Was ist Antisemitismus, wer ist ein Antisemit?

Ist Günter Grass ein Antisemit?

Dieter Graumann, Henryk Broder, Rolf Hochhuth finden: Bestimmt!

Wie können sich die genannten Herren so sicher sein, dass Grass ein Altnazi ist, wie alle drei nahelegen mit dem Motto: „Einmal SS-Mann, immer SS-Mann„.

Definition Antisemitismus

Antisemitismus ist die Sammelbezeichnung für alle Einstellungen und Verhaltensweisen, die den als Juden geltenden Einzelpersonen oder Gruppen aufgrund dieser Zugehörigkeit negative Eigenschaften unterstellen, um damit eine Abwertung, Benachteiligung, Verfolgung oder Vernichtung ideologisch zu rechtfertigen.

Vereinfachter könnte man auch sagen: Antisemitismus ist Feindschaft gegen Juden als Juden.

On the Jews and Their Lies (old german: Von de...
On the Jews and Their Lies (old german: Von den Jüden und Iren Lügen, today german: Von den Juden und ihren Lügen) by Martin Luther, 1543. Deutsch: Deckel des Werkes Von den Jüden und Iren Lügen (Von den Juden und ihren Lügen) von Martin Luther, 1543 (Photo credit: Wikipedia)

Formen von Antisemitismus

Religiöser Antisemitismus

Er besteht in der pauschalisierenden Ablehnung und Diffamierung der jüdischen Religion mit den damit verbundenen Glaubenssätzen, Zeremonien, Rituale. Träger dieser Diffamierung war vor allem die christliche Kirche (Juden als Mörder Jesus). Diese Form von A. ging in früheren Zeiten oft einher mit Unterstellungen wie Mord an christlichen Kindern o.ä.

Sozialer und politischer Antisemitismus

Beide Formen sind eng miteinander verwandt.
Der soziale A. kommt dadurch zum Ausdruck, dass der vermutete oder tatsächliche soziale Status von Juden in der Gesellschaft als Motiv wirkt, um ihnen ablehnend gegenüber zu stehen.

Der politische A. sieht die Juden als mehr oder weniger einheitliche Gruppe, die sich zu gemeinsamem Handeln zusammenschliesen um ihre gesellschaftliche und politische Macht auszudehnen. Das Ziel ist dieser Anschauung zufolge die Erlangung der Herrschaft im jeweiligen Land oder in der ganzen Welt. Oft werden verschwörerische Aktivitäten vermutet. Demzufolge stehen jüdische Kräfte hinter politischen Umbrüchen wie Kriege, Revolutionen oder Wirtschaftskrisen.

Rassistischer Antisemitismus

Die aus dem Biologismus des 19. Jahrhunderts entsprungene Form sieht die mutmaßlich negativen Eigenschaften von Juden in ihrer Natur begründet. Insofern ist der rassische A. die wohl schärfste Form: Sind negative Eigenschaften in der Natur des Trägers verankert, kann dies nicht verändert werden.

Sekundärer Antisemitismus

Diese Variante existiert nur in Deutschland. Ihr zufolge dient die fortgesetzte öffentliche Beschäftigung mit dem Holocaust nur dazu, Wiedergutmachungszahlungen oder sonstige Leistungen an Israel zu erzielen, Deutschland kleinlaut zu halten oder Israel einen Freibrief für ihre Politik im Nahen Osten auszustellen. Die Erinnerung an den Holocaust wird als „Moral-Keule“ empfunden.

Antizionistischer Antisemitismus

Es ist die historisch jüngste Ausprägung. Die Vorbehalte richten sich gegen die Gründung des Staates Israel (1948) und den Fortbestand des Landes. Dabei geht es nicht um Kritik an Israels Politik, sondern um die Verdammung eines jüdischen Staates selbst. Dessen Aktionen werden dämonisiert.

Stephan Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, meint dazu:

Sachliche Kritik an der Politik der israelischen Regierung ist kein Antisemitismus.

Nur: Was ist sachliche Kritik? Ob Kritik sachlich ist, sieht der Kritisierte naturgemäß anders als der Kritiker. Gerade bei Kritik an der Tagespolitik ist besonders schwer zu erkennen, was genau dahinter steckt. Hier können sich Argumente mit Ressentiments vermischen, wohlmeinendes Unwissen und böswillige Auslegung zu einer Gemengelage werden, in der irgendwo der Antisemitismus anfängt.

Kramer sagt: „Der offene Antisemitismus ist mir fast der liebste. Gegen den kann man sich wenigstens wehren.“

Welche der hier genannten Formen könnten bei Günter Grass und dessen israel-kritischem Gedicht zutreffen?

