Gaza: Israels Sieg gegen Terroristen steht bevor

Israel hat gegen Gaza die schwersten Luftangriffe seit Monaten geflogen. Das Ziel war Zuhir al-Qaisi, ein Führer des militanten Volkswiderstands-Kommitees.

Verheerender Anschlag des jüdischen Untergrundes auf das König David Hotel (Jerusalem, 1946)
Verheerender Anschlag des jüdischen Untergrundes auf das König David Hotel (Jerusalem, 1946)**

Israel sieht ihn als Drahtzieher des blutigen Anschlags vom August vergangenen Jahres, als im Süden des Landes ein Überlandbus unter Beschuss geriet und acht Personen starben. Al-Qaisi wurde nun getötet.

Als im Gegenzug einige Raketen aus Gaza abgefeuert wurden, hat die israelische Luftwaffe ihre Angriffe massiv verstärkt. Das wiederum hat die Gegenseite zu weiteren Aktionen verleitet.

Israels Test für das Raketenabwehrsystem „Iron Dome“

Seit Freitag wurden annähernd hundert Raketen und Mörsergeschosse aus Gaza abgefeuert. Mehrere israelische Zivilisten wurden zum Teil schwer verletzt.

Für Israels Militär war der Beschuss eine gute Gelegenheit die Leistungsfähigkeit von Iron Dome („Eiserne Kuppel“) zu testen. Das System wird nur aktiv, wenn feindliche Projektile die Bevölkerung oder wichtige Einrichtungen treffen könnten.

Von 32 Raketen wurden 28 abgefangen.  Die israelische Armee und mehr noch die Regierung dürfte mit dem Ergebnis zufrieden sein. Diese Erfahrung wird einfliessen in die Kosten-Nutzen-Rechnung für den Fall eines Schlagabtauschs mit dem Iran.

Israels Sieg gegen den Terrorismus in greifbarer Nähe

Nach den harten Luftschlägen Israels gegen Gaza stellt Premierminister Netanjahu fest: Wir haben den „Terroristengruppen in Gaza einen schweren Schlag versetzt„.

Tatsächlich?

Man erinnert sich an die amerikanische Propaganda während des Vietnamkriegs.

Obwohl der Schlamassel immer größer wurde, sagte US Oberbefehlshaber General Westmoreland, dass der Sieg unmittelbar bevor steht. Dass man Licht am Ende des Tunnels sieht. Dass der Sieg schon hinter der nächsten Ecke wartet.*

Das war nicht so.

English: Moshe Dayan with Major J. Thomas Pear...
Image via Wikipedia

Das Problem erkannte auch der israelische Kriegsheld Moshe Dayan. Dayan war 1966 als Berichterstatter für die Zeitung Maariv in Vietnam. Was er sah und hörte ließ ihn an einem Sieg der Amerikaner zweifeln.

Bemerkenswert ist das Fazit, das Dayan aus seiner Reise nach Vietnam gezogen hat. In einem Interview mit dem Publizisten Martin van Creveld wundert sich Dayan über das offenkundige Missverhältnis zwischen amerikanischer und vietnamesischer Militärmacht. Van Creveld meinte, man könne das vergleichen mit einem Erwachsenen, der einen Fünfjährigen schlägt. Das würde zurecht als kriminelle Handlung angesehen, selbst wenn das Kind zur Gegenwehr ein Messer benutzt. Wer so etwas beobachtet, würde den Stärkeren nicht mehr unterstützen wollen.

[Dayan:] Any comparison between the two armies was astonishing.

On the one hand there was the American army, complete with helicopters, an air force, armor, electronic communications, artillery, and mind-boggling riches [~ eine bemerkenswert gute Ausrüstung];

to say nothing of ammunition, fuel, spare parts [Ersatzteile], and equipment of all kinds.

On the other there were the [North Vietnamese troops], who had been walking on foot for four months, carrying some artillery rounds [~Munitionskisten] on their backs and using a tin spoon [Blechlöffel] to eat a little ground rice [geschroteten Reis] from a tin plate.

[Creveld:] That, of course, was precisely the problem. In private life, an adult who keeps beating down a five-year-old—even one who had originally attacked him with a knife—will be accused of committing a crime; he will lose the support of bystanders and end up being arrested, tried, and convicted.

On the world stage, an armed force that keeps beating down a weaker opponent will be seen as committing a series of crimes; therefore it will end up losing the support of its allies, its own people, and its own troops.

…this outcome [of lost support] may come about more or less quickly.

Dayan fasste es zusammen als den „Schandfleck der Eroberung“ (the blemish of conquest).

Mindestens eine Gemeinsamkeit hat der Vietnamkrieg mit dem Widerstand der Palästinenser gegen die israelische Besatzung: Es ist der Kampf einer schwachen Nation gegen eine viel stärkere Nation, die dem Schwächeren vorschreibt, wie er leben darf.

Das Ergebnis ist in beiden Fällen ähnlich: Der Schwache mobilisiert alle verfügbaren Kräfte, um sich zu wehren. Den Preis, den er für seinen Widerstand entrichtet, ist hoch. Der Schwache sitzt nicht in entfernten Kommandozentralen und drückt auf einen anonymen Knopf oder lenkt mit dem Joystick eine Rakete, sondern muss meist sein eigenes Leben aufs Spiel setzen. Dazu versucht der Starke, den Schwachen in der Würde herab zu setzen, indem er ihn als Terroristen bezeichnet. Denn auch im unmoralischen Handeln will der Starke als moralisch überlegen erscheinen.

Das macht Israels Gegner Hamas nicht zum moralischen Sieger. Schlimmer: Durch die fortgesetzten Vernichtungsparolen der Hamas werden alle Palästinenser Gazas (und der Westbank) in Sippenhaft genommen. Das nimmt Israel gerne in Kauf.

Daraus, und nur daraus konnte Israel bislang einen bescheidenen Propagandasieg erzielen.

Israels Sieg gegen „die Terroristen“, also gegen alle Palästinenser, die sich gegen die Besatzung wehren, ist in weiter Ferne.

Für eine Lösung fehlt Netanjahu der Weitblick. Wie seinerzeit Menachem Begin konzentriert er sich voll und ganz auf den Rückblick.

Die Vergangenheit des Holocaust und der Tod seines Bruders Yoni, der von Palästinensern getötet wurde, dienen Netanjahu als alleiniger Maßstab für das Handeln von heute.

Ein Tunnelblick in die Vergangenheit war noch nie ein guter Ratgeber für die Zukunft.

— Schlesinger

Photo König David Hotel: T.A.B.

Photo Moshe Dayan in Vietnam: Tom Pearlman, Jr. (Wikimedia CC Lizenz)

* Zitat General Westmoreland: „victory’s just around the corner„, „We see the light at the end of the tunnel

** Der Anschlag der militanten Irgun richtete sich gegen die britische Mandatsmacht, der nach dem Ersten Weltkrieg vom Völkerbund das Mandat über Palästina übertragen wurde. Großbritannien war damit rechtmäßige Besatzungsmacht. Militante Zionisten sahen das anders. Sie unternahmen alles, um die Mandatsmacht aus dem Land zu vertreiben. Beim Anschlag kamen 91 Menschen ums Leben, 46 wurden verletzt.

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