Wer bin ich?

Der umstrittene ZDF Dreiteiler „Unsere Mütter – unsere Väter“ belebt einen wichtigen aber vergessenen Schopenhauer-Satz. Das ist sein vielleicht größter Verdienst.

Der Mensch ist empirisch.

Soweit Schopenhauer. Soweit banal. Soweit unverstanden.

Der Schopenhauer-Satz ist einer der vielleicht wichtigsten Erkenntnisse zum Menschen.

Und praktisch vergessen.

Tausende Sendungen, Ratgeber und Einflüsterungen möchten den Einzelnen suggerieren, was sie sind, was der Mensch im allgemeinen denn alles sei:

Sünder. Christ. Gut. Schlecht. Geistwesen. Sphärisch. Energie- oder Lichtwesen. Abhängig von den Sternen oder der Energie von Steinen. Biologische, soziale oder wahlweise ökonomische Maschine. Etc.pp.

Mag ja alles irgendwie ein kleines bisschen oder sogar mehr zutreffen.

Nur: Abgesehen davon, dass man sich alles einreden (lassen) kann, hilfts im wirklichen Leben nur bedingt, wenn man sich die Frage stellt, was ICH denn nun wirklich bin.

Darauf hat der zornige Schopenhauer die bis heute kaum  übertroffene Antwort gegeben: Das zeigt Dir nur und ausschliesslich das Leben.

Man mag sich alles anlesen, einreden, vorsagen lassen, meditieren und sich tausendmal vorsagen, was man sei und wie man sein solle.

Aber dann gerät man in eine Situation, die der neunmalkluge menschendumme Ratgeber nicht vorhergesehen hat – und nie wird vorhersehen können – und man reagiert anders, so vollkommen anders als man es sich vorgestellt hat oder wie man sich so lange selbst gesehen hat.

Man wollte stark sein, aber zeigte Hosenflattern;
man wollte ruhig sein, aber verlor die Nerven;
man wollte Mitgefühl zeigen, aber merkte, dass man nichts fühlte;
man wollte sich raushalten, aber sah sich unvermittelt im Streit;
man wollte treu sein, und fand sich in einer ganz anderen Situation;
man hat etwas versprochen, aber nicht einmal daran gedacht, geschweige denn es gehalten;

[etc.pp; und das sind nur die winzigen, lässlichen Verfehlungen in Nicht-Kriegs-Zeiten]

Was dem Menschen über all diese kleinen und großen Versagen hinweghilft, ist sein unglaublich starkes Ego, seine Selbst-Liebe oder vielmehr Zwang zu sich selbst.

Dieser Ego-Leim überkleistert mühelos alle objektiven eigenen Schwächen und zaubert tausendundeine Selbst- und Fremdlüge inklusive dem Gutteil unserer Moral hervor, nur zu dem einen Zweck:

ICH BIN GUT.

Als der längst schlachtenerprobte Friedhelm Winter von einem Kriegs-Frischling gefragt wird, wie er so geworden ist, wie er sei, meinte Winter ebenso lakonisch wie zutreffend, man könne im Krieg nie wissen wie man werde, man könne nur sicher sein, dass man nicht derselbe bleibe.

Diese Aussage – auch dramaturgisch und logisch passend halb in Trance geäußert – entstand doch nur, weil das normalerweise gut funktionierende „selbstheilende Ego“ angesichts der allzu großen Diskrepanz zwischen Selbstbildnis und Realität nicht mehr in der Lage war, die Kluft zu überwinden: Gestern noch der schöngeistige, zarte Literat, heute der Flüchtendes-Kind-erschiessende Kommando-Soldat…

Das wurde in diesem Dreiteiler in Variationen wiederholt, und vollkommen zurecht.

Hätte sich Greta vorstellen können, nach idealistischen Jugendträumen zur opportunistischen Hetäre im Showbiz zu werden? Eher nicht. Und als sie es wurde, hatte sie genügend Ausreden dafür parat.

Hätte sich Leutnant Wilhelm Winter – wie alle jungen Offiziere weltweit sind: patriotisch und selbstverliebt – vorstellen können Teil eines monströsen Vernichtungsapparates zu werden? Eher nicht. Und noch bevor es es einsah, hatte er noch einige Erklärungen parat.

Hätte sich die angehende Krankenschwester und glühende Patriotin Charlotte vorstellen können, dass sich binnen kurzem ihre gesamte Phantasiewelt ins gerade Gegenteil verkehrt und sie nicht dem leuchtend Guten, sondern gewissermaßen dem Dreck dient?

Die zentralen Biografien des Dreiteilers haben dieselbe Erfahrung gemacht: Sie sind nicht, was sie von sich gedacht haben.

Im Vergleich zu unzähligen anderen Filmen ist diese Art der Darstellung keine geringe Leistung. Denn wie oft sind die Guten nur die Guten und die Bösen die Bösen? Das ist ebenso verführerisch wie billig. Denn jeder will sich auf der guten Seite sehen. Das wissen die Medienmacher allemal, von BILD bis ARD/ZDF usf.

Der Dreiteiler hat Schwächen, fraglos.

Er hat mindestens ein Stärke.

Das noch immer und immer wieder millionenfach gepflegte Schema „ich gut – die anderen böse“ massiv durchbrochen zu haben.

— Schlesinger

Photo: Stalingrad (Some rights reserved by https://www.flickr.com/photos/36919288@N08/)