Diskussion: Persönlich erlebter Antisemitismus

Was habt Ihr erlebt zum Thema Antisemitismus?

Antisemitismus scheint allgegenwärtig. Wenigstens aus der Perspektive bestimmter Publizisten, Medien oder Interessengruppen.

Tatsächlich habe ich mir bis vor kurzem nie die Frage gestellt inwieweit ich selbst Antisemitismus unmittelbar wahrgenommen oder persönlich erlebt habe. Aus einem einfachen Grund: Es gab keine entsprechende Situation. Also war die Frage irrelevant. Ich kannte sie wohl aus historischen Gründen und aus unzähligen Publikationen plus Fernsehberichten, aber nicht aus persönlicher Erfahrung.

Das hat sich erst im Mai vergangenen Jahres geändert.

Kurz bevor ich nach Israel flog war ich bei Bekannten zum Grillen eingeladen. Zu Gast war unter anderem die Mutter des Bekannten. Unter allerlei Gesprächsthemen kam man irgendwann auf das Thema „Urlaub“.

Ich meinte ich würde bald nach Israel fliegen.

Worauf mich die Frau Mama (76) mit großen Augen anschaute und entgeistert fragte :

Zu den Juden?

Das war ein Hallo-Effekt. Noch nie zuvor habe ich erlebt, dass sich jemand so unverblümt abfällig geäußert hat.

Wie oft habe ich dagegen schon abwertende Bemerkungen über Ausländer, Muslime, Afrikaner etc.pp. gehört (nicht im Freundeskreis – überflüssig zu sagen – aber immerhin irgendwo, und sei es in der U-Bahn).

Was ist Eure Auffassung, Erfahrung?

— Schlesinger

PS. 1: Entschuldigung für die anfänglichen (immer noch vorhandenen?) Orthografiefehler. Ans Tippen auf einer englischen Mac-Tastatur habe ich mich noch nicht ganz gewöhnt… gute Güte, und die winzige Schrift macht es auch nicht einfacher. Hallo Apple: Da draussen leben Menschen älter als 17!!! )

PS.2

Nachtrag aufgrund der Aktualität. Gehört zwar nicht zum Thema „persönlich Erlebtes“, aber zur Frage wo und inwieweit es auffälligen Antisemitismus gibt.

Die Jüdische Allgemeine berichtet über das ekelerregende, abschreckende Gebahren gewisser Fußballhooligans in Zwickau. Und der Rechtsstaat Deutschland guckt zu?

Ende November, Zwickau in Sachsen, Sportforum Sojus: Während der örtliche Fußballklub FSV Zwickau mit 3:0 gegen die zweite Mannschaft des FC Erzgebirge Aue gewinnt, geht es auf den Rängen des Stadions hoch her:

Zuschauer stimmen das berüchtigte »U-Bahn-Lied« an: »Wir bauen eine U-Bahn von Aue bis nach Auschwitz«. Zeugen berichten auch von Rufen wie »Terrorzelle Zwickau – olé, olé, olé« oder »NSU« (Nationalsozialistischer Untergrund).

Aufgehängt ist eine Norwegen-Fahne, die einige Zuschauer mit dem Oslo-Attentäter Anders Breivik assoziieren. Andere denken an das bei Neonazis beliebte Modelabel »Thor Steinar«, das oft mit der norwegischen Flagge arbeitet. »Thor Steinar«-Kleidung ist im Stadion verboten, daher halten die Fans das Transparent hoch: »Wir kleiden uns neu ein für unseren Verein«.

PS 3: Hinweis von Leser Rudi auf das Blog scusi.twoday.net eines Reinhard Lütkemeyer.Der Mann zieht vom Leder, dass man meinen könnte, er stammt aus der Journaille eines „Stürmer„.

Der SPIEGEL schrieb dazu vor einiger Zeit:

In welch fanatischen Zynismus sich vermeintlich fortschrittliche Gesellschaftskritiker flüchten, zeigt exemplarisch Reinhard Lütkemeyer in seinem explizit antisemitischen Weblog „scusi“ aus Bonn-Bad Godesberg. Der Teheraner ARD-Korrespondent Peter Mezger wird dort als „professioneller proisraelischer Aufhetzer“ beschimpft. Und weiter: „Das Teheraner Feuer und das Blut, das wir im Fernsehen sehen, ist das Ergebnis des schmutzigen Routinegeschäfts von Mossad, CIA und MI6.“ Gestern titelte er in seinem Blog: „CIA/MI6-Putsch in Teheran: Zusammengefallen wie ein Soufflé!“

