Information als soziale Sättigungsbeilage

Auch ein Beitrag zum Untergang der Costa Concordia.

Wir leben in einer Informationsgesellschaft„.

Dieser Satz ist schrecklich wahr.

Er ist wahr, wenn man die Definition von Wikipedia zugrunde legt:

Information ist eine zeitliche Abfolge von Signalen, deren Sinn und Bedeutung der Empfänger, nach seinen Möglichkeiten und Fähigkeiten, interpretiert.

Einfacher gesagt:

Irgendjemand wird irgendetwas irgendwie mitgeteilt und er /sie nimmt es so oder so auf oder gar nicht.

Während der Eingangssatz „Wir leben in einer Informationsgesellschaft“ noch etwas unbegründet Positives an sich hat, irritiert die Wikipedia-Definition und die daran anschliessende Umformulierung, nicht wahr? Stimmt.

Die Irritation rührt von der Beliebigkeit, dem Ungefähren und vor allem: Dem Wertfreien, das die Definition mit sich bringt.

Und doch wird damit der Zustand unserer sogenannten Informationsgesellschaft genauer beschrieben, als man es vielleicht gerne hätte.

Der Untergang der Informationsgesellschaft
Der Untergang der Informationsgesellschaft

Diese Wirklichkeit erinnert ein wenig an die Verhältnisse in den Kantinen großer Firmen. In  Großkantinen wird routiniert das mittelmäßige Essen bereitet, von dem die Köche wissen, dass es gerne gegessen wird: Mittwochs Backhühnchen mit Pommes. Freitags panierter Seelachs mit Remouladensoße und Kartoffelsalat. Billige Zutaten für einfache Kost, die den Magen füllt. Möge keiner fragen, wie es um die Produktionsbedingungen des billigen Huhns oder den Auswirkungen der Remoulade auf Ihren Cholesterinspiegel bestellt ist.

Die Verbraucher stopfen es ganz nach dem Motto unserer Großeltern in sich hinein: „Gegessen wird was auf den Tisch kommt!“ Wer kennt nicht die Kollegen, die auch das fettigste Essen oder die pampigsten Nudeln bis zur letzten Gabel brav aufessen? Weil sie erstens dafür bezahlt haben und zweitens daran gewöhnt sind „nichts verkommen“ zu lassen.

Das alles hat eine große Ähnlichkeit mit der Art Informationen zu nutzen, die uns die Medien bereitstellen.

Man muss nicht unbedingt die notorische BILD heranziehen. Die ganze Nation diskutiert derzeit den Untergang des Kreuzfahrtschiffes Costa Concordia. Das Thema rangiert auch bei seriösen Blättern wie der Süddeutschen ganz oben. In teils ganzseitigen Beiträgen wird über jedes denkbare Detail berichtet. Und das Publikum nimmts gerne an.

Information als soziale Sättigungsbeilage, als Zumutung

Gewiß: Solche Themen bieten Stoff für einfache Unterhaltung, für Kommunikation um der Kommunikation willen. Die soziale Komponente von Unterhaltung, auch wenn sie sich um Banales oder Triviales dreht, ist nicht zu unterschätzen. Soziale Sättigungsbeilage. Daran gibt es nichts auszusetzen.

Nur stellt sich die Frage: Wo anfangen, wo aufhören, wann aufhören mit Information, die nicht mehr liefert als Triviales? Warum sich mit einem gekenterten Mittelmeerdampfer beschäftigen? Jeden Tag gibt es Hunderte Unfälle jeglicher Art. Welcher Vorfall lohnt die Beschäftigung? Lohnen dergleiche Vorfälle überhaupt der Beschäftigung? Oder nimmt man sich solcher Themen an, weil man schlicht daran gewöhnt ist, alles an sich heran zu lassen?

Mit Blick auf die die schiere Menge an Information muss klar sein: Wir haben es nicht mit einem Informationsangebot zu tun, sondern mit einer Informations-Zumutung.

„Dort draussen“ drängen Milliarden von Informationen an einen heran. Bleibt es dem Zufall überlassen, was man aufnimmt und was nicht? Insgesamt betrachtet wird man sagen müssen: Ja.

