Palästinensischer Junge im Fadenkreuz

Im Fadenkreuz des ScharfschützenDer israelische Soldat Mor Ostrovski hat auf Instagram ein Photo gepostet, das zeigt wie er einen palästinensischen Jungen durch sein Zielfernrohr anvisiert.

Emran Feroz hat über den Vorgang berichtet.

Danke für dessen Beitrag, der am Beispiel eines Individuums in der Armee zeigt, wie Menschen unter gewissen Rahmenbedingungen ohne weiteres ihr ansonsten gut gepflegtes Image als gesittete Wesen abstreifen.

Etwas schwer tue ich mich mit der Empörung und der zugehörigen moralischen Verurteilung. Ob das Verhalten Ostrovskis irritierend ist? Ganz gewiß. Meinetwegen auch empörend. Und doch kommt es mir irgendwie zu einfach vor. Aus unserer sicheren Warte lässt sich schnell sagen, wie inhuman und amoralisch das ist. Aber wer weiß schon, was in einem steckt, sobald man sein sicheres zivilisatorisches Schneckenhaus verlassen müsste?

Man nehme jede Armee der Welt (oder Miliz etc.pp.) und man hat automatisch eine Anzahl von Individuen dabei, die einen Rahmen namens Krieg oder Konflikt nutzen, um ihre Neigungen auszutoben, oder genauer genommen, ihre Neigungen in höherem Maß auszutoben, als es andere Bedingungen zulassen.

Denn dieselben Ostrovskis gibt es offenkundig auch in jeder zivilen Ansammlung von Menschen. Etwa im Betrieb, wo es miese Chefs oder Kollegen gibt, die fortgesetzt ihre Unart an anderen auslassen. Der Unterschied besteht nur darin, dass sie (meistens) keine Waffe in der Hand haben. Wären dieselben Charaktere in einer Armee im Einsatz, wären es ähnliche Spezies wie Ostrovski. Ihre kleine Niedertracht kann dann in große Brutalität umschlagen, die unter Umständen sogar als „Heldentum“ deklariert wird.

Verfluchte Normalverteilung

Sie fragen, wie viele von diesen Ostrovskis es gibt? Die statistische Normalverteilung, mit der Brutalos erscheinen, schlägt grundsätzlich immer zu. Das hat mit der israelischen Armee zunächst gar nichts zu tun.

Uri Avnery hat das abschliessend gültig beschrieben:

any army is composed of all types of human beings, decent youngsters with a moral conscience besides sadists, imbeciles and others suffering from moral insanity.

In a war you give all of them arms and a license to kill, and the results can be foreseen.

Einen Unterschied macht allerdings Folgendes: Wird dieses „rohe Potenzial“ von der jeweiligen Führung vorsätzlich genutzt und befördert? Dann wird aus einem stets brutalen Krieg, in dem die Menschen sporadisch ausrasten*, ein systemisch irrwitziger Krieg.

Genau das tat Dick Cheney, als er sagte es sei höchste Zeit die Samthandschuhe auszuziehen. Damit gab er seinen kleinen Chargen an der Front oder in den „Anti-Terror-Gefängnissen“ wie Abu Ghraib carte blanche.

Ähnliches gilt für den früheren israelischen Verteidigungsminister Yitzhak Rabin, der zur Niederschlagung der Intifada die Devise ausgab „brecht Ihnen die Knochen!

Unter solchen Vorgaben kommen die Ostrovskis erst richtig zum Vorschein. „Da“ sind sie schon immer. Naturgesetzlich.

Das Phänomen Ostrovski und Konsorten ist freilich noch harmlos im Angesicht von explizit angeordneten Massakern, wie etwa den weithin vergessenen unbeschreiblichen Greueltaten im libanesischen Phalangistenstädtchen Damour, die von Arafat im Januar 1976 angeordnet wurden.

Und selbst die Knochenbrecher-Devise Rabins scheint harmlos im Vergleich zur Niederwalzung des syrischen Aufstandes von Hama, wo Assad sen. 1982 einen Stadtteil komplett ausradieren ließ.

Potenzial zur Ikone

Was nun das Photo Ostrovskis anbelangt hat es geradezu Potenzial eine Ikone zu werden.

Warum? Kaum lässt sich ohne explizite Gewaltdarstellung prägnanter zeigen, wie verlogen das ganze Gerede von moralisch sauberer Kriegführung ist. Insofern ist das technisch gelungene Bild eine Anklage, die der Photograph so nie beabsichtigt haben dürfte.

— Schlesinger

Photo: Abwandlung des Photos von Ostrovski, dessen Instagram-account geschlossen wurde.

Bericht auf Electronic Intifada

* Leseempfehlung

auch was die „Unreife“ Ostrovskis , und dessen Haltung als „Spiel“ anbelangt: Yoram Kaniuks aktuelles Werk „1948„:

Hör mal Du Araberschlecker, wenn Du den Jungen erschiesst, schlachte ich ihn nicht ab, und wenn Du ihn nicht erschiesst, schlachte ich vielleicht auch noch seine tote Mutter ab, die vielleicht noch gar nicht tot ist. Er versetzte ihr einen Tritt. Sie erzitterte, und er sagte: Die Schlampe ist nicht tot, guck Dir an wie ehrlos die Araber fallen.

Wer solche von Kaniuk berichteten Szenen nur den israelischen Soldaten anheftet, hat gar nichts verstanden. Das bringt jeder Krieg für jede Seite mit sich.

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