Elena berichtet aus Kairo (I)

Ich bin gerade von Zamalek aus, der Insel im Nil mit dem Turm, wo wir oben waren, nach Hause gelaufen und habe mich entschieden, nicht um den Tahrir Platz herumzulaufen, sondern den direkten Weg, also direkt über den Platz zu nehmen.

Und was soll ich sagen… vor allem zusammen mit den Informationen und Bildern, die man bis jetzt nur aus dem Internet hatte, war das eine so bizarre Szenerie. Selbst auf der Brücke über dem Nil, die dann geradewegs zum Tahrir hinführt, ist alles noch normal, die Leute schlendern da entlang, man hört immer mal eine Sirene, aber sonst könnte man tatsächlich meinen, dass hier alles okay ist.

Aber dann nach der Brücke ändert sich die Atmosphäre merklich mit jedem Meter, den man näher an den Platz kommt.

Der Verkehr hört auf, weil der Platz gesperrt ist und die Leute auf der Straße tragen fast ausnahmslos eine von den verschiedenen Arten von Gasmasken, die es so gibt oder einfach nur solche grünen Masken aus dem Krankenhaus.

Marsch zum Tahrir-Platz

Erst waren es nur verstreute Leute, die alle ein bisschen ziellos dort umher getippelt  sind, viele mit Fotoapparaten. Und dann öffnet sich vor einem der Platz, hinter mir schien in tiefem Orange die untergehende Sonne und hat zusammen mit einer riesigen dunkelgrauen Wolke am Himmel ein Zwielicht erzeugt, dass ich bisher selten so gesehen habe.

In der Verkehrsinsel in der Mitte des Platzes türmen sich die Leute und schauen alle in Richtung einer der Straßen, die vom Platz wegführt und wo die Haupaction ist. Auf der anderen Seite, vor dem riesen halbkreisförmigen Bürogebäude sitzen und stehen viele Leute, die etwas anteilnahmsloser sind und sich wahrscheinlich ausruhen oder eine Pause einlegen.

Diese beiden Massen verschmelzen dann zu einem riesen Haufen Menschen wo die besagte Straße anfängt. Darüber schwebt eine Wolke von Rauch und Tränengas, auf der einen Seite auf einer vielleicht 3 Meter hohen Mauer stehen aufgereiht die Polizisten in riot gear mit Schlagstöcken, wedeln damit oder schlagen zu.

Die Menge darunter scheint sich auf eine seltsame Art und Weise ständig zu bewegen, gleichzeitig aber auch irgendwie völlig starr einfach nur ein Pulk von Menschen zu sein. Auf dem Straßenlampenmast sitzt obligatorischerweise ein Typ, der zwei große ägyptische Fahnen schwenkt. Daran bin ich vorbeigelaufen in Richtung südlichere downtown, um nach Hause zu gehen.

Die riesengroße Hauptstraße, die sonst 3-5spurig voll ist mit Autos, ist fast leer bis auf ein paar Grüppchen von Leuten, die meistens in Richtung des Platzes laufen, und Polizisten, die die Straßen um die Ministerien in der Gegend absperren. Von dort sind es nur noch vielleicht 7 Minuten Fußweg bis zu mir, die aber zum größten Teil parallel zu der besagten Straße in vielleicht 100 meter Luftlinie Entfernung verlaufen und selbst dort habe ich das Tränengas in der Nase und im Hals gemerkt, bis hier bei unserem Haus.

Wo im übrigen im Restaurant nebenan gerade ein Trupp Polizisten sich grinsend gestärkt hat, als ich daran vorbeigelaufen bin und es sich natürlich nicht hat nehmen lassen, mich blöd anzumachen. In dem Moment fing dann der Muezzin an zu schreien, um der Schwere in der Luft noch eins draufzusetzen. Die letzten zwei Tage hatten wir unsere Arabischstunden über skype, damit wir nicht in die Academy kommen müssen, ab morgen soll es aber wieder normal Unterricht geben.  Wie lange das hier so noch weitergeht, kann man nur spekulieren. Die Stimmung in der Stadt ist jedenfalls mehr als trübe. Ali, dieser UN
Mensch, meinte, dass er nicht glaubt, dass die Wahlen tatsächlich stattfinden werden am Wochenende und wenn doch, dann wird das ein großes Disaster, sollte es nicht in nächster Bälde ein statement
geben, dass tatsächlich hoffen ließe, dass die Armee die Macht abgibt.

Es bleibt also spannend bzw. angespannt.
Bedrückte Grüße aus Kairo!

— Elena

Kairo, 21.11.2011

Elena berichtet in loser Folge aus Kairo, wo sie zur Zeit lebt und studiert.

Photo: Hossam El Hamalawy (Flickr CC Lizenz)