München 1972 – Kein Ende deutscher Peinlichkeiten

Man ahnte schon bald, dass etwas nicht stimmt an der allzu oft wiederholten deutschen Behauptung „Das konnte man auch nicht ahnen!“

Immerhin war der palästinensische Terror schon vor den Olympischen Spielen von 1972 akut. Vier Jahre vor München wurde eine El-Al-Maschine von Terroristen entführt. Das war der Auftakt einer langen Serie von PLO-Anschlägen.

Und schließlich hatte die deutsche Botschaft in Beirut Wochen vor Olympia nach Hause gekabelt, es lägen Hinweise vor, dass München als Plattform für eine palästinensische Aktion dienen könnte.

Aber man wollte sich nicht abbringen lassen von der Idee der friedlichsten Spielen aller Zeiten.

Die Dinge nahmen ihren schrecklichen Lauf und die deutschen Sicherheitskräfte versagten auf ganzer Linie.

Als wäre das nicht schlimm genug, ließ man die betroffenen Überlebenden, die Angehörigen der Opfer und die politische Führung in Israel im Unklaren über die Erkenntnisse, die man auf deutscher Seite hatte. Nur nichts zugeben, nur keine Blöße zeigen. Die Archive blieben eisern geschlossen.

Jahrzehntelang bemühten die Familien der israelischen Sportler deutsche Gerichte – lange ohne Erfolg. Der deutsche Staat und die bayerische Hauptstadt wußten sich zu wehren.

Als der damalige Innenminister Hans-Dietrich Genscher, der sich während der Geiselnahme als Austauschgeisel angeboten hatte zum Außenminister wurde, hat er Anfragen der Israelis nach Akteneinsicht ins leere laufen lassen. Akten gab es mehr als genug, wie sich Ankie Spitzer, die Witwe des Fechttrainers André Spitzer, erinnert:

Wir sandten unseren Anwalt daraufhin nach München, und er hat mehr als 4.000 Akten entdeckt. Da war ein Raum, in dem sich an drei Wänden die Papiere vom Boden bis zur Decke stapelten. Dazu fanden sich 900 Aufnahmen aus der Pathologie.

Ganz schlimm muss es gewesen sein, als die israelischen Hinterbliebenen mit der damaligen Staatssekretärin Brigitte Zypries (FDP) verhandeln mussten. Spitzer dazu:

Es hat nie eine Zeit gegeben, in der ich ärgerlicher gewesen bin als in den Monaten, da diese Frau Zypries die Verhandlungen steuerte. Das war ganz fürchterlich.

Die deutsche „Entschädigung“, die schließlich 30 Jahre nach dem Massaker gezahlt wurde belief sich auf drei Millionen Euro. Abzüglich Gerichtskosten, und zu verteilen auf 25 Personen. Macht vielleicht hunderttausend Euro.

Der bayerische Ministerpräsident Seehofer hat kürzlich zugesagt, einen „Gedenkraum“ errichten lassen zu wollen. Dazu sollen offenbar der Deutsche Sportbund, die Israelitische Kultusgemeinde, die Stadt München und der Bund ein gemeinsames Konzept erarbeiten.

Von einer Beteiligung der Hinterbliebenen und Betroffenen war nicht die Rede.

— Schlesinger