Besonders augenscheinlich wird das in den Haltestellen der U-Bahnen unserer großen Städte . Dort sieht man allzu oft diese überdimensionalen „Info“-Bildschirme, auf denen im Sekundentakt zwischen Werbung, Wetter, Zitat des Tages, TV-Tipps und Promibefindlichkeiten gewechselt wird.

Die  wartenden Fahrgäste scharen sich um diese Bildschirme, scheinen wie magnetisch von ihnen angezogen zu sein, und konsumieren besinnungslos, was auf sie einflimmert. Wären diese Bilder etwas Alkoholisches könnte man sagen: Saufen bis die U-Bahn kommt. Wenn Sie es noch schroffer möchten: Die Leute sammeln sich wie Exkrementfliegen um einen unappetlichen Haufen Infotainment.

Dieses Beispiel ist insofern bemerkenswert, als man sagen kann, dass geschätzte 80 Prozent der Wartenden auf diese Infotafeln schauen. Quer durch alle Altergruppen, Geschlecht, äußeres Erscheinen. Daraus darf man schliessen: Es ist „uns“ in Fleisch und Blut übergegangen, alles was im Gewand der Information an uns herankommt zuzulassen. Das beantwortet freilich nicht die Frage ob das gesellschaftlich wünschenswert ist.

Eins sollte klar sein. Unser aller Tag hat nur 24 Stunden. Bei allen, die einer normalen Arbeit nachgehen, Anfahrtzeit zum Büro brauchen, noch einkaufen, essen, abwaschen und die Kinder versorgen bleibt nur wenig Zeit übrig, die frei verfügbar ist.

Alleine dieser Umstand müsste dazu drängen, eine sorgfältige Trennung vozunehmen zwischen Wichtigem und Unwichtigem.

Die große Ablenkung

Die vielen Einzelnen, die es für sich ganz in Ordnung finden, sich zerstreuen zu lassen – schliesslich hat man schon tagein tagaus seine liebe Not in der Arbeit, der Familie, dem Haus etc.pp. – sehen nicht, wie sich diese einzelne Zerstreuung zwangsläufig summiert zu einer Art kollektiver Ablenkung der ganzen Gesellschaft.

Gestern erzählte eine Bekannte, die im sozialen Bereich tätig ist, ausführlich über mangelhafte Zustände in der Pflege und besonders in der Versorgung von demenzkranken Alten.

Da war vieles dabei, von dem man ganz klar sagen muss: Es müsste, es dürfte nicht sein.

Mit einiger Berechtigung kann man behaupten: Es liegt an der mangelnden Konzentration der gesellschaftlichen Kräfte auf das Wesentliche. Hier kommt die kollektive Ablenkung zum Tragen. Wenn sich Millionen Bürger je zwanzig Minuten wahlweise besorgt oder entrüstet zeigen über die bizarren Aktionen des Kapitäns der Costa Concordia wurden 20 Millionen Minuten bürgerlicher Zeit dieses Tages verbraucht.

Zeit ist inkommensurabel, nicht ersetzbar. Statt Bürger zu sein verbrauchen die Menschen ihre Zeit damit, unnütze Informationen zu verbrauchen.

Eine unendliche Verschwendung. Wie kann es wundern, dass weit und breit keine „Lobby“ mündiger Bürger zustande kommt, die en masse so massiv auf die Politik einwirkt, dass die Pflegemisstände beseitigt werden? Dasselbe gilt für beliebig viele andere höchst wichtige Themen.

Unumstößlich ist: Zeit ist unteilbar.

Wenn sich die Masse der Deutschen um die Costa Concordia kümmert, des weiteren ihre Superstars und Eurovisions-Sternchen und Millionäre und Dschungelfreaks sucht und findet, bleibt wenig, sich um andere Themen zu kümmern. Um das Thema Demenz zum Beispiel. Man stelle sich vor dieselbe Energie die für das Gerede um das untergegangene Schiff vergeudet wurde würde verwendet, indem zwanzig Millionen geharnischte Mails, zornige Anrufe oder einfach nur sachlich-mahnende Briefe an die Abgeordneten gingen mit der Aufforderung, der Altenpflege die politische Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, die ein „christliches Land“ diesem Thema schuldet.

