Terrorakte lenken Israel von sozialen Protesten ab

Israeli Minister of Defense Ehud Barak poses f...
Image via Wikipedia

Israel wird von einer Welle terroristischer Gewalt heimgesucht, als in Tel Aviv und andernorts hunderttausende Israelis gegen die sozialen Mißstände im Land auf die Straße gehen.*

Offenbar hat es bei drei beinahe zeitgleichen Attacken im Süden Israels sieben Todesopfer gegeben.

Peter Münch von der Süddeutschen Zeitung berichtet über die Vorfälle, ohne auch nur den Versuch zu unternehmen einen Kontext herzustellen. Statt dessen werden brav die Äußerungen von Ministerpräsident Netanjahu und Verteidigungsminister Ehud Barak wiedergegeben, als handelte es sich dabei um objektive Zeugen der Vorfälle.

Münch verweilt keinen Moment bei seinen Schilderungen, obwohl er es hätte tun sollen:

Nur wenige Stunden nach den Anschlägen bombardierte die israelische Luftwaffe im Gaza-Streifen Ziele in Rafah an der Grenze zu Ägypten. Von dort aus sollen die Terroristen nach israelischen Berichten durch die Schmuggeltunnel auf den Sinai und weiter nach Israel gekommen sein.

Mehrere der Täter wurden gestellt und bei Feuergefechten getötet, erklärte die Armee.

Es gab drei Anschläge an drei verschiedenen Orten, alle gefassten Täter wurden erschossen und Israel bombardiert binnen Stunden Orte im Süden des Gazastreifens?

Aufgrund welcher Erkenntnisse erfolgte der Luftangriff? Hatten die getöteten Attentäter – sofern es sie gibt und es Palästinenser sind – rasch angegeben, woher sie kamen und welches lohnenswerte Ziele für eine Bombardierung sind?

Kein Wort darüber, ob Palästinenser aus dem Gazastreifen überhaupt ein Motiv haben. Oder falls ja: Welche Palästinenser welches Motiv haben könnten.

Hamas: Derzeit kein Motiv für Anschläge

Sicher hat Hamas derzeit kein Motiv für Anschläge. Im Gegenteil: Sie will zusammen mit Fatah (Westbank) die Ausrufung Palästinas im September durch die Vereinten Nationen erreichen und hat sich dazu vor kurzem mit der lange verfeindeten Fatah versöhnt.

Die Sache Palästinas muss für die Abstimmung vor den Vereinten Nationen möglichst günstig dargestellt werden. Mit Attentaten lässt sich das nicht erreichen.Die israelische Zeitung Haaretz berichtet, Hamas sei noch immer auf der Suche nach den Männern der Abdullah Azzam Brigaden, die kürzlich zwei Grad-Raketen auf Ashdod und eine auf Sderot abgefeuert haben.

Insofern läge ein Motiv eher auf israelischer Seite: Gerade weil Attentate die palästinensische Seite schlecht aussehen lassen, ist das für den Widerstand Israels gegen die geplante Unabhängigkeitserklärung Palästinas von Vorteil. Im übrigen ist die Frage der Sicherheit immer gut geeignet, abzulenken von den Massenprotesten im Land – immerhin das erwähnt P. Münch – oder von den immer stärker werdenden Repressalien jüdischer Siedler gegen Palästinenser im Westjordanland.

Allenfalls palästinensische Splittergruppen in Gaza könnten ein nachvollziehbares Motiv haben: manche sind an einem unabhängigen Palästina wenig interessiert, wenn es unter einer Einheitsregierung Hamas-Fatah steht und Israel als souveränen Nachbarn akzeptiert.

Anstelle die Drahtzieher der Anschläge dingfest zu machen zieht Israel es vor Luftangriffe gegen Gaza zu fliegen und damit Hamas zu Gegenreaktionen zu provozieren.

Netanjahu polterte gestern abend: „Wenn Israel angegriffen wird schlägt es schnell und hart zurück.“ Er hätte richtigerweise sagen sollen: „Wenn Israel angegriffen wird schlägt es den nächst Besten möglichst brutal“.

Dass die Abdullah Azzam Brigaden sich zu den Grad-Angriffen bekannt haben kümmert Netanjahu nicht. Heute morgen wurden sieben Einrichtungen der Hamas bombardiert.

— Schlesinger

Photo: US Dep. of Defense (Wiki CC)

PS.: Leider kein bisschen besser die Berichterstattung der taz, die die allzu platten Agenturmeldungen nur geringfügig umformuliert hat.

PS.: Der israelische Blogger Joseph Dana schrieb ähnlich:

„The speed at which Israel began airstrikes in Gaza without providing factual evidence of PRC’s involvement raises questions concerning the existence of a premeditated Israeli plan to launch a summer offensive against the population of Gaza. For the record, Hamas has publicly stated numerous times in the past 24 hours that it had nothing to do with the terror attacks in Eilat.“

PS.: * Ursprünglich schrieb ich eingangs „Wie auf Bestellung“ komme es zu Gewaltakten, während die sozialen Unruhen im Land stattfinden. Das war eine missverständliche Formulierung, wie ein Leser zurecht monierte.

Lesenswert: Adam Kellers Beitrag, wie sich kurzerhand die politische Agenda in Israel geändert hat:

in one minute the agenda changed and the public mood changed into a state of emergency and war at the gate and in all communications media there was no more talk of social protests, nothing but terrorism and army and security issues.

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2 Comments

  1. Ich verstehe nicht wie die immer nach so kurzer Zeit die Schuldigen finden können und genau wissen wo die Bombardieren sollen.
    Aber ob dies Arroganz, die Israel an den Tag legt wird sich irgendwann böse rächen. Gegen Palestinänser können sie sich das leisten, aber gegen Türkei und Ägypten?

  2. Wer sonst wenn nicht Palaestinenser feuern denn die Raketen aus dem Gaza-Streifen auf Israel ab? Es gibt in Gaza niemanden anderen als Palaestinenser.

    Und zu schreiben dass Terroakte „wie auf Bestellung“ kamen ist nichts mehr als ein Appell an dummdreiste Verschwoerungstheorien.

    RE TAB: Leider haben Sie in nur rasch quer gelesen. Dass die aus Gaza abgefeuerten Raketen durch radikale Palästinensergruppen abgefeuert wurde wird nirgends bestritten. Es ging um die Frage, womit sich die unmittelbar erfolgten Luftangriffe nach den Anschlägen bei Eilat rechtfertigen lassen.

    „Wie auf Bestellung“ ist lediglich ein Hinweis auf die faktisch vorliegende Funktion, dass diese Vorgänge sehr geeignet sind vom aktuellen massiven innenpolitischen Problem in Israel abzulenken. („Funktion“ = Wirkung unabhängig von einer Intention). Was sich Verschwörungstheoretiker dabei denken interessiert mich nicht. Wenn Sie allerdings sagen, dass die Funktion der Formulierung „Wie auf Bestellung“ die sein könnte, dass sich VT bestätigt fühlen könnten, würde ich Ihnen recht geben.

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