Weckt der arabische Frühling Europa aus seinem Dämmerschlaf?

Endlich versuchen die Araber aus ihrer Rückständigkeit zu kommen.

Ist auch höchste Zeit, diese korrupten Regimes loszuwerden.

Man meinte fast die Araber seien unfähig für Demokratie.

Na ja, zur westlichen Wertegemeinschaft haben sie auch nie gehört.

Aber man darf angesichts dieses Frühlings nicht zu optimistisch sein, nicht wahr? Wer weiß ob sich nicht die Fundamentalisten durchsetzen!

So selbstgefällig klingen nicht wenige Kommentare zum arabischen Frühling, und sei es nur unterschwellig.

Wer weiß ob sich nicht die Fundamentalisten durchsetzen?

So wie in Europa zum Beispiel.

Da haben sich auch die Fundamentalisten durchgesetzt.

Hier heißen sie Neokapitalisten. Nun ja, sie selber nennen sich lieber „Akteure der sozialen Marktwirtschaft“.

Würde sich jemand die Mühe machen die Zahl der zerstörten Existenzen europa- oder gar weltweit zu errechnen, die dem längst entfesselten Kapitalismus zum Opfer gefallen sind: Man könnte über die Anzahl der Terror-Opfer von Al Quaida mit den Achseln zucken, so wenige wären es vergleichsweise.

Aufgrund dieses aus dem Ruder gelaufenen Kapitalismus erodiert die Mittelschicht, kämpft der noch fest angestellte Arbeitskollege mit Zähnen und Klauen um seinen Arbeitsplatz, auch gegen den Mitarbeiter aus der Zeitarbeitsfirma, und beäugt skeptisch den Immigranten.

Denn flexible Arbeitsverhältnisse – so verlogen wird dieses Phänomen der beinahe beliebigen Austauschbarkeit von Arbeitnehmern tituliert – sind längst ein Massenphänomen.

Die Regierungen versuchen sich nacheinander an sogenannten Gesundheitsreformen, die Kosten aber wuchern krebsartig weiter, und nur die Arzneikonzerne erfreuen sich allerbester Gesundheit.

Diese Liste ließe sich lange fortsetzen, aber unterm Strich kommt nur eins heraus: Die Bürger Deutschlands und Europas sind seit langem keine Bürger im Sinne der Aufklärung mehr. Keine Teilhaber an der Gesellschaft. Sie sind Melkkühe der Konzerne.

Aber es gibt Anzeichen aus Spanien, dass just der arabische Frühling so etwas wie ein Erwachen in Europa mit sich bringt. Der Mut der Menschen dort beflügelt auch viele Europäer, wenngleich die Motive unterschiedlich sind.

Spanien ist von hoher Arbeitslosigkeit geprägt (insbesonders hoher Jugendarbeitslosigkeit) und ächzt unter einer bedrohlich hohen Staatsverschuldung.

Das Motto der überwiegend jungen Demonstranten lautet „Echte Demokratie jetzt!“ und „Ihr repräsentiert uns nicht!„.

Wer bezweifelt ernsthaft, dass diese Mottos nicht auch Gültigkeit haben in den meisten anderen Ländern Europas?

Fest steht: Ein neues Mündigwerden haben Europas Menschen ebenso nötig wie die Menschen in Nordafrika und im Mittleren Osten.

Man kann es sich kaum vorstellen. Könnte der arabische Frühling Europa zu einer Gesundung verhelfen?

Ja. Man kann es sich vorstellen.

https://www.youtube.com/watch?v=JRPTiJi4CUk

Ex oriente lux.

— Schlesinger

PS.: Leider ist nicht zu erkennen, welche politische Kraft in Deutschland das Potenzial und den Willen zu etwas Neuem hat. Am ehesten vielleicht die Grünen. Aber sie drohen im Spiegelbild ihrer jüngsten Erfolge zu erstarren.

PS 2: Der Film „Kapitalismus – Eine Liebesgeschichte“ von Michael Moore ist weitgehend zutreffend auch für die Geschichte bei uns. Sehenswert!