Betrunken ins Reinheits-Bad

Isabelle Neulinger entführte ihren Sohn Noam aus Israel, um ihn aus den Fängen ihres ultraorthodox gewordenen Mannes zu retten. Und um sich zu retten. Das zog ein kleines juristisches Erdbeben nach sich.

Selbstverständlich unternahm ihr Mann Shai Shuruk alles, um seinen Sohn zurück zu bekommen.

Der Rechtsstreit durchlief in fünf Jahren alle Instanzen und landete schließlich vor der Großen Kammer des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte.

Mit 16 zu einer Richterstimme gab das Gericht Frau Neulinger Recht. Ihr Sohn muss nicht nach Israel zurück.* Das trug dem Gerichtshof den Vorwurf des Antisemitismus ein.

Israel, das große Versprechen

Die Schweizer Jüdin Neulinger hatte ihren ersten Mann in jungen Jahren verloren. Nach einiger Zeit machte sie mit einer Freundin Urlaub in Eilat. Und verliebte sich in das Land.

Alles hat sich „richtig“ angefühlt. Sie beschloss, in Israel einen Neuanfang zu machen.

Neulinger machte ihre eigene Alija, wurde zur „Neu-Einwanderin“. Die ersten Wochen waren nicht nur zum Lachen. Die karge Unterbringung in einem Durchgangs-Heim war nicht immer angenehm, und der häufige Ärger auf den Ämtern eine harte Nervenprobe.

Doch schon im ersten halben Jahr hatte sich alles wunderbar eingespielt. Ein neuer Job, eine Wohnung in Tel Aviv, ein Auto und ein Freundeskreis. Das quirlige Tel Aviv war das Sahnehäubchen. Alles war bestens. Genau so hatte sie es sich gewünscht.

Dann lernte sie Shai kennen. Den gutaussehenden, charmanten, idealistischen Sportlehrer von nebenan. Die Beziehung nahm ihren Anfang. Alles schien bestens.

Die Veränderungen kamen schleichend. Shai lernte einen orthodoxen Rabbi kennen. Ging immer öfter in die Synagoge. Änderte zuerst das eine, dann das andere in seinem und nolens volens Isabelles Leben.

Isabelle sagte sich, dass etwas mehr Tradition nur von Vorteil sein kann. Schliesslich ist sie ins Land ihrer Vorväter zurück gekehrt.

Das Ehepaar bekam einen Sohn. Noam.

Aber Shai änderte das gemeinsame Leben von Monat zu Monat mehr.

Isabelle hatte sich den traditionellen Ritualen zu unterwerfen. Dazu gehörte die rituelle Waschung („Mikwe„) in der Synagoge, wenn die Monatsblutung vorbei ist.

(Textauszug aus ihrem Buch)

Nachdem ich den erforderlichen Segensspruch aufgesagt habe, gehe ich langsam die Stufen hinab und tauche mit offenem Haar ganz unter in die Stille des heiligen Wassers.

Ich wiederhole diesen Vorgang dreimal und tauche dann wieder aus dem Wasser. Nun bin ich rein.

Die Mikwe ist mit ihrem ursprünglichen, reinen Wasser auch die Quelle der Schöpfung und ein jahrtausendealtes Geheimnis, das ich mit meinen jüdischen Schwestern auf der ganzen Welt teile.

Zumindest sollte sie das sein.

Denn statt das Heitere, das Heilige und das Göttliche dieses Moments zu empfinden, fühle ich mich gedemütigt und zu einer zum Verkauf ausgestellten Stute degradiert.

Plötzlich kommt mir die Fernsehserie in den Sinn, die ich mit Shai anschaute‚ die lustige Szene, als sich die Ehefrau auf dem Weg zur Mikwe betrinkt.

Jetzt ist mir nicht mehr zum Lachen zumute.

Zu Hause hat Shai alle Mühe, mich wieder aufzumuntern. Ich kann mich nicht entspannen und dem Moment unserer Begegnung hingeben.

Dabei hat man mir beigebracht, dass die Mikwe vor allem dazu dient, eine höhere spirituelle Dimension, eine weitere Bewusstseinsebene zu erlangen.

Ich kann mir noch so oft vor Augen führen, dass die Enthaltsamkeit zwischen einem Mann und seiner Frau rein gar nichts mit Zurückweisung oder Ekel zu tun hat, dass es sich um ein spirituelles Konzept
handelt — es fällt mir dennoch schwer, mich damit abzufinden. Doch von Shai kommt keine Hilfe.

Während zweier Wochen im Monat haben wir keinen Körperkontakt, wir streifen uns nicht einmal.

Wir vermeiden es sogar, uns bei Tisch das Wasser oder das Salz zu reichen.

Aus dem urprünglich natürlichen Miteinander zweier Menschen war ein hart reglementiertes Nebeneinander geworden.

