14. Mai 1948 Gründung Israels: Erobern und plündern

UN Teilungsplan 1947

Im November 1947 beschlossen die Vereinten Nationen den sogenannten UN-Teilungsplan.

Palästina sollte in einen jüdischen und einen arabischen Teil getrennt werden.

Der israelische Staatsgründer und erste Ministerpräsident David Ben-Gurion war mit dem Teilungsplan offiziell einverstanden. Aber nur aus taktischen Gründen, und nicht, weil er die im Teilungsplan gezogenen Grenzen akzeptiert hätte.

Er wollte von den Vereinten Nationen nehmen was er bekam, um später mehr daraus zu machen.

Die oft gehörte Auffassung, die Juden hätten im Gegensatz zu den Arabern den Teilungsbeschluss angenommen, stimmt nur der Form nach. Die Form sagt wenig aus, wenn die Absicht eine ganz andere war.

Zur vorgesehenen Trennung laut Teilungsplan kam es nicht: Die Vereinten Nationen hatten zwar einen Beschluss gefasst; sie hatten aber keinerlei Vorkehrungen getroffen, um den Beschluss umsetzen zu können. Juden und Araber haben daher ihren Streit ums Land mit Waffen ausgekämpft.

Dabei war es keineswegs so, dass ein friedliches, im Werden begriffenes Israel grundlos von seinen arabischen Nachbarn angegriffen wurde.

Das Arabische Hohe Kommittee hatte sich erst sehr spät auf einen Angriff gegen Israel geeinigt, am 20. April 1948, also nur drei Wochen vor der Staatsgründung Israels.

Ein Motiv dafür waren die massenhaften arabischen Flüchtlingsströme aus den Gebieten, die dem künftigen Israel zugespochen waren. Die jüdischen Milizen hatten längst begonnen, die Araber aus „ihren“ künftigen Gebiete zu vertreiben, und zwar Hunderttausende.

In diesen verbleibenden drei Wochen bis zur Staatsgründung Israels waren die Araber nicht in der Lage sich auf einen Krieg vorzubereiten, während die israelischen Vorbereitungen längst auf vollen Touren liefen.

Deshalb konnte Ben-Gurion im Februar 1948 – also drei Monate vor Kriegsbeginn – auf einer Parteisitzung sagen:

Der Krieg wird uns das Land geben.

Die Konzepte „das gehört uns“ und „das gehört nicht uns“  taugen nur für Friedenszeiten.

Im Krieg verlieren sie jede Bedeutung.

Für Zuversicht auf israelischer Seite sorgte auch das Geheimabkommen Ben-Gurions mit dem jordanischen König Abdullah: Jordanien dürfe die Westbank besetzen, aber im Gegenzug nicht das künftige israelische Gebiet angreifen.

König Abdullah von Jordanien
König Abdullah von Jordanien

Daran hat sich Abdullah gehalten. Damit war die effizienteste arabische Truppe von vornherein neutralisiert.**

Nur um Jerusalem wurde heftig gekämpft.

David gegen Goliath ?

Als die militärischen Auseinandersetzungen begangen, hatten die angreifenden arabischen „Armeen“ nicht viel zu bieten. Die aus mehreren Nationalitäten zusammengewürfelte, schlecht ausgebildete und noch schlechter ausgestattete „Arabische Befreiungsarmee“ (Arab Liberation Army, ALA) bestand aus rund 5.000 Mann. Die Syrer stellten eine eigene Brigade mit 1.876 Mann.

Sir Glubb-Pasha, britischer Oberbefehlshaber der jordanischen Armee, wandte sich sorgenvoll an den Generalsekretär der Arabischen Liga, und warnte zurecht vor der beeindruckenden Truppenstärke auf zionistischer Seite: 65.000 Mann.  Der Generalsekretär gab in großer Naivität, aber allen Ernstes zurück:

Ich gehe davon aus, dass alles gut sein wird.

Ich habe dafür gesorgt, dass 700 Mann aus Libyen aufgestellt werden.

Ich habe einen Mann nach Italien geschickt, um 700 Gewehre zu kaufen.

Libanon stellte ein Battailon mit 700 Mann. Diese Einheit war, ebenso wie die ALA, bereits nach den allerersten Gefechten vor allem damit beschäftigt, weitere Begegnungen mit den jüdischen Verbänden aus dem Weg zu gehen.****

Lediglich die ägyptische Armee stellte eine echte Gefahr dar. Die Ägypter waren gut ausgerüstet und verfügten über Panzer und Flugzeuge. Auf Ebene der kämpfenden Truppe fehlte allerdings die Motivation vollkommen.

Israels Kräften gelang daher nicht nur die Abwehr der unkoordinierten, und – mit Ausnahme der Ägypter – überwiegend schlecht ausgebildeten und höchst mangelhaft ausgerüsteten arabischen Angreifer, sondern parallel dazu die massenhafte, gewaltsame Vertreibung des Großteils der palästinensischen Zivilbevölkerung.

