Der kurze Frieden im Libanon: 17. Mai 1983 – Teil 2

Beirut
Anschlag auf US Marines in Beirut

Friedenssuche in Beirut

Washington hatte sich das einfacher vorgestellt.

US Außenminister Alexander Haig versuchte Jassir Arafat und die palästinensische Führung in Beirut davon zu überzeugen, rechtzeitig aus der Stadt abzuziehen, um es nicht zum Schlimmsten kommen zu lassen.

Israel drohte mit einer Schlacht um Beirut.

Die USA begannen den handwerklichen Fehler, unterschiedliche Signale an die Araber zu senden. Entgegen den Aktionen Haigs signalisierte Vizepräsident George H.W. Bush verschiedenen arabischen Staaten, man würde versuchen, Israel von einem Kampf um Beirut abzuhalten. Das verleitete Arafat wohl dazu, es darauf ankommen zu lassen.

Während Reagan  am Gipfel der G7 in Versailles teilnahm (6. Juni 1982) entsandte er den Sonderbeauftragten Philip Habib in den Libanon.

Am selben Tag unterstützten die USA die Resolution 509 des UN Sicherheitsrats, die einen Abzug Israels aus dem Libanon forderte.

Nachdem sich abzeichnete, dass Jerusalem die PLO in Beirut vollständig zerschlagen wollte, initiierte Präsident Reagan am 06. Juli eine multinationale Truppe (MNF), die aus Einheiten Frankreichs, Italiens und der USA bestand. Dieser Entschluss entstand nach Konsultationen mit dem Gesandten Habib und mit Zustimmung durch den neuen Außenminister George  Shultz, der Nachfolger Alexander Haigs geworden war.

Der US-Anteil der MNF traf am 25. August 1982 in Beirut ein, vier Tage nach den Franzosen. Er bestand aus einer 800 Mann starken Einheit der Marines. Das Mandat der multinationalen Truppe bestand gemäß Vereinbarung mit der libanesischen Regierung darin, die libanesische Armee zu unterstützen, einen geregelten Abzug der PLO zu gewährleisten, und sich nicht an Kämpfen zu beteiligen. Der Einsatz war auf maximal 30 Tage begrenzt.

Sowohl die Ankunft, wie auch die Präsenz der MNF brachte keinerlei Komplikationen mit sich.

Der Abzug der PLO ab dem 21. August, zunächst unter dem Schutz des französischen Anteils der MNF, dann unter Beobachtung der ganzen multinationalen Truppe, verlief reibungslos.

Reagans Nahost-Initiative

Am 1. September 1982 formulierte Ronald Reagan seinen Friedensplan: Er plädierte für eine palästinensische Selbstverwaltung in Gaza und der Westbank. Dabei wurde zur Bedingung gemacht, dass die PLO die UN Resolution 242 und damit das Existenzrecht Israels anerkennte.

Während sich die Regierung des israelischen Ministerpräsidenten Menachem Begin vehement gegen diesen Plan stellte, fand er in Amman großen Anklang.

der-kurze-frieden-im-libanon-17mai-1983-teil-2Aus Sicht König Husseins (Bild) musste eine Befriedung der Palästinenser auch für mehr Ruhe unter der zahlenmäßig großen palästinensischen Bevölkerung in Jordanien sorgen. Die Erinnerung an den sogenannten „schwarzen September“ von 1970, als das jordanische Königshaus beinahe durch die PLO gestürzt worden wäre, war noch präsent.

Doch wie Begin stellte sich auch Arafat gegen den Vorschlag Reagans.

Das Motiv war einfach, und es wurde aus der Führungsriege um Arafat unfreiwillig offen formuliert von Abu Jihad (Khalil al-Wazir): „What’s in it for the PLO ?„.(1) Gewiß: Die Reagan-Initiative bot der PLO wenig, nur den Palästinensern viel. Hätte sich Arafat darauf eingelassen, wäre Jerusalem massiv in die Defensive geraten. Die Selbstsucht der PLO-Führung musste für Begin eine große Hilfe gewesen sein.

Zwei Tage nach Beginn des PLO-Abzugs aus Beirut wurde Bashir Gemayel zum Präsidenten gewählt. Drei Wochen später erlag er einem Attentat, und zwei Tage später folgte vom 16.-18. September das von seinen Phalangisten an den palästinensischen Flüchtlingen aus blinder Rache begannene Massaker von Sabra und Schatila.

Die Amerikaner waren bereits am 10. September abgezogen worden.

Der Schock, der sich in Washington angesichts der Gräuel einstellte, war groß. Spontan entschloß sich Reagan, die Marines erneut nach Beirut zu beordern.

Zu diesem Zeitpunkt war auf amerikanischer Seite niemandem klar, welche Akteure im Libanon mit welchen Absichten gehandelt hatten oder agieren würden. Damit engagierte sich Washington zwar gut meinend, aber ohne festen Plan. Das sollte sich als schwerer Fehler erweisen.

Die US Marines landeten erneut am 27. September 1982.

Diesmal verlief alles anders. Die USA liessen sich teils aus Naivität, teils durch bewußt gestellte Fallen (wie noch gezeigt wird) zu sehr auf die regierungsnahen christlichen Milizen ein.

der-kurze-frieden-im-libanon-17mai-1983-teil-2
Libanons Präsident Amin Gemayel

Die Amerikaner hatten sich vermeintlich auf die Seite des neuen Präsidenten Amin Gemayel (Bild) und der christlichen Phalangisten geschlagen, da sie deren Einheiten militärisch ausbildeten.