Diese Verschwendung, diese monströse Mißachtung des wirklich Wichtigen, diese fahrlässige Ablenkung hat notwendig Folgen im Guten wie im Schlechten.

Im Guten dadurch, dass sich immer Menschen finden die versuchen zu retten was zu retten ist und sich zum Beispiel als Pfleger und Schwestern verausgaben. Dass diese „Ausputzer“ – die Gesellschaft macht sie dazu, auch wenn sie es nicht zugeben will – chronisch unterbezahlt und hoffnungslos überbeschäftigt sind, wird mit Bedauern hingenommen.

Im Schlechten dadurch, dass in solchen gesellschaftlich unbeobachteten Ecken fragwürdige Akteure auf den Plan treten. Nicht wenige Geschäftemacher nutzen die Pflege längst als lukratives Geschäft. Daneben gibt es mit der Pharmaindustrie, den Ärzten und Kliniken weitere einflussreiche Gruppen die kein Interesse daran haben, dass alle Aspekte zur Thematik Altenpflege transparent sind.

Wir unglücklichen Eloi

Man kann bei dieser „großen Ablenkung“ an den Film- und Buchklassiker „Die Zeitmaschine“ von H.G. Wells denken, in dem ein britischer Wissenschaftler des 18.Jahrhunderts eine Zeitmaschine erfindet, um in die Zukunft zu reisen. Er kommt beim Volk der Eloi an. Das scheint höchst glücklich und vertreibt sich die Zeit bei allerlei Spielen, aber hat vergessen auf was es wirklich ankommt. Die Bücher der Eloi, in denen die wichtigen Informationen standen, sind längst zu Staub zerfallen. In bestimmten Abständen ruft sie eine Sirene der unterirdisch lebenden Finsterlinge der Morlocks auf, sich einzufinden. Lammfromm begeben sich die Eloi zur Sammelstelle, wo eine bestimmte Menge von ihnen geopfert wird. Den Schrecken vergessen sie sogleich und fahren fort mit ihren Zeitvertreiben.

Vom Glückszustand der Eloi sind wir weit entfernt. Unsere Opfergaben an Staat, Banken und Pharmakonzerne aber liefern wir lammfromm ab. Und kehren zurück an die Stätten unserer Zerstreuung.

— Schlesinger

Bild: Photomontage T.A.B.

 

1 Comment

  1. Will eigentlich zustimmen. Bin aber trotzdem skeptisch. Auch wenn man diese „Konzentration“ wie Sie schreiben hinbekommen würde, ist der Erfolg noch lange nicht sicher. Das hat der französische Psychologe Gustave Le Bon in seiner Psychologie der Massen treffend beschrieben:
    „Ein Volk hat also keineswegs die Macht, seine Einrichtungen wirklich zu verändern. Gewiß kann es um den Preis gewaltsamer Revolutionen ihre Namen ändern, aber der Kern bleibt derselbe. Die Namen sind nur leere Etiketten, die ein Historiker, der sich mit dem wahren Wert der Dinge befaßt, nicht in Rechnung zu ziehen braucht. So ist England *) das demokratischste Land der Welt, obwohl es eine monarchistische Regierung hat, während in den spanisch-amerikanischen Republiken trotz ihrer demokratischen Verfassung die härteste Despotie herrscht. Nicht die Regierung, sondern der Charakter der Völker bestimmt ihre Schicksale. Diese Wahrheit habe ich in einer früheren Arbeit mit Hilfe bestimmter Beispiele zu begründen versucht.