Aus dem modernen Shai wurde ein schwarzgekleideter Ultraorthodoxer. Gottes-Dienst wurde wichtiger als Menschen-Liebe. Seinen Sohn Noam nahm er mit, wenn er auf den Straßen von Tel Aviv versuchte Leute zu bewegen, sich seiner Lubawitscher Bewegung anzuschliessen.

Immer öfter kam er zur Auffassung, seine Frau halte sich zu wenig an die Vorschriften. Dann wurde er jähzornig, drohte sie zu schlagen und sprach wüste Verwünschungen aus.

Irgendwann schimpfte er sie Hure. Weil sie im Sommer keine Strümpfe unter dem Rock trug.

Isabelle beschloss dem Ganzen ein Ende zu machen. So konnte sie nicht weiter machen. In so einer Atmosphäre durfte ihr Sohn nicht aufwachsen.

Sie floh mit dem kleinen Noam über die Grenze nach Ägypten und von dort nach Genf.

Ihr Buch „Meinen Sohn bekommt ihr nie“ habe ich an zwei Abenden verschlungen. Es überzeugt durch klaren Stil und atmosphärische Dichte. Nichts wirkt aufgetragen oder gekünstelt.

Irrelevant ist dabei die Frage, ob Frau Neulinger ihre Ehe „objektiv“ geschildert hat. Das braucht man nicht annehmen.

Relevant dagegen ist die Schilderung des von ihr geschilderten orthodoxen Milieus: das Strenge, Zwingende, Unbedingte. Das muss nicht in allen Fällen so sein. Aber es ist in vielen Fällen so.**

Wer dieses Buch gelesen hat wird besser verstehen, warum in Israel der Konflikt zwischen Säkularen und Traditionalisten ebenso bedeutsam ist wie der mit den Palästinensern.

Unbedingt lesen.

Neulinger denkt oft an Israel zurück. Vermisst ihre Freunde und vieles an dem Land, das sie lieb gewonnen hat. Es hätte nicht so kommen müssen. Israel hätte unter anderen Umständen für sie „richtig“ sein können. Sie geriet nur in einen Schlamassel.

— Schlesinger

Nachwort:

Bei all dem geht es nicht um Religion. Religion an sich ist im Grunde neutral. Sie macht die Menschen nicht besser und nicht schlechter.

Es geht vielmehr um den Machtanspruch von Individuen oder Gruppen, die den Glauben zu ihren Zwecken instrumentalisieren.

Es geht um die Verführbarkeit des Menschen, der aus Schwäche allzuoft willens ist, die Hölle zu bereiten, um das ersehnte Himmelreich zu erlangen.

Solche Menschen hat es immer gegeben und wird es immer geben. In kleiner Zahl kann sie eine offene Gesellschaft mittragen. In großer Zahl werden sie zu ihrer Bedrohung.

* In 1999 Ms Neulinger settled in Israel where she married Shai Shuruk in 2001.

Their son, Noam, was born in Tel Aviv in 2003. Fearing that Noam would be taken by his father to a “Chabad-Lubavitch” community – she described the Lubavitch movement as ultra-orthodox, radical and known for its zealous proselytising – Ms Neulinger applied to the Tel Aviv Family Court, which in 2004 imposed a ban on Noam’s removal from the country until he attained his majority. She was awarded temporary custody and guardianship was to be exercised by both parents jointly. The father’s access rights were subsequently restricted on account of his threatening behaviour. […]

In February 2005 the parents divorced and in June Ms Neulinger secretly left Israel for Switzerland with her son. […]

The Grand Chamber found […] that Noam’s mother had removed him from Israel “wrongfully”. […]

In the light of all the foregoing considerations,[…], the Court was not convinced that it would be in the child’s best interests for him to return to Israel.

As to the mother, she would sustain a disproportionate interference with her right to respect for her family life if she were forced to return to Israel.

Consequently, the Court held, by 16 votes to one, that there would be a violation of Article 8 [of the Hague Convention, ann.] in respect of both applicants if the decision ordering Noam’s return to Israel were to be enforced.

** Im Nachwort schreibt Fr. Neulinger:

In diesem demokratischen, mitunter höchst widersprüchlichen Land schützt man sich vor dem islamischen Fundamentalismus, während man die Augen vor dem Fundamentalismus der ultraorthodoxen Juden verschließt.

Man schweigt über ihre sektenähnlichen Methoden, oder belächelt sie milde.

Es sind Männer, die ihren Tag mit einem Gebet beginnen, dessen erster Vers lautet, „Gelobt sei Gott, weil er mich nicht als Frau erschuf“.

Und vergessen wir nicht, dass einzig den Männern das Recht vorbehalten bleibt, heilige Texte auszulegen, in denen es um die Rechte der Frauen geht.