Netanjahu droht Israel

Endlich wagt eine große Zeitung einen längst bekannten Sachverhalt offen auszusprechen.

Die Süddeutsche meldet heute:

Netanjahu droht Iran
Netanjahu droht Iran

Dass Israels Premierminister Netanjahu eine Bedrohung für sein Land darstellt ist nichts Neues.

Immerhin war es der damalige Oppositionsführer „Bibi“ Netanjahu, der den radikalen Widerstand gegen Ministerpräsident Yitzhak Rabin anführte, welcher die Vereinbarungen von Oslo unterzeichnete.

Nach der Ermordung Rabins verweigerte seine Witwe Leah dem kondolierenden Netanjahu den Handschlag. Auch später hat sie ihm nicht verziehen, wie er in größt möglicher Radikalität gegen ihren Mann aufgewiegelt hat.

Als Netanjahu in der Nachfolge von Schimon Peres zum Ministerpräsidenten gewählt wurde, begann er umgehend den Friedensprozess einzufrieren. Das war für niemanden eine Überraschung, denn schließlich hat es Netanjahu in seinem Buch „A place among the nations“ im Detail dargelegt, dass Frieden mit den Arabern unmöglich sei und Israel sich ausschließlich auf das Schwert verlassen könne.

Netanjahu kann nur „Sicherheitspolitik“

Armer Bibi. Er kommt aus seinem geistigen Gefängnis nicht heraus. Er ist der Sohn von Benzion Netanjahu, der glühender Anhänger und Sekretär von Vladimir Jabotinsky war – dem Begründer des sogenannten revisionistischen Zionismus mit der Idee eines Großisrael und der Forderung nach militärischer Dominanz über die Araber.* Netanjau junior hat beider politisch-ideologische Ansichten in zum Teil radikalerer Form übernommen. Dabei sieht sich Bibi einer homogen feindseligen arabischen Umgebung gegenüber, kennt nur Schwarz und Weiß, nicht unähnlich dem manichäischen Weltbild des George W. Bush.

Aus taktischen Gründen gibt er sich bisweilen den Anstrich Frieden zu suchen. Den Frieden aber, den sich Netanjahu vorstellt kann es und wird es nicht geben. Es ist ein Friede, der die völlige Unterwerfung des anderen voraussetzt.

Was für eine absurde Idee im 21. Jahrhundert und in Zeiten des arabischen Frühlings.

Den reellen Forderungen seiner eigenen Bürger, wie sie von der Bewegung J14 im vergangenen Jahr landesweit und unüberhörbar zum Ausdruck gebracht wurden, kann und will er sich nicht stellen. Er kann und will nur „Sicherheitspolitik“. Davon ist er besessen.

Netanjahu ist ein übrig gebliebener Kalter Krieger.

Er ist für Israel kein „Gottesgeschenk“, obwohl das die Bedeutung seines Namens ist. Er ist eine Bedrohung.

— Schlesinger

* Vgl. den Artikel „The Iron Wall“ von Vladimir Jabotinsky

Bild: Auszugsweise Kopie des SZ-Artikels v. 25.01.2012

Nachtrag:

In einem aktuellen Beitrag der israelischen Tageszeitung Haaretz rügt Carlo Strenger Netanjahus ständigen Gebrauch des Holocaust zu niederen politischen Zwecken. Zuletzt verband Netanjahu die vermeintliche oder echte Bedrohung durch das Atomprogramm des Iran mehrfach mit einem drohenden Holocaust.

Netanyahu’s use of the Holocaust is morally problematic.

By bringing it up, time and again, he implies that he is the savior that protects the Jewish people from extinction, whereas his political opponents are not sufficiently alert to the Jewish people’s survival. He also makes it sound as if only his policy can protect Israel. Lately not only his political opponents like Tzipi Livni have criticized this tactic. Even Likud MK and Speaker of the Knesset Reuven Rivlin has taken Netanyahu to task for overusing the Holocaust.

Netanyahu’s strategy is also politically unwise.

In off-the-record conversations, European and American politicians and diplomats often express annoyance at Netanyahu’s constant attempts to manipulate the world by engendering feelings of guilt. European politicians are well aware of the Holocaust and some of their countries’ highly problematic behavior in WWII; they do not need to be reminded of it. Netanyahu’s manipulations do nothing to engender loyalty to Israel. If anything, they drive away friends.

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4 Comments

  1. wundere dich nicht über blöde fragen!
    hier
    http://www.freitag.de/community/blogs/rahab/die-kneipenwirtin-und-jabotinskys-wilde-jagd-auf-antisemiten
    wollte die FC ja auch nicht darüber reden, was die aktuelle israelische politik (und die bedingungslose unterstützung derselben) mit Jabotinsky zu tun hat.
    seitdem denk ich mir manchmal: zuviel kenntnis in zionismusgeschichte ist von übel. freunde jedenfalls macht mann sich damit eher selten.

    mir fällt zu ‚er kann nur sicherheitspolitik‘ noch eine diskussion anfang der 80-ger in Jerusalem mit einem jura-doktoranden ein. thema seiner diss: sicherheit (bitachon) als oberster verfassungswert (oder so ähnlich). mein hinweis, dass er damit den übergesetzlichen notstand in verfassungsrang erhebt, fruchtete nichts. im gegenteil.

    interessanter hingegen ist diese konferenz bei heinrich böll:
    programm
    http://event.boell-net.de/OrgClient/Downloads/10865.pdf

    und hier
    http://www.boell.de/calendar/VA-viewevt-de.aspx?evtid=10865&crtpage=2
    kommt mann auch zum anmeldeformular

    wir sind mindestens schon drei, die da hinwollen.

  2. @Rahab: Jenseits der Standardansichten finden sich wenige die sich die Mühe machen auch mal so etwas wie ein echtes Buch oder zwei, drei Dutzend davon zu lesen… Ist schließlich viel einfacher immer dieselben Stereotypen in zigfacher Variation wiederzukäuen. Dank für die nützlichen Links!

  3. Oh ja Bibi hat das sehr schön vermasselt. Das sagt auch Bill Clinton in einem Unterredung mit bloggern:
    Who’s to blame for the continued failure of the Middle East peace process? Former President Bill Clinton said today that it is Israeli Prime Minister Benjamin Netanyahu — whose government moved the goalposts upon taking power, and whose rise represents a key reason there has been no Israeli-Palestinian peace deal.

    Clinton, in a roundtable with bloggers today on the sidelines of the Clinton Global Initiative in New York, gave an extensive recounting of the deterioration in the Middle East peace process since he pressed both parties to agree to a final settlement at Camp David in 2000. He said there are two main reasons for the lack of a comprehensive peace today: the reluctance of the Netanyahu administration to accept the terms of the Camp David deal and a demographic shift in Israel that is making the Israeli public less amenable to peace. „

  4. Die großen Massendemos für Frieden gibt es seit längerem nicht mehr. Und leider auch nicht grade viele Stimmen die Netanjahus Politik kritisieren. Im Januar gabs mal ne kleine Demo in Jerusalem, war aber mehr eine Kunstaktion

    Parlamentsabgeordnete Zehava Galon ist eine von drei Parlamentariern, die beim Flashmob mitmachen. http://bit.ly/yHdFtR

    „Wir brauchen einen Palästinenserstaat neben Israel. Aber die aktuellen Verhandlungen werden zu nichts führen. Unser Premierminister (Netanyahu) interessiert sich nicht für eine Lösung. Er redet groß, macht aber am Boden durch den Siedlungsbau die Aussicht auf eine Zweistaatenlösung kaputt“

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