Seitens Washingtons wurde nichts unternommen, die allzu einseitige christen-freundliche und muslim-feindliche Politik Gemayels zu unterbinden.

Die Spannungen wuchsen.

Nachdem ein halbes Jahr lang weitgehend Ruhe herrschte wendete sich das Blatt.

Am 16. März 1982 fand das erste Attentat auf US Truppen statt, bei dem fünf Marines durch eine Handgranate verletzt wurden.

Dann folgte das schwere Bombenattenttentat auf das US Konsulat am 18. April, bei dem über 60 Menschen ums Leben kamen.

Der misslungene, verratene Friede

Reagan versprach sich eine Befriedung der Verhältnisse, indem er einen Friedensvertrag zwischen der Regierung Gemayel und Jerusalem beförderte. Mit nur geringfügiger Übertreibung kann man sagen: Reagan meinte, alleine der Abschluss eines Friedensvertrages müsse auch den ersehnten Frieden herbeiführen. Das komplizierte Interessengeflecht im Libanon wurde sträflich ignoriert.

Washington übersah die Signale, die gegen den Abschluss eines libanesisch-israelischen Friedens sprachen.

Der muslimische Ministerpräsident des Libanon, Shafik al-Wazzan, versuchte Außenminister George Shultz von einem offiziellen Vertrag abzubringen, da dies den Argwohn der libanesischen Muslime gegen Israel und gegen die Washington-freundliche Regierung Gemayel noch verstärken würde. Er plädierte statt dessen für praktische Maßnahmen zwischen Beirut und Jerusalem, die kein Aufsehen erregen würden.

Der Vertrag wurde trotzdem am 17. Mai 1983 abgeschlossen.

Schon bald wurde klar, dass Gemayel an der Umsetzung der Vereinbarungen weder interessiert, noch in der Lage war.

Israel beschloß angesichts der verfahrenen Situation und eines massiv gewachsenen Drucks in der eigenen Bevölkerung, sich aus den Vororten Beiruts und dem Schuf-Gebirge bis zu einer selbst definierten Sicherheitszone an der israelischen Grenze zurück zu ziehen, ohne sich mit Washington zu koordinieren. Damit wurde Washington bloß gestellt.

Mitgefangen – mitgehangen

Die Stimmung gegen die Amerikaner kippte vollends, als sich die Marines von der verbündeten libanesischen Armee auch militärisch vereinnahmen liessen, was zuvor tunlichst vermieden worden war.

Am 19. September 1983 wandte sich ein Kommandeur der libanesischen Armee mit der dringlichen Bitte um militärische Unterstützung an den amerikanischen Befehlshaber. Eine Einheit von ihm drohe von syrisch unterstützten drusischen Kräften aufgerieben zu werden, und damit würde auch die strategisch wichtige Position im Shuf-Gebirge gefährdet.

Brigadegeneral Stiner, der militärische Berater des vor Ort anwesenden US Sondergesandten McFarlane, war sich der Brisanz bewußt und gab die Anfrage an seinen Chef weiter.  McFarlane holte sich keine weiteren Informationen ein, sondern erteilte dem Marines-Kommandierenden Colonel Geraghty die Anweisung, die vor der Küste liegenden US Kriegsschiffe sollen die drusischen Stellungen beschiessen. Geraghty versuchte McFarlane davon abzubringen. Vergebens. US Kreuzer feuerten bis zum nächsten morgen 360 mal auf drusische Stellungen.

Wenig später zeigte sich, dass die Darstellungen des libanesischen Kommandeurs schlicht erlogen waren. Von einer Vernichtung seiner Einheiten konnte keine Rede sein. Er hatte in den Kämpfen vor dem amerikanischen Eingreifen acht Mann verloren.(2)

Nun aber waren die Würfel gefallen. Die Amerikaner hatten ganz offensichtlich Partei ergriffen.

Knapp fünf Wochen später, am 23. Oktober 1983, durchbrach ein LKW mit 6 Tonnen Sprengstoff die Barrikaden des Hauptquartiers der Marines in Beirut.

Die Detonation zerstörte einen Großteil der Anlagen und tötete 241 Marines.

Der Friedensschluss vom 17. Mai war rasch vergessen.

— Schlesinger

Teil I dieses Beitrags finden Sie hier.

(1) Zit. nach Tom Friedman (Augenzeuge), From Beirut to Jerusalem, S.171

(2) nach Tom Friedman (der New York Times Korrespondent vor Ort war), From Beirut to Jerusalem, S.198

Quellen: Tom Friedman, John H. Kelly (ehem. US Botschafter im Libanon), Wikipedia (Beirut bombing), Wikipedia (Lebanon Civil War), New York Times Archiv

Ärgerlich: eine klassische Fehlinformation zum Thema; erstellt wohl aus aus größter Empörung, aber mit gefährlich mangelhafter Recherche, da der Autor die zeitliche Reihenfolge durcheinander bringt und die USA deshalb als Mit-Verantwortlichen für das Massaker von Sabra und Schatila erscheinen lässt, was völlig abwegig ist, da die Amerikaner zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal im Land waren.

Photo: König Hussein CC Lizenz

Photo: Amin Gemayel CC Lizenz

Photo: Attentat US Headquarter Beirut CC Lizenz