Dokumentation: Sechstagekrieg 1967

Sechstagekrieg
Generalstabschef Moshe Dayan 1956

ARTE Doku zum Sechstagekrieg

Die ARTE-Produktion „Sechs Tage Krieg“ liefert gründliche Informationen zu den Ursachen jenes Krieges, der die kommenden Jahrzehnte im Nahen Osten bestimmen sollte wie kein anderes Ereignis seit der Gründung Israels.

Nach dem Ende dieses Krieges galt der  Sieg Israels als „Wunder“: Israel hatte wider Erwarten gegen eine arabische Übermacht triumphiert.

Tatsächlich war es ganz anders.

David gegen den ägyptischen Goliath mit Schwindsucht

Ägyptens populistischer Präsident Gamal Abd el Nasser hatte Anfang Juni 1967 Truppen in Grenznähe zu Israel gebracht, nachdem er von den sowjetischen Verbündeten die – falsche – Nachricht erhalten hatte, Israel habe starke Streitkräfte gegen Syrien in Stellung gebracht. Ägypten und Syrien waren durch einen Beistandspakt verbündet.

Der militärische Geheimdienst Israels machte sich keine großen Sorgen: Der ägyptische Aufmarsch sei eine politische Drohgebärde, die keinen militärischen Wert habe.

Die israelischen Generäle wollten aber von dieser Lage profitieren. Im sogenannten „Unabhängigkeitskrieg“ von 1948 konnten sie annehmen, dass sie ihren Feinden gegenüber wenigstens ebenbürtig waren. Dieses mal wußten sie recht genau, wie groß die eigene Überlegenheit war.

Das Militär wollte seine Chance bekommen, die Araber vernichtend zu schlagen, die wenigen Niederlagen aus dem Krieg von 1948 zu rächen, und an Gebietsgewinnen nachzuholen, was man 1948 versäumt hatte:

„Die Sache zu Ende bringen“

lautete daher der inoffizielle Slogan.

Die Medien trugen ihren Teil zur Stimmungsmache bei (wie immer: „bad news are good news!“), und den Generälen kam das gelegen.

Ägyptischer Hochmut

Auf ägyptischer Seite spielte Generalstabschefs Amer eine unselige Rolle. Er prahlte öffentlich mit der angeblichen Überlegenheit seiner Armee. Die Medien druckten und sendeten es gerne.

Unzählige Kommentatoren trugen zu einer aufgeheizten Stimmung bei. Das Volk auf Straße sah bereits die große Revanche für die Niederlage von 1948. Nasser glaubte seinem Stabschef, ließ sich selbst mitreissen von der Euphorie seiner Bevölkerung und machte weiter mit seinen Provokationen.

Er zwang die UN-Blauhelme zum Abzug aus Gaza und sprach ein Verbot für israelische Schiffahrt durch den Suez-Kanal aus.

Eine Taube – von Falken gejagt

Levi Eshkol, der damalige Ministerpräsident Israels, versuchte sich zu wehren gegen das unaufhörliche Drängen seiner Generäle und der Opposition – allen voran Oppositionsführer Menachem Begin und Stabschef Yitzhak Rabin – einen Angriffskrieg gegen Ägypten zu führen.

Eshkol stand auf verlorenem Posten.

Die martialischen, wüsten ägyptischen Radiosendungen, die auf hebräisch gesendet wurden und die die Vernichtung Israels ankündigten hinterliessen ihre Wirkung: Als die nervöse Stimmung in der israelischen Bevölkerung ins Hysterische zu kippen drohte, sah sich Eshkol gezwungen den Kriegshelden und Hardliner General Moshe Dayan als Verteidigungsminister ins Kabinett zu holen. Gegen den charismatischen Dayan konnte Eshkol nichts ausrichten.

Ab diesem Zeitpunkt waren sowohl Eshkol, als auch Nasser Geiseln der Verhältnisse, die sie geschaffen oder zugelassen hatten.

Der Kriegsausgang entsprach im Wesentlichen den Vorhersagen der israelischen Militär-Analysten (und dem der CIA).

Es war kein „Wunder“.