Arabische Führer haben nicht zur Flucht aufgerufen

Israel hatte die Welt nach 1948 mit Erfolg glauben lassen, die Araber seien von ihren Führern aufgefordert worden zu fliehen, um den anrückenden arabischen Armeen Platz zu machen. Abgesehen davon, dass die innere Logik dieser Behauptung an sich fragwürdig ist, ist die Aussage nur eine Zwecklüge.

Der israelische Historiker Benny Morris hat längst festgehalten:*****

Anfang Mai [1948, noch vor Beginn der „offiziellen“ Kämpfe] haben die arabischen Nachbarstaaten Palästinas, […] eine öffentliche Kampagne gestartet, um sich gegen den Zustrom von Flüchtlingen aus Palästina zu stemmen, und die bereits Geflohenen zur Rückkehr zu bewegen.

[…]

Arabische Radiosendungen, die von der Haganah [jüdische Untergrundarmee vor der Staatsgründung] aufgenommen wurde, verbreiteten Anordnungen der Arabischen Befreiungsarmee. Alle Araber die ihre Wohnungen verlassen haben, hätten innerhalb von drei Tagen zurück zu kehren.

Vertreibung, Raub und Misshandlungen

Dabei wurde die Bevölkerung nicht nur vertrieben, sondern systematisch ausgeplündert. An den Plünderungen beteiligte sich das Militär ebenso wie die jüdische Zivilbevölkerung.***

Amnon Neumann, ein israelischer Soldat, der nicht nur bei den Kämpfen dabei war, sondern aktiv an einem Massaker beteiligt war, erinnert sich:

Im großen Stil wurde alles gestohlen, was sich aus den leeren Dörfern und arabischen Stadtteilen mitnehmen ließ: Haushaltsgeräte, Möbel, Geschirr, Vieh, Fahrzeuge.

Oft kam es zu Übergriffen auf die Flüchtenden, die ihrer letzten Habe beraubt, oft geschlagen und manchmal gefoltert wurden, wie Ben Gurion in seinem Kriegstagebuch am 1. Mai – also zwei Wochen vor der Staatsgründung angesichts der Ereignisse in Haifa schrieb, wo 70.000 Araber vertrieben wurden:

There was a search for Arabs, they were seized, beaten, and also tortured.

Angesichts der israelischen Überlegenheit im Krieg und den beachtlichen Gebietsgewinnen wurde die Grenzfrage akut.

Für Israel ging es bald um Eroberung

Am 13. Januar 1949, während der Waffenstillstandsverhandlungen mit Ägypten, meinte Ben-Gurion:*

Vor der Gründung des Staates Israel, am Vorabend seiner Entstehung, war unser wichtigstes Interesse die Selbstverteidigung…

Viele glauben dass wir immer noch in diesem Stadium sind.

Aber jetzt geht es um Eroberung, nicht mehr um Selbstverteidigung.

Was die Festlegung der Grenzen betrifft: Sie ist eine offene Frage. […]

Keine Grenze ist absolut […] also sind uns keine wirklichen Grenzen gesetzt.

Das Volk, das sich zuletzt den ungeheuerlichen deutschen Verbrechen von Entrechtung, Enteignung bis hin zum Holocaust ausgesetzt sah, hielt sich nun schadlos an den Arabern.

Wie sagte der Vater von Amnon Neumann, ein einfacher Arbeiter, der mit der zweiten Einwanderungswelle nach Palästina gekommen war, als er von seinem Sohn erfahren musste, was geschah:

Das war nicht , was wir wollten. Vielleicht wollten es die zionistischen Führer.

Das war aber nicht was ich wollte.

— Schlesinger

# Zit. aus Benny Morris, The birth of the Palestinian refugee problem 1947-1949, Cambridge 1987, S. 170 (Übers. Schlesinger)

* Zit. aus Tom Segev, 1949 – Die ersten Israelis, S. 38

** Zu heftigen Kämpfen mit der „Arabischen Legion“ Jordaniens kam es in Jerusalem, nachdem die Israelis unter anderem den arabischen Ortsteil Sheik Jarrah eroberten.

*** Angaben / Zitat aus: Simha Flapan, Journal of Palestine Studies, Vol. 16, No. 4, 1987, S. 14 Weitere Details zu den Plünderungen siehe auch bei Segev: Die ersten Israelis.

**** Zitat und Zahlenangaben zur arabischen Truppenstärke aus: David Gilmour, Dispossessed, London 1980, S. 63 ff.

***** Benny Morris, The Birth of the Palestinian refugee problem 1947-49, Cambridge 1987, S. 68 f. Dort zahlreiche weitere Belegstellen, wonach die arabischen Führer ausdrücklich versucht haben, die palästinensischen Araber zum Bleiben zu bewegen.

Photo aus: A Soldier with the Arabs, Sir John Baggot Glubb, 1957

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