    Es ist also ein kindisches Unterfangen, eine zwecklose rhetorische Übung, die Zeit mit der Anfertigung von Verfassungen zu vergeuden. Die Notwendigkeit und die Zeit übernehmen ihre Ausarbeitung, wenn man sie nur walten läßt. Der große Historiker Macaulay zeigt in einem Satz, der von den Politikern aller lateinischen Länder auswendig gelernt werden müßte, dass die Angelsachsen es so machten. Nachdem er die scheinbaren Wohltaten der Gesetze, vom Standpunkt der reinen Vernunft ein Chaos von Unsinnigkeiten und Widersprüchen, angeführt hat, vergleicht er die Dutzende von Verfassungen, die in den Erschütterungen der lateinischen Völker Europas und Amerikas untergegangen sind, mit der Verfassung Englands und zeigt, dass diese sich nur äußerst langsam, stückweise, unter dem Einfluß unmittelbarer Notwendigkeit veränderte, aber niemals durch berechnete Vernunftgründe. „Sich nie um die Anordnung, wohl aber um die Nützlichkeit kümmern, nie eine Ausnahme beseitigen, nur weil es eine Ausnahme ist, nie eine Neuerung einführen, es sei denn, es mache sich eine Unzuträglichkeit fühlbar, und auch dann nur gerade so viel erneuern, dass diese Unzuträglichkeit abgestellt wird, nie einen Antrag stellen, der über den Einzelfall, den man behandelt, hinausgeht: Das sind die Regeln, die seit den Zeiten Johannes bis zum Zeitalter Viktorias unsere 250 Parlamente allgemein geleitet haben.“

    Man müßte die Gesetze und Einrichtungen eines jeden Volkes eins nach dem andern vornehmen, um zu zeigen, in welchem Maße sie der Ausdruck der Bedürfnisse ihrer Rasse und deshalb nicht gewaltsam umzuwandeln sind. Man kann sich mit den Vorteilen und Übelständen der Zentralisation philosophisch auseinandersetzen, wenn wir aber sehen, wie ein Volk, das aus verschiedenen Rassen besteht, tausendjährige Anstrengungen macht, um Schritt für Schritt diese Zentralisation zu erreichen, wenn wir feststellen, dass eine große Revolution, deren Ziel die Zertrümmerung aller Einrichtungen der Vergangenheit war, sich genötigt sah, diese Zentralisation nicht allein anzuerkennen, sondern sogar zu übertreiben, so können wir sagen, sie ist das Ergebnis gebieterischer Notwendigkeiten, eine unmittelbare Folge des Daseins, und können nur den Mangel an Weitblick bei den Politikern, die von ihrer Aufhebung reden, beklagen. Wenn durch einen Zufall ihre Meinung siegte, so wäre dieser Erfolg das Signal zu einer tiefgreifenden Anarchie,**) die obendrein zu einer viel drückenderen Zentralisation als der früheren führen würde.

    Aus dem Vorstehenden ist zu schließen, dass man in den Einrichtungen nicht das Mittel zu suchen hat, die Seelen der Massen nachhaltig zu bewegen. Gewisse Länder mit demokratischen Einrichtungen, wie die Vereinigten Staaten, blühen wunderbar auf, während andre, wie die spanischamerikanischen Republiken, trotz durchaus ähnlicher Einrichtungen, in der traurigsten Anarchie dahinleben. Diese Einrichtungen haben ebensowenig mit der Größe der einen wie mit dem Niedergang der andern zu tun. Die Völker werden immer von ihrem Charakter beherrscht, und alle Einrichtungen, die sich diesem Charakter nicht innig anschmiegen, sind nichts als ein ausgeliehenes Gewand, eine vorübergehende Verkleidung. Gewiß hat es blutige Kriege und gewaltige Revolutionen gegeben, um Einrichtungen einzuführen, denen man wie den Reliquien der Heiligen die übernatürliche Macht zuschreibt, das Glück hervorzuzaubern. In gewissem Sinne könnte man sagen: Einrichtungen wirken auf die Massenseele, da sie solche Erhebungen verursachen. In Wahrheit sind es nicht die Einrichtungen, die so wirken, denn wir wissen, dass sie siegend oder besiegt, an sich keinerlei Wert besitzen. Wenn wir ihren Siegeszug verfolgen, verfolgen wir nur Täuschungen.“

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