Israel: Schwere Unruhen am Tag des Bodens (Land Day)

Die palästinensischen Proteste am sogenannten land day forderten bereits einen Toten und zahlreiche Verletzte.

Hintergrund: Im März 1976 ordneten israelische Behörden massive Beschlagnahmungen von arabischem Land an. Der konfiszierte Boden sollte vor allem den jüdischen Nachbargemeinden zur Verfügung gestellt werden.

Das war keineswegs die erste Beschlagnahme. Seit der Gründung Israels in 1948 gehört die Konfiszierung von arabischem Land bis heute zur Staatsräson, um so viel Land wie möglich in jüdischen Besitz zu bringen.

Dafür gibt es eine Vielzahl von Gesetzen, um den Enteignungen einen legalen Anstrich zu geben.

In jenem März 1976 allerdings zeichneten sich erstmals massive Proteste ab.

Um die Proteste im Vorfeld zu unterbinden wurde über die betroffenen Gemeinden eine Ausgangssperre verhängt (ab 29. März). Als Antwort riefen arabische Politiker, darunter der Bürgermeister der Stadt Nazareth, zum Generalstreik und Demonstrationen auf.

Streik und Demonstrationen fanden statt.  Israel setzte 4.000 Mann Polizei ein.

Der 30. März endete mit 6 Toten und über Hundert verletzten arabischen Israelis.

Seitdem begehen die Palästinenser in Israel, Gaza und der Westbank den „Land Day“.

Die diesjährigen Demonstrationen scheinen besonders spannungsgeladen zu sein.

Vor allem am Checkpoint Qualandia finden umfangreiche Proteste statt. Autoreifen wurden angezündet. Die Demonstranten werfen Steine auf die israelischen Grenzpolizei. Die beschiesst die zumeist jüngeren Palästinenser mit Tränengas und ohrenbetäubend lauten Blendgranaten. Wie schon häufig geschehen kommt es dabei zu schwersten Verletzungen:

 

Palestinian directly hit in the face by a tear gas grenade #g... on Twitpic

In Bethlehem wurde  ein Protestzug von palästinensischen Sicherheitskräften unterbunden. In Gaza prügelte Polizei der Hamas auf Protestanten ein, die versuchten zu den Grenzposten der Israelis zu gelangen.

Israels Verteidigungsminister Ehud Barak hat über alle Grenzübergänge von der Westbank eine 24-stündige Sperre verhängt. Damit kann kein Palästinenser nach Israel, selbst wenn er eine gültige Arbeitserlaubnis hat oder zu einer dringenden ärztlichen Behandlung muss.

Wie konnte es nur soweit kommen?

Israelische Landnahme als Staatsräson, als work-in-progress

Liegt nicht alles an den gewaltbereiten Palästinensern?

Ein Blick zurück, vor die Zeit der Gründung Israels, und vor die Zeit des Nationalsozialismus, in der es gewissenmaßen „nur“ um Juden und Araber ging.

Nach den Unruhen von 1929, als Araber im damals britischen Mandatsgebiet Palästina gegen die zunehmende jüdische Einwanderung gewaltsam protestierten und dabei unter anderem das fürchterliche Massaker von Hebron durchführten, setzten die Engländer eine Untersuchungskommission ein. Es wurde bekannt, dass die Kommission einen Hauptgrund der Unruhen in der massiven jüdischen Immigration sah. Diesem Eindruck wollte man von zionistischer Seite entgegenwirken.  Unter anderem schrieb das Zentralbüro der jüdischen Arbeitervereinigung an die Kommission, die jüdische Immigration würde sich niemals gegen die Araber richten:

Die jüdische Arbeiterbewegung sieht die arabische Bevölkerung als einen wesentlichen Bestandteil dieses Landes [Palästina].

Es ist nicht daran gedacht, dass jüdische Siedler diese Bevölkerung verdrängt, oder sich auf deren Kosten niederlässt.

Das wäre nicht nur von einem politischen und ökonomischen Standpunkt aus undenkbar, sondern würde auch der moralischen Grundlage widersprechen, die der zionistischen Bewegung zugrunde liegt.

Jüdische Einwanderer die in dieses Land kommen bestreiten ihren Lebensunterhalt durch ihre eigene Arbeit und betrachten den arabischen Arbeiter als ihren Genossen und Mitarbeiter, dessen Bedürfnisse ihre eigenen Bedürfnisse sind und dessen Zukunft ihre eigene Zukunft ist.*

Zurecht bezeichnete der britische Berichterstatter Sir John Hope Simpson diese Stellungnahme als Süßholzraspelei.

Simpson wußte aus eigener Anschauung und aus ihm vorliegenden Dokumenten nur zu gut, wie es um die Fürsorge der zionistischen Immigranten gegenüber der ansässigen arabischen Bevölkerung aussah. So kannte er auch die Stellungnahme eines zionistischen Landagenten namens Hankin, der wenig zuvor über eines seiner Projekte mitteilte, man müsse sich nun beeilen Araber von weiteren 100.000 Dunam** Land weg zu bringen, indem man es rechtzeitig kaufe, später würde es teurer.*

Es wird seitens der Verteidiger israelischer Expansion seit 1948 viel unternommen, die „Schuld“  dafür  den Arabern zuzuschieben (Israel scheint geradezu dazu gezwungen zu werden, sich immer weiter auszudehnen).

