Israel: Bringen nur die Hardliner Frieden? (Teil II)

WANTED : Menachem Begin

MENACHEM BEGIN

Die frühen Zionisten die nach Palästina kamen um das Land Israel aufzubauen waren zumeist sozialistisch geprägt, voll Tatendrang, selbstbewusst, anpackend und wehrhaft. Die Pioniere waren in Palästina auch Anfeindungen ausgesetzt, allerdings überwog die Zuversicht und der Kampfeswille, sich nicht mehr unterdrücken und sich nicht mehr vertreiben zu lassen.

Ihr Leitbild war der Tatmensch des Kibbuz. Man wollte sich bewusst abgrenzen gegen die alte Mentalität des „Ghettojuden“, der sich furchtsam vor seinen zahlreichen Feinden in sein Viertel zurückzieht. Der Vorzeige – Kibbuz Degania, das 1909 am See Genezareth gegründet wurde, war jahrzehntelang so etwas wie das Leitbild Israels. Man reiste dorthin, um sich an den Pionieren des Landes ein Beispiel zu nehmen.

Zwanzig Jahre nach der Staatsgründung veränderte der israelische Sieg im Sechstagekrieg von 1967 alles: Der triumphale Sieg über Ägypten und Syrien kam den meisten Israelis wie eine himmlische Segnung der jüdischen Rückkehr nach Palästina vor. Man fühlte sich stark, ja unbesiegbar.

Die Beinahe-Katastrophe des Yom-Kippur-Kriegs von 1973 brachte allerdings die alten Ängste zurück, und weckte den Wunsch nach einer neuen starken Führung. Mit einem Erdrutschsieg gewann der rechte Likud unter Menachem Begin die Wahlen von 1977. Die lange Ära der links-liberalen Arbeiterparteien war damit beendet.

Der Sieg von Menachem Begin überraschte nicht nur viele Menschen in Israel, sondern auch US Präsident Jimmy Carter. Washington kannte die terroristische Vorgeschichte Begins.

 

Carter sah in Begin eine Gefahr für die amerikanischen Friedenspläne im Nahen Osten. Washington machte Stimmung gegen Begin, sowohl bei den jüdischen Verbänden zuhause, wie auch über diplomatische Kanäle.

Menachem Begin rettet Anwar es-Sadat

Was Washington nicht wusste: Schon kurz nach seinem Sieg erhielt Premierminister Begin Informationen seines Geheimdienstes, wonach Libyens Staatschef Ghaddafi einen Anschlag auf Ägyptens Präsident Sadat plane. Begin entschloss sich, diese Informationen direkt an Sadat zu leiten. Im Zuge einer Polizeiaktion fand Sadat alle israelischen Angaben bestätigt. Zur Vergeltung ließ Sadat einige grenznahe libysche Militärbasen bombardieren. Schon kurz darauf übermittelte Sadat erste Friedensangebote nach Jerusalem.

Der Frieden mit Ägypten wäre schon viel früher möglich gewesen. Sadat sandte schon kurz nach seiner Amtsübernahme als Nachfolger des 1970 verstorbenen pan-arabischen Nationalhelden Gamal Abd-El Nasser erste Friedenssignale in Richtung Israel. Das war innenpolitisch durchaus riskant. Noch Nasser meinte im kleinen Kreis, dass man ihn töten würde, wenn er mit Israel über Frieden spräche. Die damalige israelische Premierministerin Golda Meir jedenfalls bezeichnete Sadats Angebote als „Phrasen“. Israel fühlte sich nach dem Sieg von 1967 in einer Position der Stärke, in der man keine Kompromisse nötig hatte.

Die meisten Kommentatoren sind sich heute einig, dass erst der Yom-Kippur-Krieg von 1973 kommen mußte, um Israel vor Augen zu führen, dass es nicht unverwundbar war, und um Ägypten zu neuer Selbstachtung zu verhelfen. Erst damit wurden Verhandlungen auf gleicher Augenhöhe möglich.

Die israelische Öffentlichkeit war mehr als skeptisch, als sich Sadat auf den Weg machte, um als Gast von Premierminister Begin am 20. November 1977 als erster arabischer Staatschef vor der Knesset zu sprechen.

Sadat ging damit ein großes innenpolitisches Risiko ein. Minestens genauso brisant: Mehrere Ostblockstaaten, die im Yom-Kippur-Krieg noch Ägypten unterstützt hatten, drohten Sadat mit Krieg.

Immerhin: Israel hatte Vertrauen zu Ägypten gefasst. Eine große Rolle wird dabei gespielt haben, dass man mit einem möglischen Frieden mit Ägypten den bislang stärksten Gegner neutralisieren konnte. Wenn der Preis für den Friedensvertrag die Rückgabe des Sinai war und man darüber hinaus US Präsident Carter gut stimmen konnte, schien das ein angemessener Preis zu sein.

Die Verhandlungen von Camp David zwischen Israel und Ägypten wurden 1978 erfolgreich abgeschlossen, und führten zum Friedensvertrag, der 1979 in Washington unterschrieben wurde.

Die Arabische Liga schloß Ägypten dafür zehn Jahre lang aus ihrem Bündnis aus.