Schaut man aktuell in das Blog rein, liest man Sachen wie „Wie lange will sich die Mehrheit der christlichen, ev./kath. und muslimischen Bevölkerung noch von einer winzigen jüdischen Minderheit der „Reichen“ (0,01 %) bzw. durch deren ätzende „ProIl-Medienmaschine“ terrorisieren lassen?“ Lütkemeyer leidet offenkundig nicht nur unter Verfolgungs- und Verschwörungswahn, sondern auch unter rhetorischem Brechdurchfall: „Breitet sich in unserem Land doch immer stärker jener pestilenzartige Ludergeruch der „grünen“ “ O d e n w a l d s c h u l e“ und der übrigen levantinischen Pornoverkäufer aus“, das alles weiter garniert mit Formulierungen wie „schräg-schwul“, „asozial“, „Schnorrer“, „Zerstörung der Familie durch die zunehmende Zahl von Lesben in gesellschaftlichen „Vorbildfunktionen“ (Anne Will…)“… „In Deutschland werden Nichtjuden neuerdings im TV von hebräischen Sittenstrolchen verurteilt“.

Ok. Das reicht.

Erstens: Uninteressant ist, dass es solche abstoßende Hetzer gibt. Das ergibt sich bei 80 Millionen alleine aus der statistischen Normalverteilung. Zweitens: Bedenklich ist nur der mutmaßliche Zulauf. Ohne entsprechende Besucherzahlen und Verlinkungen hätte die Seite nicht das beachtliche Google Page Rank 5.

Leseempfehlung: Ruhrbarone

13 Comments

  1. Offenen A-S hab ich bislang noch nicht mitgekriegt. In der einen oder anderen Situation ist schon mal eine Bemerkung gefallen. Allerdings nie was besonderes, eher in der Kategorie „is ja nich doll was die mit Gaza machen“ Also eher politisch würd ich sagen und nicht auf die Zugehörigkeit bezogen.

  2. Salam oder auch Hallo,
    ich persönlich nahm in meiner Umgebung kein Antisemitismus wahr, aber als ich den einzigen jüdischen Jungen, den ich in meiner Schule kannte darüber fragte, berichtete er mir wie ein Freund von ihm aus Stuttgart von Nazis krankenhausreif zusammengeschalgen wurde.. (-> hab auch darüber in meinem Blog berichtet: http://frebellion.blogspot.com/2011/10/wenn-grenzen-seine-grenzen-grenzen-ein.html)
    Das gefährliche an dieser Geschichte ist auch einfach, dass Menschen äußerlich sehr neutral zu sein scheinen,obwohl sie innerlich- bewusst oder unbewusst- diese Urteile haben..

  3. Letzte Woche waren Glatzen in der U-Bahn. Haben sich mächtig laut aufgeführt, Kampfparolen gebrüllt und dabei Bierflaschen hochgehoben. Ätzend. War froh als dieses Pack raus war. Hat jemand schon mal nen gewaschenen Neonazi gesehen? Die waren alle gleich versifft und prollen trotzdem was von Ariertum und ähnlichem Quark. So ignorant muss man erst mal sein. Oder isses andersrum, dass man so blöde sein muss um sich diesen Schwachsinn einzubilden?

  4. Habe schon im weiteren Bekanntenkreis erlebt wie sich jemand unter Alkoholeinfluss im Ton vergreift. Es fängt an, dass sich derjenige darüber aufregte, dass es „Shalom“, das jüdische Magazin im Deutschlandfunk gibt. Außerdem will er nicht einsehen, warum „wir Deutschen“ „immer und immer wieder“ „nur“ „über den Judenmord“ zu sprechen haben. Er sei viel zu jung und sich keiner Verantwortung bewusst. Neulich hat er soviel Gegenfeuer (verbal!) bekommen, dass ihm rausrutschte, Juden seien „irgendwie auch selbst schuld“ daran, wenn „man“ sie nicht möge. In Palästinasolidaritätsgruppen habe ich es schon desöfteren erlebt, dass ausgerechnet bekennende Deutsche – nicht Palästinenser! – so ganz seltsame Sätze aussprachen – so a la „Man wird ja wohl noch sagen dürfen…“. Kurz bevor man „den“ Israeli dann mit Nazi-Deutschen verglich, verkniff man sich alles weitere und bestellte lieber noch Falafel… So breitet man Antisemiten den roten Teppich aus…

  5. Die Juden sind ein altes Volk und haben wohl ihre Gepflogenheiten. Wenn damit jemand ein Problem hat, dann kann er sich überall auf der Welt darüber aufregen, nur nicht im deutschsprachigen Raum…
    Ich kenne zu wenige Juden, um mich für oder gegen sie zu äußern. Aber ich weiß, dass ich nicht in der Ideologie des Holocaust aufgewachsen bin und dass ich, wenn mir jemand auf den Schlips tritt, diese Person als Arschloch beschimpfen werde, egal ob Jude oder nicht.