Diese Verteidiger haben Glück, dass so wenige Politiker oder auch nur interessierte Leser die geistigen Väter des Zionismus kennen. Leute wie Jabotinsky, Lichtheim, Ben Gurion und zahllose andere haben nie einen Hehl aus ihren Zielen und Methoden gemacht.

Richard Lichtheim, einflussreicher Weggefährte Wladimir Jabotinskys, welcher neben Ben Gurion lange Zeit der vielleicht prominentester Politiker in der Gründerzeit Israels war, schrieb 1931 in bester chauvinistischer Manier:***

Wir sind imstande, die Umwandlung Palästinas zu beiden Seiten des Jordan [sic!] in ein von mehreren Millionen Juden und vielleicht einer Million Arabern bewohntes modernes Kulturland zu vollziehen. Die Araber vermögen das nicht. Wenn die Gerechtigkeit darin besteht, diese Umwandlung Palästinas in ein jüdisches Gemeinwesen zu verhindern, weil hunderttausend arabische Fellachenfamilien nicht damit einverstanden sind […], so können wir uns mit solcher Auffassung von Gerechtigkeit nicht abfinden.

Dieser sogenannte Revisionismus ist letztlich bis heute die Leitidee israelischer Politik. Nicht nur Premierminister Netanjahu ist erklärter Anhänger Jabotinskys. Daher auch die fortgesetzte Siedlungspolitik in der Westbank.

Und heute, am Land Day, werfen diese renitenten „Fellachen“ auch noch Steine gegen die Ordnungsmacht jenes friedfertigen Staates, der doch nichts anderes möchte als die gerechte Umwandlung Palästinas in ein jüdisches Kultur-Gemeinwesen. Diesseits und jenseits des Jordans.

— Schlesinger

Nachtrag:

Die Bestrebungen nach einem Groß-Israel, oder dem „wahren Israel“ (dem der Bibel) sind unverändert akut. Man schreit es der übrigen Welt nur nicht ins Gesicht. Man kann es aber überall im Kleinen beobachten. Zum Beispiel anlässlich einer militärischen Zeremonie zum Abschluß der Grundausbildung. Haaretz berichtet davon:

At a ceremony marking the end of basic training that recently took place somewhere in Israel, the keynote speaker quoted Biblical verses. The verses he chose did not come from the prophets‘ visions of peace and morality. Nor did he speak about our right to the land in the narrow sense of the term.

Instead, he cited maximalist verses from the Book of Joshua:

„Every place that the sole of your foot shall tread upon, to you have I given it, as I spoke unto Moses … From the wilderness, and this Lebanon, even unto the great river, the river Euphrates.“

Suddenly, when they speak about one state from the sea to the river, it is no longer clear which river they are talking about.

Obama, Merkel & Co. scheinen noch immer zu glauben Israel ist an einer gerechten Lösung der Gebietsfrage bereit.

Photo: Jenny Baboun (Twitter)

* Zitiert bzw. entnommen aus: Palestine. Report on Immigration, Land Settlement and Development. By Sir John Hope Simpson. Oktober 1930

Original:

The Jewish Labour Movement considers the Arab population as an integral element in this country.

It is not to be thought of that Jewish settlers should displace this population, nor establish themselves at its expense.

This would not only be impossible both from the political and economic standpoint, but it would run counter to the moral conception lying at the root of the Zionist movement. Jewish immigrants who come to this country to live by their own labour regard the Arab working man as their compatriot and fellow worker, whose needs are their needs and whose future is their future.

** 1 Dunam grob 1 Ar, demnach 100.000 Dunam grob 10.000 Hektar

*** Zitiert aus Zionismus, Hg. Hans Julius Schoeps, München 1973, S. 262. In diesem Quellenband finden sich zahlreiche weitere Belegstellen, die oft noch drastischer ausfallen als die Anmerkungen Lichtheims.

Hervorhebungen in den Zitaten durch mich.

Leseempfehlung: Jörg Lau (ZEIT) Vergesst die Zweistaatenlösung

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2 Comments

  1. Ask Rabbi Sam White what he thinks of the global political row over plans to expand the community in which he lives, prays and studies, and he answers bluntly: „I don’t see the problem. God gave us the land of Israel.“ The notion that the location of Ramat Shlomo, on land occupied after the 1967 Six Day War and officially expropriated six years later, might belong to another people is wholly alien to the 32- year-old Salford-born rabbi. „There’s no question. It’s in the Torah, which says that God gave the land to the Jewish people.“

  2. noch eins zum Thema „Dies ist das uns von Gott gegebene Land“:
    asked if she would divide „Greater Israel“ to make peace, Mrs Rabinovich, 23, says: „I don’t think this will bring peace and I don’t think we have a partner.“ And if there was a „partner“ would she relent? „No,“ she admits. „This is our land, our country. God gave it to us. There is no reason why they should take something that belongs to us.“ And what does she think about Mr Obama pressing Israel to abandon its plan for an extra 1,600 houses here? „I don’t think he likes Israel. I don’t think he likes Jews. I think“ – she pauses here – „he is anti-Semitic.“

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