Ein Hase aus jüdischer Sicht

Albrecht Duerer: Hase
Albrecht Duerer: Hase

Identitätssuche oder Identitätssucht?

Fundstücke zu Ostern von Max Raabe, Claude Lanzmann, Hans Jonas und Yoram Kaniuk zur Frage der Identität.

Osterprozession in Jerusalem. Christen drängen sich durch die Via Dolorosa. Sie sind auf dem Leidensweg Christi . Wollen teilhaben an dem, was damals geschah. Mehr noch, wollen Teil davon sein. Müssen Teil von etwas sein, das sie wegführt von Ihrer Natur, diesem Zustand des „nicht festgestellten Tiers„, dem Zustand eines „Mängelwesens„, das sie von Natur aus sind (Arnold Gehlen), müssen eine Antwort finden auf die „Geworfenheit“ (Heidegger).

Christsein ist eine Antwort. Ebenso wie Jude sein. Oder Israeli sein. Claude Lanzmann, berühmter Regisseur des 10-stündigen Films Shoah, meinte in seinem Erinnerungswerk „Der patagonische Hase„:*

Wer ist Jude? Das ist das größte Problem Israels, das einzige das Aufmerksamkeit verdient.

Lanzmann ging es dabei nicht um den politischen Aspekt, nur um den individuellen. Er selbst ist waschechter Franzose. Eigentlich. Aber irgendwann kamen selbst ihm, der jahrzehntelang neben Simone de Beauvoir und Sartre zur französischen Intelligenzia gehörte, Zweifel an seiner Zugehörigkeit zum Französischen. Also Zweifel an seiner Identität. Vorübergehend…

Daran war sein Aufenthalt in Israel schuld, genauer genommen zwei schweigsame, hagere Brüder in Safed, die Lanzmann auf den Stufen des Eingangs ihres kleinen Hotels sitzen sah und die er mit Staunen beobachtete:**

Diese Schweigsamen waren wirklich angestammte Israelis, sie hatten ihr Land und seine alte ebenso wie seine jüngste Geschichte im Blut und in den Knochen.

Ob es sich bei den Brüdern aus Safed so verhielt, oder ob Lanzmann das nur annahm, die Verwurzelung jedenfalls schien ihm selbst damals gefehlt zu haben.

Wem die Sicherheit im Dasein fehlt, der nimmt oft viel in Kauf sie zu erlangen. Da spielt dann keine Rolle, welche merkwürdigen Formen diese Suche nach Erfüllung annehmen kann.

Ob dabei neben dem Eingang zur Grabeskirche die Holzkreuze im Dutzend bereit stehen, um die Gläubigen en masse zu bedienen, oder ob der hoch verehrte Rabbi am Mittagstisch seinen gleichermaßen hungrigen wie dankbaren Schülern saure Heringe in hohem Bogen zuwirft***, wie man es von der Fütterung von Robben im Zoo kennt, vieles wird akzeptabel als Preis für dieses hohe Gut namens Erfüllung, nach Sinn, kurzum der Behebung eines Mangels, einer Lücke im Selbst.

Max Raabe und das Glück im Kleinen

An diesen Osterfeiertagen wurde die großartige Dokumentation der Konzertreise Max Raabes in Israel wiederholt. In Jerusalem besuchte er auch die Grabeskirche. Angesichts der Szenen, die sich dort abspielen – diesem jämmerlichen Gerangel, den höchst unwürdigen Eifersüchteleien unter den Würdenträgern – meinte Raabe, er habe sich noch nie so fern von dem gefühlt, was als Fundament seiner Kultur gelte. Als einer, der mit offenen Augen und Ohren durch die Welt zieht, konnte er aber während seiner Tournee auch sehen, was Geborgenheit ausmachen kann.