    BESONDERS durch die Gegebenheiten des letzten Jahrhunderts und die semantische Ableitung von Antisemitismus als Gegenteil zum Semitismus (ja, was ist denn die Agenda des jüdischen Volkes? Wer ist denn der „Jude“?) betrachte ich die gegebene Frage als hinfällig.
    90 Prozent der Juden auf diesem Globus wollen ein normales, angenehmes Leben in eben ihrem derzeitigen Umfeld führen. Wenn man wirklich verallgemeinern will, dann geht man nach Israel, wo seit etwa 2000 Jahren Kriege geführt werden und siehe da: Es wird immer noch Krieg geführt.

    Und das ist das schöne: Wenn man heute von Juden redet, dann hat man Israel als jüdischen Staat und was zum Hinzeigen. Aber die meisten Juden machen genau das wie die Christen heute: Ihre Religion ignorieren, in der Früh aufstehen, zur Arbeit gehen und am Abend wieder heimkommen.

    Wie will ich heute noch antisemitisch sein?
    Wenn ich sage, ich gehe nach Israel, und jemand antwortet mir: „Zu den Juden?“, dann ist das nicht antisemitisch sondern konsequent.

    Und wenn jemand mehr darunter versteht, dann soll er seine Luftschlösser bauen. Der Rest geht halt mit offenem Geist durch die Welt.

  6. @Mondoprinte hab mal was ähnliches erlebt bei einer Tante die gemeint hat daß es doch einen Grund geben muss warum so viele Menschen Abneigungen gegen Juden haben, also nicht nur in Nazideutschland sondern auch in Frankreich oder Amerika. Grad in Amerika hat es anscheinend auch heftige Anfeindungen gegeben nur halt noch nie Ausschreitungen. Hab sie gefragt wie viele Juden sie kennt. Antwort: Keinen. Ist schon irre wie leicht man Urteile anderer übernimmt, die dann zu schlimmsten Konsequenzen führen können.

  7. In meiner Schulklasse sind ein paar Mitschüler die nicht aus Deutschland sind. Zwei davon regen sich immer auf wenn es einen Zwischenfall in Israel gibt. Zum Beispiel mit dem Gaza Hilfsschiff. Da haben die Jungs ganz schön gegen Israel gewettert. Ob das allerdings Antisemitisch war kann ich nicht sagen.

  8. @Adrian: Sie sagten „Wenn ich sage, ich gehe nach Israel, und jemand antwortet mir: “Zu den Juden?”, dann ist das nicht antisemitisch sondern konsequent.“ Würde vielleicht zutreffen wenn der Tonfall normal gewesen wäre, so aber war er unverkennbar negativ. Und wer würde bei einer Ankündigung „Ich fahre demnächst nach England“ antworten mit „Zu den Briten?“ ???

  9. Selber hab ich noch nichts bemerkt was ich unbedingt als Antisemistismus werten muss. Folgenden Beitrag finde ich interessant:
    Die meisten Jugendlichen in den Kreuzberger Jugendclubs kennen keine jüdischen Menschen und wissen nichts über jüdisches Leben und über die jüdische Kultur und Religion – auch diejenigen nicht, die sich negativ über Juden äußern. Deshalb, so die Annahme, können Begegnungen mit jüdischen Menschen dazu beitragen, Vorurteile und antisemitische Stereotyp
    http://amira-berlin.de/Aktuelles/82.htmle abzubauen. Im direkten Kontakt mit Juden und Jüdinnen sollen die Begegnungsteilnehmer/innen feststellen, dass jene ganz anders …

  10. Gilt als „persönlich erlebt“ auch das was man in den Blogs liest? Na dann werft mal einen Blick in derhonigmannsagt.wordpress.com
    Das ist wohl ein Internettreff von Alt- und Neunazis. Superschlau: die Seite ist auf wordpress.com, liegt also in USA. Deshalb sieht man auch Jede menge Reichskriegsflaggen oder dreckige Sprüche über Juden.

  11. Schon mal was von Reinhard Lütkemeyer gehört? Der betreibt den Blog SCUSI. Müßt mal reinschauen, dann wißt ihr wer antisemtisch ist.

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