Ulrich Deppendorf kommentiert Plagiat-Affäre zu Guttenbergs

UPDATE 24.02.2011

Inzwischen gibt es keinen großen Spielraum mehr. Es dürfte sich kaum um ein Versehen oder Schlamperei gehandelt haben, sondern schlicht um Betrug. Das spricht ein Bayreuther Professor offen aus, wie die Financial Times berichtet:

Der in Bayreuth lehrende Staatsrechtler Oliver Lepsius hält Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) für einen Betrüger.

„Wir fühlen uns getäuscht“, zitierte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ den Wissenschaftler mir einer Aussage über Guttenbergs Doktorarbeit, die voller Zitate ist, die nicht als solche ausgewiesen sind.

Wir sind einem Betrüger aufgesessen.

Bemerkenswert ist, dass die Zahl der Unterstützer zu wachsen scheint mit der Zahl der Verfehlungen des Herrn zu Guttenberg. Vielleicht (oder hoffentlich) ist das nur ein Phänomen der BILD-Leser:

Bis gestern 19.32 Uhr riefen bereits 261223 Leser an oder schickten ein Fax. Und die Meinung der BILD-Leser ist eindeutig. 227 175 BILD-Leser (87 Prozent) fordern: GUTTENBERG MUSS BLEIBEN! 13 Prozent (34048) der BILD-Leser hingegen wollen seinen Rücktritt. Über das Ergebnis der Postsendungen werden wir nochmals berichten.

UPDATE 21.02.2011

Einer BILD-Umfrage zufolge ist eine Mehrheit der Deutschen (noch) mit Dr. zu Guttenberg zufrieden:

Umfrage Zufriedenheit mit Guttenberg
Umfrage Zufriedenheit mit Guttenberg

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Den wohl besten Kommentar zu den Plagiats-Vorwürfen gegen die Doktorarbeit von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg kommt von Ulrich Deppendorf:

https://www.youtube.com/watch?v=SaxC9YdrzK0

Wie groß die Zahl der zu reklamierenden Textstellen ist und wie umfangreich der zugehörige Text ist lässt sich gut auf der Webseite Guttenplag nachvollziehen.

Der Medienwissenschaftler Stefan Weber, der sich auf Plagiate spezialisiert hat, ist angesichts der Fülle der bei Guttenbergs Arbeit nicht ausgewiesenen Textstellen, die aus fremder Feder stammen, zu einem eindeutigen Schluß gekommen*:

Die Arbeit ist ein Blendwerk, eine Simulation von Wissenschaftlichkeit –

kurz: ein Plagiat.

Dabei enthält die Arbeit aufschlußreiche Passagen, wie zum Beispiel den Folgenden:

Europa als Gedanke, Gewissheit und Realität könnte, am Ende dieser Stufenleiter angelangt und auf dem Wege zur Tradition, zum Scheitelpunkt zwischen Konservatismus und Moderne werden, der weder die Option der Grad­wanderung noch die Gelegenheit der Ver­bindung jener Elemente auszuschließen vermag.

„Der Schreibfehler „ Gradwande­rung” ist das kleinste Problem“, kommentiert die Süddeutsche**, „so etwas kommt auch in dieser Zeitung vor. Was der Satz allerdings inhaltlich bedeutet, darauf dürften selbst Fachleute nicht so leicht kommen.“

Gestern nahm ein der CSU nahe stehender Bekannter von mir den Freiherrn in Schutz. Man dürfe sich nicht wundern, meinte er, der zu Guttenberg sei mit seinen 39 Jahren halt so weit gekommen, da würden sich die Neider schnell einstellen. Auf den Hinweis, dass die offenkundige Mißachtung der Sorgfaltspflicht bei der Erstellung einer wissenschaftlichen Arbeit nichts mit Mißgunst oder mit abweichenden politischen Ansichten zu tun hat schmetterte der Bekannte ab „Hörn’s auf, in meiner Doktorarbeit könnt man auch Fehler finden, wenn man wollt‘ „.

Jo mei, ois halb so schlimm, er ist halt einer von uns. Oder wie die sächsischen CDU-Parteifreunde auf der gestrigen Wahlveranstaltung in den Nachrichten meinten:

Sie stünden gegenüber Karl-Theodor „In Treue fest!„.

Beneidenswert oder bemitleidenswert?

— Schlesinger

* SZ v. 18.2.2011 S. 2, „Graben an der richtigen Stelle“

** SZ v. 18.2.2011, S.2 „Breit angelegt“

Leseempfehlung T.A.B. und T.A.B.