Da saß die hochbetagte Alt-Berlinerin zusammen mit ihrem Enkel im Wohnzimmer, beide lauschten den alten Liedern, die Raabes Palastorchester so grandios wiederbelebt, sangen mit, und wenigstens die alte Dame war einfach nur glücklich, und sagte schelmisch „Ach wissen Sie, das darf man ja in Israel nicht laut sagen, aber ich fühl mich immer noch als Berlinerin.“ Oder der nicht minder alte Mann, der zusammen mit Raabe nach beendeter Aufführung hinter der Bühne  eins der alten Lieder textgetreu und mit Inbrunst sang. Und auch da war es wieder: die Geborgenheit in dem, was einmal Heimat war, ganz und gar verkörpert in einem „kleinen grünen Kaktus“.

Geist als Heimat

Hans Jonas, der deutsch-jüdisch-amerikanische Philosoph („Prinzip Verantwortung“), schien nie ein Problem mit Identität und Heimat gehabt zu haben. In seinen Erinnerungen beschreibt Jonas sein deutsches Elternhaus als eins, das weitgehend assimiliert war und sich kaum um jüdische Traditionen kümmerte.

Schon in jungen Jahren wurde Jonas glühender Zionist. Rechtzeitig gelang ihm die Ausreise, und schon bald fand er sich in Palästina wieder, wo er auch als Freiwilliger in der Haganah diente. So integriert er in Israel auch war – nur sein Hebräisch kam ihm immer holprig vor – so wenig hielt es ihn dort. Seine akademischen Ambitionen führten in bald nach Amerika, wo er an verschiedenen Lehreinrichtungen reüssierte, stets umgeben und inmitten zahlloser Größen aus Wissenschaft und Kultur.

Aus seinem Jüdischsein machte er nie einen Hehl, aber dieser von Grund auf optimistische, lebensfrohe Mensch benötigte es nicht um sich seiner selbst sicher zu sein.

Jonas, der vormalige Heidegger-Schüler, meinte er habe nie so etwas wie die Last der Existenz, nie eine Geworfenheit verspürt. Vielleicht war das der Grund dafür, dass er sich die Welt aneignete, und nicht wie so viele etwas suchen mußte, dem er sich übereignen konnte.

Warmer Zynismus

Kaum einer hat eine Sinnsuche so famos durch den Kakao gezogen wie Yoram Kaniuk in seinem auch bei uns bekannt gewordenen „Adam Hundesohn“: Die schon ältere, sehr wohlhabende jüdische US-Amerikanerin Mrs. Seizling**** befindet sich auf der Suche nach ihren Wurzeln auf Israelreise. Dort gerät sie an eine ebenfalls schon ältere Dame – „Schwester sister“ genannt – die zum wahren Glauben zurückgefunden haben will. Begierig saugt Mrs. Seizling die Offenbarung auf, die Schwester sister auf einer Reise erfahren hat:

[she] had traveled to Africa, she wished to reach the spot said to be the genuine Paradise. …

So, alone she traveled and soon she reached a small town in Kenya, where she was directed to the mountain which the children called ‚The Lost Paradise…

She stayed at a small inn, and in the night, while settled to sleep, insects bit her ravenously; all night she tossed in agony and couldn’t get to sleep „For at that time,“ she explained to Mrs. Seizling „faith had not yet been revealed to me.“

She lay on her infested mattress, her body a prey to insects that were sucking her blood. She decided she had to do something the following day to protect her body. So the next morning she went to a hard-ware store and bought six tin cans. All day she wandered through the place called The Lost Paradise.“ At night she filled the cans with kerosene, arranged them around her mattress, and put a match to each one. In the flickering sextuple light she fell asleep. And, in fact, got a few hours of sweet slumber out of this trick.

Then the Schwester sister was wakened by a weird tapping soud. Tick-tick-tick. Like drops of rain falling on a tin roof. She opened her eyes, but couldn’t see anything wrong. The six tins of kerosene were smoking passionated. All of a sudden, she felt a sting, and another sting, and yet another. And then her eyes stared at the explanation of the mystery, an endless caravan of insects, giant African insects, was climbing up one wall of the room and crawling across the ceiling. The moment each insect reached the spot on the ceiling directly above her mattress, in the center of the six smoking tins, it let go and dived straight for her—her face, her hand, her legs, her whole body.

