Palästina: Mit uns oder gegen uns!

„Du redest Scheiße!“ schleudert mir der arabische Mitfünfziger mit Verachtung entgegen, nachdem ich einen Beitrag zur Israel-Boykott-Debatte (BDS) gegeben habe.

Als „Scheiße“ empfand er, dass ich angesichts der besonderen deutschen Vergangenheit eher davon abrate,  dass sich Deutschland an einem Boykott gegen israelische Güter beteiligt.

Hier ginge es nicht um die Frage, wie berechtigt oder wie effizient eine deutsche Beteiligung sei, gab ich zu bedenken, sondern was für eine Wirkung sie habe.

Aus Sicht des israelischen Durchschnittsbürgers müsse ein deutscher Boykott gegen bestimmte israelische Bereiche zwangsläufig das alte Bild  „Kauft nicht beim Juden!“ beschwören.

So eine Aussicht würde einem Gutteil der deutschen Bevölkerung nicht gefallen, und alle politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Eliten würden sich an so einem heißen Eisen ebenfalls nicht die Finger verbrennen wollen.

Im übrigen, meinte ich in aller Ruhe und Sachlichkeit, gibt es genügend andere Handlungsfelder, auf die man von deutscher Seite aus auf israelische Palästinapolitik einwirken kann. Man muss  sich nicht notwendig an BDS beteiligen.

Vielleicht stimmt mein Ansatz. Vielleicht nicht. Eine Diskussion ist dieses Thema allemal wert.

Der Diskussionsleiter jedenfalls unterbrach mich ungeduldig mit „Ja, ist angekommen! … Wer möchte dazu etwas sagen?“

Ich ahnte, er würde darauf vertrauen können, dass sich einige deutlich zu meinen Beitrag positionieren würden. Die erste Erwiderung war der „Scheiße“-Kommentar.

Politbüro
Politbüro: Glücklich, eine - genau eine - Meinung zu haben

Als nächstes meldete sich eine junge Palästinenserin um die Dreissig zu Wort. Sie fuhr mich harsch an mit  „Sie haben das Konzept von BDS anscheinend nicht verstanden! Und was Sie hier gesagt gaben dient nur dazu einen Keil ins Publikum zu treiben!“ Mehrheitliche Zustimmung im Publikum.

Ich wollte etwas dazu sagen, wurde aber leider nicht mehr aufgerufen.

In der unverhohlenen Schärfe in der die beiden ihre Entgegnung vorbrachten – es waren ja formal betrachtet keine Argumente, sondern lediglich (Ab-)Wertungen – schienen sie mich für einen zionistischen Agenten gehalten zu haben.

Ich musste an George W. Bush denken.

In der Folge von 9/11 hat er die Welt ebenso zynisch wie radikal geteilt in „with us or against us!„.

Die Gesprächsrunde, in der vor Beginn der Publikumsdiskussion der israelische Rabbiner Jeremy Milgrom einen interessanten Vortrag zum Thema „Lage der Bedouinen in der West Bank unter israelischer Besatzung“ gegeben hatte, trägt den Begriff „Dialoggruppe“ im Namen.

Schade, dass es sich dabei um einen ähnlichen Etikettenschwindel zu handeln scheint wie beim „C“ in den „christlichen“ Parteien.

„With or against us“ sickened me then, and it still sickens me when I have to hear it now.

Man ist gut beraten solche Zirkel unter sich zu lassen. Sie fühlen sich so leicht gestört in ihrem gegenseitigen Auf-die-Schulter-klopfen.

— Schlesinger

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