren ihr Leben. Eine israelische Soldatengeneration wurde traumatisiert.

Dazu Sabra und Schatila, ein Massaker, schon wieder, verübt in den palästinensischen Flüchtlingslägern von Beirut. Diesmal durch libanesische Phalangisten, aber mit aktiver Unterstützung durch die Truppen des Ariel Scharon. Sie haben das grausame Schlachten, Vergewaltigen und Verstümmeln auch noch nachts ermöglicht, indem sie die Flüchtlingslager ununterbrochen mit Leuchtgranaten erhellt haben.

Und: Erst durch die bis zum Jahr 2000 quälend lange israelische Besatzung des Südlibanon hat sich eine neue radikale Widerstandbewegung  formiert und etablierte – die islamistische und vom Iran unterstützte Hizbollah! Sie ist einer der heutigen Erzfeinde Israels, und ist doch im wahrsten Sinne des Wortes von Israel selbst produziert – genau wie die Hamas im  Gazastreifen.

Hätte Premierminister Begin doch nur auf seine erste Eingebung in Bezug auf Scharon gehört: Dem Mann könne man nicht trauen, der würde als Verteidigungsminister den Premierminister mit Panzern umgehen.

Zweite Intifada

Im Jahr 2000 hat es wenigstens vorübergehend so ausgesehen, als wäre Frieden möglich. Israel unter Premier Ehud Barak und die Palästinenser unter Yasser Arafat verhandelten mit Bill Clinton in Camp David.

Das war für Ariel Scharon völlig undenkbar. Er dachte sich die maximal mögliche Provokation aus. Als Chef der Opposition nahm er tausend Mann Polizei und Militär und spazierte an ihrer Spitze auf den muslimischen Tempelberg. Das musste die ultimative Wohltat für den Zyniker Scharon gewesen sein: Zu beobachten wie sich um ihn herum der Aufstand zusammenbraute, und dabei ins Mikrofon zu schwätzen, er sei hier auf einer Mission des Friedens.

So begann die extrem blutige zweite Intifada. Sie brachte für lange Zeitdas Ende jeder Verständigungsmöglichkeit. Israel war auf die Intifada vorbereitet. Man wußte, dass es gärt in den besetzten Gebieten. Denn trotz des „Oslo-Friedensprozesses“ ging es den Palästinensern schlechter denn je.

Scharon konnte sich angesichts des Aufstands schnell als der „starke Mann Israels“ profilieren. Gegen den „Arafat-Freund“ Ehud Barak hat er einen klaren Wahlsieg erringen können.

Nach dem verheerenden palästinensischem Selbstmordanschlag in Netanya im März 2002befahl Premierminister Scharon den Einmarsch in die Westbank.
 
Seit den Tagen im Libanon hat Israel keinen brutaleren Krieg geführt als die Operation Defensive Shield.

In diesem Konflikt verfügte nur eine Seite über Apache-Kampfhubschrauber, F-16 Jagdbomber und Merkava Kampfpanzer.

Entsprechend sahen die Innenstädte von Ramallah, Nablus oder Jenin aus.

Flüchtlingslager Jenin. Hochburg der Widerständler

Der Bulldozer Scharon verlangte den Widerstand zu brechen. Was könnte passender sein als der Einsatz von Bulldozern?

Kennen Sie die israelischen D9-Bulldozer, gemacht für den militärischen Einsatz?

Haushohe Ungetüme, die ganze Gebäude zerlegen können? Sie wurden eingesetzt, um den inneren Bezirk von Jenin dem Erdboden gleich zu machen. Das haben sie getan.

Zeugenaussage des Bulldozer-Fahrers Moshe Nissim, für die Zeitung Yediot Aharonot:*****

Ich bin nicht vom Bulldozer abgestiegen. […]
Alles wurde ausgelöscht. […]
Drei Tage lang habe ich nur zerstört und zerstört. Die ganze Gegend. […]
Ich habe niemandem eine Chance gegeben. Ich habe nicht gewartet. […]
Ich habe die Häuser einfach mit voller Kraft gerammt, um sie so schnell wie möglich zum Einsturz zu bringen. […]
Das Leben der Palästinenser war mit egal. […]
Es geschah alles unter Befehl. […]
Wenn mir etwas leid tut, dann nicht das ganze Lager zerstört zu haben.

Das Vorgehen eines einzelnen Soldaten kann man nicht dem Ministerpräsidenten anlasten. Richtig? Unsinn. Natürlich kann man, nein, muss man das, wenn der Premier in Geist und Tat Bedingungen schafft, die auf solche Aktionen abzielen.

Was Scharon seit Anbeginn seiner militärischen und später politischen Karriere im Sinn hatte, war nie eine friedliche Lösung mit den Palästinensern. Das verbot sein Naturell als Krieger, er war viel zu sehr ein „Bully„, um es es treffend mit einem amerikanischen Ausdruck zu sagen.

Scharon kannte, Scharon wollte immer nur Kampf.

Israel soll Sparta sein

Ja, er wollte Israel blühen sehen, aber ein Israel seiner Vorstellung. Ein Sparta des Nahen Ostens, keine zivile Heimstätte, um die Formulierung von Theodor Herzl zu verwenden.