At that point, in the midst of her stupor, while her body was still groaning from the pain of the stings, she saw the significance which transcended the event itself, the creatures were coming to her, bypassing her roadblock and outwitting her human ingenuity, because of a gigantic love, a profound love, for her body. No man had ever really loved the body of the Schwester sister. She knew this; she didn’t lie to herself.

But now, look! these insects were making love to her with ecstatic desire for her body, sucking her very marrow. And on account of their love, she too, in a miraculous fashion, through suffering, learned how to return love to them. … She yearned to love them to the very limit of her capacity, their love having heightened the perception which had been dimly lurking inside her for many years, that only through love can one arrive at the core of things, that only if one knows how to love properly will all the answers be granted in good find.

There on that stinking mattress in a Kenyan inn, in the jungle, in the heart of the world, near the spot where Adam, the first man, once dwelt, here she discovered that faith was her soul’s cure, or, in other words, that it was her mission to bring about, through some action as yet unknown to her, the reappearance of God. . .

Kaniuk hat im Krieg 1948 mitgekämpft. Was er dabei erlebte, hat große Zweifel in ihm geweckt, hat sein Vertrauen in die allgegenwärtigen Sinn-Angebote inklusive Nationalismus und Patriotismus erschüttert. Geblieben ist ihm eine gute Portion Lebenslust und ein hellwacher, humorvoller Geist. Man könnte auch sagen: Ein warmherziger Zynismus. Kaniuk übrigens ist der erste Bürger Israels, der sich gerichtlich erstritten hat, dass aus seinem Pass der Religionseintrag „jüdisch“ entfernt wurde. Offenbar war ihm auch diese Identifikation suspekt.

Was mich anbelangt, sind mir die am liebsten, die einen Sinn, eine Identität, eine Heimat erst gar nicht suchen, oder so etwas an sich reißen wollen, sondern einfach nur leben, aber darin womöglich unverhofft aufgehoben sind, früher oder später, und dadurch eine Heimat, eine Geborgenheit finden.

So wie Lanzmann zum Schluß seiner Biografie erzählte, dass erst der Hase, der ihm in Patagonien über den Weg lief, ihn fühlen ließ, dass dieser Moment wirklich war, dass er, Lanzmann, wirklich in Patagonien war, dass er gegenwärtig war.

Das hat ihm ein Hase ermöglicht, nicht seine religiöse oder nationale Identität. Wie auch sollte sich ein Jude, ein Christ, ein Moslem zu einem Hasen verhalten als Jude, Christ oder Moslem? Wie zum ersten wärmenden Sonnenschein im Frühling, zum Duft einer Rose oder dem morgendlichen Gesang der Vögel?

 

— Schlesinger

Bild: A. Dürer, Feldhase (Wikipedia CC)

* C. Lanzmann, Der patagonische Hase, rororo, S. 309

** Ebd., S. 304

*** Ebd., S. 306

Der Kaniuk-Text aus „Adam resurrected“ S. 46ff. Leider habe ich nur den engl. Text.

Im Herbst 2010 starteten Max Raabe und das Palast Orchester als krönenden Abschluss ihrer Konzerttournee nach Israel. Insgesamt vier Konzerte gab das Ensemble mit ihrem Programm „Heute Nacht oder nie“ in Tel Aviv, Haifa und Jerusalem. Einerseits spielten sie vor einem jungen Publikum, das die deutschen Lieder von damals erstmals live hören konnte – andererseits vor einer Zuhörerschaft, die sich an diese Musik erinnerte und sie in Kinder- oder Jugendtagen in Deutschland gehört hatte.

Fast alle Textdichter waren jüdischer Herkunft, viele von ihnen wurden vom Nazi-Regime ermordet, einigen wenigen gelang die Flucht über Österreich und Frankreich in die USA. In den Liedern und Schlagern dieser Künstler verdichtet sich das Lebensgefühl einer Zeit. (Text: ARD)