Meines Erachtens nur einer: Der sekundäre Antisemitismus. Darauf deutet hin, dass Grass meint sein Gedicht konnte nur gegen Widerstand formuliert werden. Man sei hierzulande nicht frei zu sagen was man zu sagen habe. Man würde dafür gemaßregelt, sobald man Kritik an Israel äußere. Daher müsse man sich wider besserer Einsicht zurückhalten.

Antisemitische Haltung oder Einbildung?

Hier muß man einräumen, dass eine Zurückhaltung immer auch eine subjektive Komponente hat. Hält man sich mit einer Stellungnahme oder einer Kritik zurück, weil man Kräfte am Werk sieht, die einen dafür abstrafen, oder weil es diese Kräfte objektiv gibt?

Eine zweite subjektive Komponente liegt in der Sichtweise dessen, der jemanden als antisemitisch einstuft. Sieht er die Handlungen als antisemitisch, weil er er einen Antisemiten vor sich hat oder sieht er ihn so, weil die eigene Vita, die eigene Prägung mit sich bringt, allzu schnell und bei allzu vielen Anlässen Antisemitismus am Werk zu sehen?

Insofern wird es nie eine objektive Antwort auf die Frage geben, ob Günter Grass Antisemit ist.

Dieter Graumanns Kriterienkatalog jedenfalls scheint allzu simplizistisch zu sein. Man sehe bereits an der Bezeichnung des Gedichts, wes Geistes Kind Grass sei. Graumann:

Schon alleine der Titel und der Anfang. „Was gesagt werden muss“. Es ist die Formel, mit der gewohnheitsmäßig Antisemiten von jeher ihre judenfeindlichen Stammtischreden zu beginnen pflegen.

Die Formel „Das muss man ja wohl noch sagen dürfen“ ist weit verbreitet und kommt immer zur Verwendung, wenn sich der Sprecher insgeheim gegängelt fühlt, ob zu Recht oder zu Unrecht. Das kann in der Firma der Fall sein, in Sachen Papst & Kirche oder wo auch immer. Es als Indikator für Antisemitismus zu nehmen ist doch allzu platt.

Richtig ist: Das Gedicht Grass‘ hat mehrere Mängel, ist überspitzt und wenigstens in dem Teil, in dem die „Vernichtung des iranischen Volkes“ durch Israel in den Raum gestellt wird, ziemlich dumm.

In einem nachträglichen Interview mit der Süddeutschen betont er glaubwürdig, dass er nicht Israel kritisiert, sondern Israels Regierung und namentlich Premierminister Netanjahu.

Ist Grass Antisemit? Ich meine nein. Wobei selbstredend einzuräumen ist: Niemand kann in Grass‘ Herz sehen und dessen wahre Motive sehen.

Das plausibelste Motiv scheint die schiere Egozentrik Grass zu sein.

Wer schlimmere Motive sehen muss, muss das wohl so.

— Schlesinger

Quellen und Zitat:
Die oben genannten Definition sind eng angelehnt an Ausführungen in: Bundeszentrale für politische Bildung (Schrift Antisemitismus in Europa)

Photo: Wikimedia CC Lizenz

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4 Comments

  1. etwas fehlt in der aufzählung. philosemitismus.
    welche formen der annehmen kann, ist bei den nachgedanken zu GG nachzulesen.

  2. Philosemitismus ist eine Form von Naivität und wie jede Naivität gefährlich aufgrund der verzerrten Wahrnehmung von Wirklichkeit. Insofern ist er im weitesten Sinn eine Form von Antisemitismus, nur würde ich ihn nicht zu den originären Formen zählen.

  3. Beim Antisemitismus geht es um die Unterstellung von Motiven für das Handeln. Grundsätzlich ist nicht am Tun sondern am jüdisch-sein orientierte Struktur problematisch, das gilt für Antisemiten, Philosemiten und hunnentreu solidarische Juden.

    Wenn ich an ein Handeln des Staates Israel andere Maßstäbe anlege, ist das antisemitisch. Die Kritik von Grass ist daher nicht antisemitisch, sondern nur das Schweigen aus Rücksichtnahme auf Juden. Der Antisemit ist also eher Hochhuth. Gruppenbezogene Feindschaft, davon sind sie nicht frei. Wie kann denn die spät bekannte Mitgliedschaft eines Minderjährigen in der WAFFEN SS sein Lebenswerk diskreditieren? Als es bekannt wurde nur mit dem Vorwurf sich zu leichtfertig über andere verstrickte erhoben zu haben. Nun wird er gruppenbezogen zum SS-Verbrecher gestempelt, was ja mit dem aktuellen gar nichts zu tun hat.

    Es ist diese Kultur der Unterstellung, die so gefährlich ist. Gegen diese Form von Psychoanalyse kann sich niemand wehren und es gibt keinen Freispruch. Ausser man geht der Debatte aus dem Weg. Das ist feige.

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