Merkwürdige Juden im Tatort: Mord in der Synagoge

Die meisten Kritiken werfen dem gestrigen 60.  (Münchner) Tatort mit den Kommissaren Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) vor, er sei nicht souverän mit dem jüdischen Hintergrund umgegangen, sondern vor lauter political correctness zum verdrucksten Bildungskrimi verkommen:

Zu dumm, dass uns da heute Abend der Bayern-„Tatort“ Mores lehren will und seinen Mord zum Sonntag ausgerechnet in eine jüdische Gemeinde verfrachtet. Auf dass wir mal wieder ein bisschen Weihrauch schnuppern oder die eine oder andere Menora bewundern können. (Märkische Allgemeine)

Ähnlich der Tagesspiegel:

herauskommt ein Telekolleg über Religion und Rituale. […]

Und das ist sicher das Beste, was man über diesen „Tatort“ sagen kann: Dass er im Bemühen, Sorgfalt walten zu lassen, nicht in politisch korrekte Lähmung verfällt.

Ungnädig auch der Focus:

Ein unterm Strich holziger „Tatort“. Viel Hoppla-Hopp-Entwicklungen, die von ein paar guten Dialogen nicht wettgemacht werden.

Ein Blog im Freitag stört sich ebenfalls am vermeintlich bemühten Bildungsanteil:

Der Tatort entschließt sich dagegen für eine grundlegende Einführung ins „Judentum“, bei der in der ersten Hälfte so viele Fachwörter gedroppt werden, die man später noch mal bei Martin Buber nachschlagen will, dass man getrost vergessen kann, es mit einem Krimi zu tun zu haben.

Die Schweizer Basler Zeitung stößt ins selbe Horn:

Wo war Gott in Auschwitz? Und wie sagt man dem jüdischen Käppi? Der gestrige «Tatort» wollte einem das Judentum näherbringen. Ganz koscher war das nicht.

Auch die Schwaben, die alles außer Hochdeutsch können, können nichts anderes entdecken:

Der Regisseur Torsten C. Fischer versucht offenbar nicht nur, so viele hebräische Begriffe und jüdische Traditionen wie irgend möglich in 90 Minuten zu packen. Auch ist er zu sehr darauf bedacht, ausnahmslos alle Facetten seines Themas irgendwie unterzubringen – und verfällt dabei zunehmend in Klischees. (Stuttgarter Zeitung)

Nun muss ich zugegeben weder Krimi- noch Tatortkenner zu sein. Daher fehlt mir ein wenig die Vergleichsmöglichkeit. Grundsätzlich habe ich mich durch den Plot und die Schnoddrigkeit der beiden Kommissare recht gut unterhalten gefühlt.

Allerdings war mir etwas mulmig zumute bei der Darstellung der jüdischen Akteuere. Zum einen hat sich das Geschehen nicht auch in der Synagoge abgespielt, sondern gefühlt zu 75 Prozent in der Synagoge. Die Verdächtigen wurden nicht im Umfeld der Synagoge gesucht, sondern gefühlt zu 75 Prozent unter den Leuten im Gotteshaus.

Dabei waren alle Protagonisten irgendwie schräg. Keine Frage: Bei jedem Krimi muss zunächst ein größerer Kreis an Personen als Verdächtige in Frage kommen und dementsprechend verdächtig präsentiert werden. Doch hier fielen die in Frage Kommenden dem Zuschauer weniger wegen der Verdachtsmomente auf, sondern wegen ihrer skurrilen Eigenheiten.

Der junge orthodoxe Familienvater Fraenkel als der zunächst Hauptverdächtige kann sich den Kommissaren gegenüber anscheinend nur in Form von Thora-Weisheiten oder Sinnsprüchen äußern. Das ist doch ziemlicher Käse. Als müsste sich ein katholischer Priester Kriminalern gegenüber ständig in liturgischen Sprüchen üben – am besten in Latein.

Dass Fraenkel zuhause eine Batterie Zeitschaltuhren aufgebaut hat, um die Shabbes-Zeiten korrekt einhalten zu können, mutet schon befremdlich an. Dabei geht es nicht darum, dass so etwas in Wirklichkeit existiert, sondern welche Wirkung beim Zuschauer erzielt wird, wenn solche Phänomene isoliert gezeigt werden.

Schließlich unternimmt Fraenkel einen Fluchtversuch, bleibt aber nach etwa 1 km stehen: Er darf am Shabbat nicht mehr als 2000 Ellen laufen… Bei seiner dadurch ermöglichten Festnahme verliert er seine Kippa und greint drei- oder viermal, man solle ihm seine Kippa geben. Hier geht es nicht darum, dass ein Orthodoxer natürlich seine Kopfbedeckung tragen möchte, sondern darum, dass er wie ein Kind quengelt, als er sie verliert. Schließlich trägt der Verdächtige im Verhörraum eine Serviette (oder Papiertaschentuch?) als Kippa-Ersatz. Mit Verlaub: Da wird einer annähernd als Freak dargestellt.