Es war der erwartbare Ausgang eines Kriegs, in dem eine Seite über die deutlich besser ausgerüstete und ausgebildete Armee verfügt.

Ganz Israel war in jenen Tagen euphorisch über den Sieg. Man sah schon den Beginn der biblischen Verheißungen.
 
Wenige Tage nach Kriegsende fand in Tel Aviv eine Tagung der Arbeiterpartei statt

Ben-Gurion verlangt Rückgabe der von Israel besetzten Gebiete

Auf der Tagung war der Staatsgründer und langjährige ehemalige Ministerpräsident David Ben-Gurion zu Gast.

Ben Gurion war nicht bekannt für große Nachsicht gegenüber den Arabern. Und doch war er verstört und übellaunig angesichts der Stimmung im Land.

Den messianischen Geist, der plötzlich herrschte, empfand er als Bedrohung. Er war Vertreter eines säkularen, politischen Zionismus.

Zum Entsetzen seiner Zuhörer forderte Ben Gurion, Israel müsse sofort die besetzten Gebiete in der Westbank zurück geben, sonst würde es schlimme Folgen haben.*

Levi Eshkol machte angesichts der allgemeinen Euphorie gute Miene zum bösen Spiel.

Er war nie für diesen Krieg. Eineinhalb Jahre später starb er.

Wegen dieses Krieges würden noch viele Menschen sterben müssen, bis heute.

Ein Ende ist nicht abzusehen, denn so wie seine Vorgänger ist auch der amtierende Ministerpräsident Netanjahu in einer Art dauerhaftem Kriegszustand.

Die Waffen klirren (I)

 https://www.youtube.com/watch?v=O2CBdcI88-w

Die Waffen klirren (II)

Die Waffen klirren (III)

Die Waffen klirren (IV)

Die Waffen klirren (V)

Die Waffen klirren (VI)

Krieg und Okkupation (I)

Krieg und Okkupation (II)

Krieg und Okkupation (III)

Krieg und Okkupation (IV)

Krieg und Okkupation (V)

Krieg und Okkupation (VI)

— Schlesinger

Photo: Israel Defense Forces, Wikipedia (CC Lizenz)

* Vgl. Arthur Herzberg, Fate of Zionism, S. X.f.

** Die Doku blendet einen zentralen Teil der Vorgeschichte des Kriegs aus: Die fortgesetzten Nadelstiche Israels gegen die syrischen Truppen am Golan, die die Syrer zum  Angriff verleiten sollten. Die fortgesetzten Zusammenstöße an der syrischen Grenze trugen wesentlich zur Kriegsstimmung in der Bevölkerung bei.

General Moshe Dayan räumte im Nachhinein ein, dass 8o Prozent der Vorfälle an der syrischen Grenze durch Israel pro­voziert worden seien, indem man immer wieder versucht hat Land in der entmilitarisierten Zone zu bewirtschaften.

Es lief etwa folgendermaßen ab: Wir schickten einen Traktor, der ein bestimmtes Grundstück in der entmilitarisierten Zone um­pflügen sollte, mit dem man sonst nichts anfangen konnte, wobei wir von vornherein wussten, dass die Syrer zu schießen beginnen würden. Wenn sie nicht gleich feuerten, haben wir den Traktorfahrer angewiesen, noch ein Stück weiter zu fahren, bis die Syrer schließlich die Nerven verloren und schossen. Dann haben wir zurückgeschossen und schließlich die Luftwaffe geschickt

Dayan beteuerte, dass die Spannungen, die Israel an der syrischen Grenze schürte, nicht einem strategischen Konzept geschuldet gewesen seien, sondern der Tatsache, dass Israel den Waffenstillstand nicht ernst nahm.

Wir dachten damals, und daran glaubten wir eine ganze Weile, dass wir die Waffenstill­standslinie durch Militäraktionen unterhalb der Schwelle zum Krieg verschie­ben könnten. Also bestimmte Gebiete besetzen und daran festhalten, bis der Gegner sie aufgab und uns überließ.

Wir haben die Waffenstillstandslinie jedenfalls nur als vorübergehend betrachtet.

Vgl. Tom Segev, 1967, S. 237

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