Steve Jobs & Gilad Shalit

Josef Stalin wird der Satz zugeschrieben: Der Tod eines Menschen ist eine Tragödie, der Tod von Millionen nur noch Statistik.

Bis der Mensch gelernt hat mit großen Zahlen oder Massen umzugehen, wird bestenfalls noch viel Zeit vergehen. Schlechtenfalls wird er es nie lernen.

Der Mensch ist auch in dieser Sicht der Höhlenmensch geblieben, der er vor wenigen Generationen noch war.

Die Perspektive des Höhlenmenschen umfasste das Gelände um die Höhle und die relativ wenigen Menschen, mit denen er es zu tun hatte. Relevant war das Einzelne oder der Einzelne, der identifizierbar war. Daraus hat sich auch unsere gesamte Ethik und Moral entwickelt. Die christliche Moral ist eine Moral der Individuen. („Du sollst ….“, „Du sollst nicht…“). Sie ist nicht tauglich für Menschenmassen.

Wären wir in der Lage das Leid von den Vielen zu begreifen, müsste es im angemessenen Verhältnis zu dem stehen, das wir als Leid für einen Einzelnen empfinden.

Weint nicht um Steve Jobs

Wie viele Menschen haben den Krebstod von Steve Jobs beweint? Viele. Für was? Kannten sie ihn? Nein. Man sah vielleicht seine wenigen öffentlichen Auftritte. Sie kannten nur seine iPhones, iPads und Macs.  Dafür liebten sie ihn. Und beweinten daher seinen Tod.

Im wahren Leben will kaum jemand denen nahe kommen, die Krebs haben. Entfernung vom Leid ließ hübsche Emotionen zu bei denen, die den kranken Jobs nur weit weg, im medialen Leben, beobachten konnten. Bis fast zuletzt hat man ihn noch irgendwie glanzvoll präsentiert.

Die rund 400.000 Menschen in Deutschland, die jährlich an Krebs erkranken, gehen nur den Angehörigen nahe, aber auch nur denen, die sich nah heran trauen. So weit so gut. Würde man aber angemessen heftig erschrecken angesichts der Erkenntnis, dass dieses Leiden der 400.000 umgemünzt wird in viele Milliarden Euro an Behandlungskosten für oftmals überflüssige und zutiefst menschenverachtende Chemo-Therapien, dann müsste großes Heulen und Zähneklappern sein. Ist es aber nicht. Lieber mit-Leiden mit Steve Jobs als sich mit dem irrwitzigen Zustand in der deutschen (europäischen, amerikanischen?) Onkologie und den dahinter lechzenden Pharmakonzernen auseinanderzusetzen.

Moral und Ethik taugen daher insofern nur für den Einzelnen, als zum Beispiel die tatsächlich mitfühlende Ehefrau ihres krebskranken Mannes alles unternimmt, um ihm zu helfen. Dieselbe Moral und Ethik taugt aber offenkundig nicht, diese Frau und die sie umgebende Gesellschaft in die Lage zu versetzen, ihren Mann aus dieser unbarmherzigen Maschinerie zu ziehen, oder besser: diese Maschinerie außer Kraft zu setzen.

Gilad Shalit: Benutzt als Symbol

Warum haben so viele Menschen in Israel jahrelang und unter großer Öffentlichkeit den von Hamas entführten israelischen Soldaten Shalit betrauert und alles gefordert, um seine Freilassung zu erwirken? Weil sie ihn kannten und wußten, dass er ein „guter Mensch“ ist? Weil sie wußten, dass er während seiner Militärzeit garantiert keine „Kollateralschäden“ unter Zivilisten verursacht hat, sofern er bei Feuergefechten mit Palästinensern beteiligt gewesen sein sollte? Nichts von all dem dürfte zutreffen.

Vielmehr hat sich der junge, schmächtige, irgendwie hilflose Shalit bestens geeignet, als Symbol benutzt zu werden.

Auch wenn die politische Führung in Israel von Olmert bis Netanjahu zwischendurch immer wieder ihre Nöte hatte, weil keine Freilassung erreicht wurde, so konnte ihr der Entführte nicht unwillkommen sein. Jede Öffentlichkeit in aller Welt steht Geiselnehmern seit jeher überwiegend feindlich gegenüber, seien es die Entführungsfälle der RAF (Hanns-Martin Schleyer), des Leuchtenden Pfades (Unzählige) oder der Roten Brigaden in Italien (Aldo Moro).

Hamas hat sich daher gar keinen Gefallen getan. Weder mit der Entführung Shalits, noch  mit der „erfolgreichen“ Freilassung der über Tausend Inhaftierten. Sie hat lediglich den Eindruck verstärkt nur das Mittel der Gewalt zu kennen. Damit spielt sie Israel in die Hände. Wenn sie nun angekündigt hat, durch weitere Entführungen mehr oder alle Gefangenen freizupressen, dann übersieht sie zwei Dinge. Israel kann jederzeit beliebig viele Palästinenser begründet oder unbegründet gefangen nehmen und wegsperren – und tut das auch. Und Israel kann beim nächsten Entführungsfall wieder so reagieren, wie es in 2006 getan hat: Durch einen gnadenlosen Feldzug (damals gegen den gesamten Libanon, obwohl „nur“ zwei israelische Soldaten durch die Hisbollah entführt wurden). Den Preis hat eine ganze Nation bezahlt. Das nächste mal wird wieder ganz Gaza den Preis bezahlen. Wem gegenüber will man das als Erfolg verkaufen? Nur Radikale denken und handeln in solchen radikalen Positionen.

Der Soldat Gilad Shalit diente als Projektionsfläche für Emotionen und eine Moral, die auf beiden Seiten ähnlich verlogen ist. Hamas behauptet einen ehrenvollen, guten Kampf gegen die Zionisten zu führen – und das am besten bis zur endgültigen Niederlage Israels -, und will doch nur die eigene Herrschaft uneingeschränkt festigen. Und Israel behauptet sich ehrenvoll gegen die Extremisten zu wehren und nimmt dafür eine ganze Gesellschaft in Sippenhaft.

Diese falsche Moral kann nur deshalb Bestand haben, weil die heutigen Höhlenmenschen nicht erkennen, welche Maschinerie sie in Wirklichkeit vereinnahmt. In Gaza ist es die Maschinerie der Ideologen, in Israel die Maschinerie eines Besatzungsregimes, das die Westbank in festem Griff hat und Gaza isoliert hält. Das Kanonenfutter der einen sind die Kommandos und die Selbstmordattentäter, das Kanonenfutter der anderen die Shalits, die den Siedlungsbau schützen oder Gaza abgeriegelt halten müssen.

Wie gut für die Zyniker beider Läger, dass es solche Phänomene wie die Entführung Galid Shalits gibt. Man kann seinem je eigenen Lager vorgaukeln, wie sehr man doch eine moralische Sache vertritt.

Schön, dass Gilad Shalit und ein bestimmter Teil der 1000 Palästinenser frei sind.

Sie sind der Maschine entronnen. Fürs erste.

— Schlesinger

 

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