Aus Sicht Scharons war eine Bedingung dafür die Vernichtung der Palästinenser. Nicht zwangsläufig physisch, aber jedenfalls politisch und gesellschaftlich.******

Prof. Juan Cole, ein Historiker, der sich nicht wie Prof. Wolffsohn einer schönfärberischen politischen Liebedienerei verschrieben hat, zieht zu Scharon folgenden Schluss:*******

Er dachte Leute zu nötigen und Sadismus einzusetzen und sich willkürlich zu verhalten würde sie [seine Gegner] schon dazu bringen, sich zu fügen.

Er hat wahrscheinlich dazu beigetragen, dass das ganze Unternehmen Israel zum Scheitern veruteilt ist;

das Israel, zu dem er selbst beigetragen hat, ist ein Platz fortgesetzten Krieges und imperialer Dominanz; es steht naturgemäß auf schwankendem Boden.

Der brillante amerikanische Literaturwissenschaftler Prof. Edward Said meinte über Scharon zutreffend:

Ist nicht vollkommen klar, dass Scharon nicht nur darauf aus ist die Palästinenser zu brechen, sondern versucht sie als Volk mitsamt seinen Institutionen zu vernichten?

Natürlich finden sich immer genügend Menschen, die zu einem wie Scharon aufsehen. Das war schon immer so.

Einem Ziel ist Scharon jedenfalls sehr nahe. So wie es aussieht, ist die palästinensische Gesellschaft weitgehend zerstört, und wird es jeden Tag ein bisschen mehr.

Wurde nicht etwas vergessen? Ach ja.

Rückzug aus Gaza

Hat er nicht die Streikräfte einseitig abgezogen und die Siedler mit Gewalt entfernt? War das nicht mutig, ein Beweis seiner Friedensbereitschaft? Nein. War es nicht.

Aus Gaza zu gehen war schlicht notwendig: Was für ein monströser Aufwand an Militär, um eine Handvoll Siedler (7000) zu schützen. Regelmäßige Sicherheitsvorkommnisse. Massive Beschwerden aus der Truppe bis hin zu Kriegsdienstverweigerung. Keine Rohstoffe, kein Wasser. Nichts zu holen.

Gaza war nie von elementarem Interesse für Israel. Es hatte auch keinen spirituellen Bezug für Israel, da es historisch gesehen das Land der Philister war.

Schön für Scharon: die westliche Welt fraß begierig diesen mickrigen Brocken, den Scharon ihr hinwarf. So schlau war der Bulldozer allemal: Ergötzt Euch am Abzug aus  Gaza, ich will Judäa und Samaria, also die arabische Westbank, und zwar alles und für immer.

Und, kommt es etwa nicht genau so?

Das alles scheint für Professor Wolffsohn ein „brutaler Weg zum Frieden“ zu sein.

— Schlesinger

* „Als eines der Mittel gegen Terroristen halte ich Folter oder die Androhung von Folter für legitim. Jawohl.“ (SPIEGEL)

** Zum militärischen Werdegang vgl. Nir Hefez, Gadi Bloom „Ariel Sharon. A Life“, Random House, 2006, S. 44ff.

*** Benny Morris, Israel’s Border Wars, Oxford University Press, 1993, S. 257ff.

**** Avi Shlaim, The Iron Wall, Penguin, 2000, S. 90f.

***** Tanya Reinhardt, Israel, Palestine, OpenMediaBook 2002, S. 164ff. Im Original:

I didn’t get off the tractor. […]
Everything was erased.[…]
For three days I just destroyed and destroyed. The whole area.[…]
I gave no one a chance. I didn’t wait.[…]
I would just ram the house with full power, to bring it down as fast as possible.[…]
I didin’t give a damn about the Palestinians.[…]
It was all under orders.[…]
If I am sorry for anything, it is for not tearing the whole camp down.

****** Leseempfehlung: Baruch Kimmerling, Politicide, The real legacy of Ariel Sharon

******* He thought that bullying people and using sadism and arbitrariness against them would convince them to comply. He probably helped doom the whole enterprise of Israel; the one he helped create, a site of the forever war and imperial domination, is intrinsically unstable.

Nachtrag: Premierminister David Ben Gurion versuchte das Massaker von Qibya gegenüber der Welt zu vertuschen:

Am 19. Oktober«, schreibt der israelische Historiker Benny Morris, verbreitete Premierminister David Ben Gurion »eine völlig fiktive Schilderung der Ereignisse.« Er schob die Schuld an dem Massaker jüdischen Grenzsiedlern in die Schuhe und erklärte: »Die Regierung von Israel weist vehement den absurden und an den Haaren herbeigezogenen Verdacht zurück, dass 600 Soldaten der IDF [Israelische Streitkräfte] an der Aktion beteiligt waren (…). Wir haben eine gründliche Untersuchung durchgeführt, und es ist ohne jeden Zweifel klar, dass sich keine einzige Armeeeinheit in der Nacht des Angriffs auf Qibya von ihrem Stützpunkt entfernt hat.«* Doch Ben Gurions Lügen fruchteten nicht. Am 24. November verurteilte der UN-Sicherheitsrat in einer Resolution den Überfall auf das Schärfste. (vgl. John Mearsheimer, Lüge!, S. 83)

* Das sagten übrigens die Shin Bet-Chefs in „Töte zuerst!“: Es gab keine Strategie. Man habe sich immer nur durchgewurstelt und versucht, so viel Palästinenser wie möglich zu erwischen…

Photo Scharon:  Jim Wallace (Smithsonian Institution) Wikimedia CC BY 2.0 Lizenz

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