Ähnlich der Rabbi. Der kommt ständig so süßlich-moralisch-belehrend daher, dass es einem ganz flau wird. Auch der plaudert ständig in biblischen Bildnissen. Dass diese moralische Instanz dann zwar nicht schuldig ist, aber früher eine versteckte Beziehung hatte, aus der ein uneheliches Kind hervorging, das im weiteren Verlauf fallrelevant wird, ist beinahe nebensächlich. Als die Welt des Rabbi in Stücke gerät, weil er indirekt Anteil hat am Geschehen, will er immer noch nicht zu seinem unehelichen Sohn stehen. Dazu muss ihn erst der Polizist bringen mit „Einen Rabbi, der kein Vertrauen in den Herrgott hat, braucht kein Mensch“.

Die Justiziarin der Gemeinde, die anfangs eingeführt wird, beantwortet die Fragen der Polizisten – musikalisch bedeutungsschwanger untermalt – in verdächtig kühler Distanz. Vor ihr auf dem Tisch liegen Schriften, die etwas zum „Bösen Blick“ im Titel tragen. Beide Kommissare müssen nacheinander darauf sehen, damit die obskure Broschüre dem Zuschauer zweimal vor Augen gebracht wird.

In dieser Richtung gäbe es noch mehr zu sagen.

Ob die Kriminalerstory nun mehr oder weniger gut war, sei dahingestellt. Die Darstellung jüdischen Lebens im „Hochsicherheitstrakt“ Synagoge – sofern das von den Machern gewollt war – ist einigermaßen misslungen. Warum? Weil vergessen wurde, den gezeigten religiösen Anschauungen und Verrichtungen, die den meisten Zuschauern unbekannt sein dürften, eine entscheidende Zutat mitzugeben: Würde. Bestenfall blieben sie neutral, wie beim Gesang des Kantors.

So aber geriet die Sache in die Nähe des Kuriosen.

— Schlesinger

Randbemerkung: Da dieser Beitrag u.a. auf die Seite des FREITAG verlinkt wurde, erschien unter dem entsprechenden Beitrag ein sogenannter „Backlink“. Da anscheinend der Tenor meines Beitrags dem Blogger respektive Journalist des Freitag nicht gefiel, wurde der Backlink nachträglich entfernt. Nur gut, dass der FREITAG ein Medium ist, auf dem liberal, offen und tolerant diskutiert werden darf 🙂 Wenn der Link jetzt wieder da ist, nu ja, wegen der erneuten Verlinkung 😉

PS.: Zum Teil sehr amüsante Kommentare auf dem österreichischen Standard, so etwa „wie immer war das ärmst würstel der mörder“

5 Comments

  1. Wenn man die Leute weiterbilden will soll man besser eine Sendung für 3sat oder arte machen. Ein Tatort ist ein Tatort, keine Einrichtung zur Vergangenheitsbewältigung oder wenn man so will Gegenwartsbewältigung. Daher fand ichs thematisch einfach unpassend.

  2. Dass mit einem kurzen Zitat wie oben der um Differenzierung bemühte Versuch einer Besprechung nicht abgebildet werden kann, geht vielleicht nicht nur der verlinkten Freitag-Tatort-Kritik/Diskussion so. Entschieden zurückgewiesen werden muss aber der Vorwurf von „lauter political correctness“ an den Gegenstand – die Freitag-Tatort-Kritik würde im Leben nicht auf die Idee kommen, mit solch nichtnutzigen Begriffen wie „pc/non pc“ irgendetwas erklären zu wollen.

  3. Lieber Herr Dell, ich meine nicht, dass durch die Verwendung eines Zitats aus Ihrem beitrag nahegelegt wird, es sei nicht differenziert argumentiert worden. Vielmehr fiel mir auf, dass die Darstellung der im Tatort behandelten jüdischen Personen in merkwürdiger weise erfolgt ist. Das schien keinem der Kommentatoren aufgefallen zu sein oder aber es hat niemanden gestört. Nicht nachvollziehen kann ich Ihre Empörung wegen der einleitenden Bemerkung zur polical correctness. Ich schrieb „Die meisten“ hätten so geurteilt. Sie mussten sich also nicht angesprochen fühlen. Im übrigen sind Links auch eine Einladung und dazu da, dass man ihnen folgt. Insofern dürfen Sie sich ruhig auch darüber freuen, wenn der eine oder andere Leser bei Ihnen vorbei schaut. Zweifelsfrei haben Sie Aspekte dargestellt, die ich (auch deswegen) nicht mehr wiederholt habe.

  4. Lieber Transatlantikblogger,
    ich sehe Ihren Punkt und wollte mit meinem Hinweis keinen Ärger machen; Empörung ist ein viel zu großes Wort für die protokollarische Notiz, um die es mir ging. Auch ist Ihre Lesart interessant und verdienstvoll. Diese Folge hat für viel Beschäftigung gesorgt, weil sie auf so vielen Ebenen Diskussionsstoff bietet. Der andere Hinweis verdankt sich lediglich dem Impuls, sichergehen zu wollen, dass jeder Leser weiß, dass mit „die meisten“ im genannten Zusammenhang die Freitag-Tatort-Kritik nicht gemeint ist.

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