Elena berichtet aus Kairo (II)

UPDATE 15.12.2011

… die Stimmung in und um Tahrir ist mehr als unangenehm. Ich bin heute dort vorbeigelaufen, aber es gab keinen spot und Moment, wo ich hätte stehen bleiben wollen, um ein Bild zu machen, die Leute sind alle sehr misstrauisch allen expats gegenüber und das Letzte, was ich brauche, ist in Tumult auf der Straße verwickelt zu werden.

Vor einer Stunde wurde der Tahrir Platz auch erstmal wieder gesperrt, angeblich wurden Demonstranten von Unbekannten mit kostenlosem Essen vergiftet, außerdem gibt es dieses mal doch Ärger an den Wahllokalen… business as usual in Cairo!

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Rings herum ist ziemlich viel Lärm, auch die ganze Nacht über, vor allem wenn die Muezzin der gefühlten 300 Moscheen in der Nähe alle zur gleichen Zeit zum Gebet rufen. Aber daran gewöhnt man sich und ich wache auch schon gar nicht mehr auf davon. Das allerdings führt dazu, dass ich regelmäßig meinen Wecker komplett ignoriere, weil dessen Klingeln wohl von meinem schlafenden Gehirn zusammen mit all dem andern Lärm als zu überhören eingestuft wird.

Ansonsten ist Tahrir zwar immer noch gesperrt und voller Menschen, die Zahl wird aber stetig weniger und es ist alles ruhig.

Die Wahlen scheinen auch relativ ok abzulaufen, allerdings hat mir mein UN-Ali erzählt, dass es zwar so scheint, dass tatsächlich relativ wenig Betrugsversuche gemacht werden, was positiv überraschend ist, dass allerdings ansonsten die Organisation immer noch ziemlich drunter und drüber geht.

Wie genau, also nach welchem Prinzip die Stimmen in Sitze umgerechnet werden sollen, haben sie noch nicht entschieden, außerdem sind bei dem ersten Wahlgang letzte Woche auf mysteriöse Weise 300 von den großen Boxen mit den Stimmzetteln verloren gegangen und niemand weiß, wo die hingekommen sind.

Das sind vermutlich mehr als 150.000 Stimmen, weshalb diese Distrike jetzt nochmal wählen mussten.

Aber abgesehen von solchen Episoden, scheint bis jetzt alles okay zu laufen. Was das Ergebnis angeht scheinen die Dinge aber etwas klarer zu sein… DIe Meinungen darüber und der Umgang damit sind ziemlich unterschiedlich, mein guter Freund Hussam (der übrigens in einem Wahl-Werbe-Spot für eine der liberalen Parteien im Fernsehen ist! siehe Video) hat mit all dem kein Problem, das ist jetzt die demokratische Entscheidung und da muss man denen halt eine Chance geben und sehen, ob sie es vielleicht sogar gut machen, und wenn nicht, dann wird eben nächstes mal jemand anderes gewählt.

Ob diese positive Sicht auf die Dinge so realistisch ist, bezweifle ich ein wenig, aber man wird sehen. Zwei meiner Deutschschüler haben letztes Wochenende fröhlich über den ersten Wahlausgang diskutiert, das ist immer interessant mit den beiden, weil einer sehr religiös ist und selber auch die Muslimbrüder gewählt hat, der andere ist aber total liberal und will einen säkularen Staat. Generell scheinen aber die religiösen Punkte keine primäre Rolle zu spielen in der Meinung, die die Leute hier über diese Parteien haben, was unter Umständen für böse Überraschungen sorgen könnte. Aber das muss man erstmal sehen.

Das Blutbad des Feldmarschalls oder Die Augen der Freiheit

Ansonsten ist hier in der Stadt wieder alles zum normalen Alltag zurückgekehrt nach dem Krawall, unsere Stammcafés und Kneipen sind wieder offen und man sieht die altbekanten Gesichter wieder, also alles beim Alten. Die Leute wollen die Straße, wo die Kämpfe waren, umgebennen von Mohamed Mahmoud zu entweder Das Blutbad des Feldmarschalls oder Die Augen der Freiheit, wegen der vielen Leute, denen dort von Polizisten in die Augen geschossen wurde.

— Elena

Kairo, 08.11.2011

Elena berichtet in loser Folge aus Kairo, wo sie zur Zeit lebt und studiert.

Teil I hier.