Menachem Begin: Ein Ghettojude als Premierminister

Für Menachem Begin war es zuhause nicht einfach. Er zog den Zorn von Teilen der ihm ansonsten wohl gesonnenen rechten Parteien auf sich, weil er den Sinai – also biblisches Land – aufgeben wollte. Die Siedler im Sinai leisteten erbitterten Widerstand gegen den bevorstehenden Abzug Israels.

Begin setzte sich durch. Ein Falke hatte den Frieden mit einem arabischen Land zustande gebracht.

Trotzdem lag etwas in der Luft. Mit dem Sieg des Likud von 1977  hatte sich die politisch-gesellschaftliche Landschaft verändert.

Begin brachte nicht nur eine politisch rechte Kultur mit, sondern auch die alten jüdischen Selbstzweifel, und damit verbunden: Furcht. Begin stammte aus Osteuropa und hatte Vater, Mutter und Bruder im Holocaust verloren.

Anstelle von Israels geistigem Vater Theodor HerzlWenn Du es willst, kannst Du es schaffen“ drängte sich mehr und mehr das zweifelnde, fatalistische „Kacha Ma`Laasot“ in den Vordergrund (Man kann nichts machen, die Dinge sind wie sie sind, was bedeutet: Die Juden bleiben ewig die Unterdrückten und Verfolgten).

Der Holocaust trat zunehmend als Identifikationsmuster in den Vordergrund. Dessen Symbol war die Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem.

Der amerikanisch-jüdische Nahostexperte Thomas Friedman meinte dazu einmal, Israel sei „Yad-Vashem plus F-16″. Der Kibbuz Degania jedenfalls trat als Leitbild in den Hintergrund.

So eine Mentalität birgt Gefahren. Wer sich stets schwach und mit dem Rücken an der Wand sieht, verkennt seine Handlungsspielräume. Wer sich schwächer sieht als er ist, neigt zu Überreaktionen.

Aus dem Holocaust wurden politische Lehren gezogen: Zurückstecken, nachgeben, Kompromisse schließen kann tödlich sein. Das machte Diplomatie noch schwieriger, als sie ohnehin schon war.

Die Ausnahmesituation des Yom-Kippur-Kriegs machte noch den Frieden mit Ägypten möglich.

Aber die Ziele der palästinensische Befreingsbewegung PLO und anderer arabische Widerstandsbewegungen wurden aus israelischer Sicht gleichgesetzt mit den Vernichtungsabsichten der Nazis. Das machte Begin kompromisslos gegenüber den Palästinensern.

Daher wurde es auch nichts mit der im Camp David Abkommen geforderten Autonomie für die Palästinenser.

Stattdessen blieb Begin seiner Agenda für ein Groß-Israel treu und unterstützte die seit dem Sechstagekrieg hoch aktive Siedlerbewegung nach Kräften, vor allem im Westjordanland, also dem biblischen Judäa und Samaria.

Israels Vietnam: Der Libanon-Krieg (1982-2000)

Im April 1982 verübte eine palästinensische Splittergruppe, die nicht zur PLO gehörte, ein Attentat auf den israelischen Botschafter in London.

Premierminister Begin war informiert, dass Arafats PLO nicht verantwortlich war. Dennoch nahm Begin diesen Vorgang zum Anlass, um in den Libanon einzumarschieren. Dort hatte sich die PLO seit langem festgesetzt und war zum Staat im Staat geworden. Insbesondere im Süden, entlang der israelischen Grenze, hatte die PLO Israel immer wieder Nadelstiche versetzt.

Verteidigungsminister Ariel Scharon hatte lange auf diese Gelegenheit gewartet. Die „Aktion“ sollte seinen Worten zufolge nur 48 Stunden dauern. Sie dauerte dann 15 Jahre.

Während israelische Verbände auf Beirut marschierten, sandte Premierminister Begin einen Brief an US Präsident Ronald Reagan, der in der Zwischenzeit Jimmy Carter abgelöst hatte.

Begin schrieb, er fühle sich als würde er auf Berlin marschieren, um Hitler aus seinem Bunker zu holen.

Wer nie aus seinem Bunker kam, und das kann man ihm angesichts seiner Lebensgeschichte vielleicht nicht vorwerfen, war Begin selbst.

 

Randall Stolzfus "Dead Reckoning
Randall Stolzfus „Dead Reckoning“

Der müde Falke

Wegen des für Israel katastrophalen Libanonkriegs, und wegen des Todes seiner Frau trat ein erschöpfter Menachem Begin vor die Knesset und erklärte seinen Rücktritt mit den Worten “Eyni yachol” – Ich kann nicht mehr.

Er zog sich vollkommen aus dem öffentlichen Leben zurück und fristete in Jerusalem das Leben eines Einsiedlers.

Bis zu seinem Tod gab er keine Erklärung zu seinem Rücktritt ab.

Menachem Begin war vieles: Ein Terrorist, ein Falke, ein Hardliner. Er war aber auch: Ein vom Leben Geschlagener. Sentimental. Schwach.

Der Frieden machte. Und Krieg.

— Schlesinger

Photos:  Sadat: Wikipedia CC Lizenz; Begin: Wikipedia CC Lizenz)

(Bild: (c) courtesy Randall Stoltzfus)